Gegen halb Acht am Donnerstagabend schlendern bloß ein paar unglaublich schlecht getarnte Zivilpolizisten am Bornheimer Uhrtürmchen entlang. Eine Viertelstunde später ist der Platz voll von Menschen. Konrad Zaniewski hat via Facebook gerufen, bald 2000 oder 2500 sind gekommen, um Solidarität mit Derege Wevelsiep zu zeigen. Und um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren.
Natürlich ist die Antifa vor Ort. Aber auch etliche mit deutlich weniger Demonstrationserfahrung. Zwei junge Demonstranten unterhalten sich über den Fall: „Er hat 1942 gesagt, aber nicht Nazi“, sagt das Mädchen. Sie meint die Worte, die Wevelsiep gesagt haben will. „Das sind verkrachte Existenzen, die von sonstwoher kommen, um die Leute zu belästigen“, sagt der Junge. Er meint die Fahrkartenkontrolleure.
Es war ein empörter Aufruf via Facebook. Er brauchte etwas Anschub und dann wurde die Aufforderung, gegen Rassismus in der Polizei und für Solidarität mit dem Gewaltopfer Derege Wevelsiep zu demonstrieren, viral.
Foto: Alex Kraus„VGF – Very German Fahrkartenkontrolleure“ steht auf einem Transparent, sinnigerweise in Fraktur. Doch der Hauptgegner steht heute woanders. „Deutsche Polizisten mobben Zivilisten“ steht auf einem anderen Plakat, und damit wären wir auch beim Hauptgegner.
Der Bericht in der Frankfurter Rundschau über eine anscheinend unbegründete Attacke gegen einen Schwarzen in einer U-Bahn-Station ruft Reaktionen in der Politik und bei der Polizei hervor: Lesen Sie hier weiter.
Ein junger Mann verteilt Zettel mit einer Telefonnummer an die Demonstranten. „Falls Ihr Ärger mit der Polizei habt oder verhaftet werdet, müsst Ihr hier anrufen“, rät er. Ein alter Mann verteilt die neueste Ausgabe des „Spartakist“, rät aber zu nichts.
Es ist kurz nach Acht, als Konrad Zaniewski zum Mikrofon greift. Auch in ihm brennt mit 22 Lenzen noch das Feuer der Jugend, und er hält eine Rede, die, wie er sagt, seine Freundin für ihn geschrieben hat. Es ist eine sehr gutgemeinte Rede, Zaniewski redet zu lang und zu leise, aber er trifft den Ton, wenn er Rassismus im Allgemeinen und rassistische Übergriffe der Polizei im Besonderen anprangert. Am Ende gibt es tosenden Applaus. Und mit einem dreifach donnernden „Alerta, alerta, antifacista“ setzt sich der Demonstrationszug Richtung Hauptwache in Bewegung.
Auf zum Revier
Man werde, hat Zaniewski zuvor versprochen, vor dem Polizeirevier lautstark protestieren. Symbolisch und stellvertretend, „die Richtigen werden wir sowieso nicht antreffen“. Als der Protestzug sich in Bewegung setzt, füllt er die komplette untere Berger Straße. Vorneweg marschiert die Antifa, ein Mann am Megaphon gibt den Einpeitscher, und es dauert nicht lange, bis so um viertel vor Neun der erste Böller fliegt. Auf Demonstrationen der Antifa gehört das zur Folklore, doch etliche der weniger professionellen Demonstranten zeigen sich von der Darbietung eher irritiert. Es fliegen dann noch ein paar Böller. Auf dem Weg die Berger hinab wird die Parole ausgegeben, man wolle zum 1. Polizeirevier auf die Ost-Zeil. Das macht nochmal Laune, auch wenn es eh schon so geplant war. Irgendwer ruft: "BRD - Bullenstaat!" Irgendwer anderes: "Assassine!"
Am Revier dann fliegen Flaschen, eine Polizeischeibe geht zu Bruch, aber Demonstranten stellen sich schützend vor das Revier. Nochmal gut gegangen.
Blockade total
Als der Zug den Übergang zur Konstablerwache erreicht, will man die Konrad-Adenauer-Straße blockieren. Das geht auch leicht, denn der Zug muss da eh rüber, will er zur Hauptwache. Der Zug muss nur stehenbleiben. Tut er. Blockade total. Irgendwer entzündet ein Feuerchen - das ist so ähnlich wie der Bengalo-Effekt im Stadion. Der Zug schiebt sich weiter, die West-Zeil rauf. Die hinten blockieren die Adenauer auch nochmal, aber da man den Abschluss nicht verpassen will, hat sich das auch alsbald erledigt. Die Hauptwache ist in Sicht.
Zwei Männer stützen am 30.09.2010 im Schlossgarten in Stuttgart den verletzten Dietrich Wagner. Bei einer S 21 Demonstration wird er durch einen Wasserwerferstrahl schwer verletzt, der ihn direkt ins Gesicht trifft. Das linke Auge Wagners bleibt völlig zerstört, die Sehkraft des anderen Auges beträgt lediglich noch 8 % und reicht nicht mehr zum Lesen oder Autofahren reichen. Die Stuttgarter Polizei wirft Wagner eine Mitschuld vor, da er sich „nicht weggeduckt“ habe.
Foto: dpaDerege Wevelsiep, der Mann, der die Massen mobilisiert hat, der, wie er sagt, von Kontrolleuren rassistisch angepöbelt und von Polizisten zusammengeschlagen worden war, ist bei dieser Demonstration nicht dabei. Sein Konterfei fehlt auch bei den Köpfen, die auf Transparenten zu sehen sind und die Menschen zeigen, die, so sagen es zumindest die Schilder, von Polizisten getötet wurden.
Die Polizei hält sich an diesem Abend zurück. Eine vernünftige Einstellung, könnte man meinen. Zaniewski hatte zuvor eine andere Erklärung für die deeskalierende Strategie gefunden: „Sie kriechen.“
Ein Schwarzer gerät in der U-Bahn in Konflikt mit Fahrkarten-Kontrolleuren und der Polizei Frankfurt. Am Ende liegt er im Krankenhaus. Die Polizei sieht sich Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt. Das Spezial.
Derege Wevelsiep steigt Mitte Oktober mit gültigem Fahrausweis in eine Frankfurter U-Bahn - und wird nach einem Wortgefecht mit Kontrolleuren von herbeigerufenen Polizisten verprügelt.
Wegen seiner Verletzungen muss er drei Tage im Krankenhaus bleiben.
Die Frankfurter Polizei ermittelt intern gegen vier Beamte des 6. Reviers, die der äthiopischstämmige Diplom-Ingenieur beschuldigt, ihn geschlagen zu haben. Sein Anwalt wirft den Beamten Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung vor.
Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los, über soziale Netzwerke wird eine Solidaritäts-Demo organisiert.
Auch der Landtag befasst sich mit dem Fall.
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