Polizeigewalt und Rassismus-Vorwürfe
Rassismus-Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienste im Rhein-Main-Gebiet häufen sich. Eine Sammlung solcher Fälle und der Debatte darüber.

08. November 2012

Polizei Rassismus Frankfurt Wevelsiep: 2000 demonstrieren gegen Polizeigewalt

 Von Stefan Behr
Am Uhrtürmchen: Facebooker demonstrieren gegen Rassismus. Foto: Alex Kraus

Mehr als 2000 Menschen ziehen bei einer auf Facebook initiierten Demonstration von Bornheim-Mitte bis zur Frankfurter Hauptwache. Sie zeigen ihre Solidarität mit Derege Wevelsiep. Und bestätigen sich ihr Feindbild Polizei. Die hält sich aber zurück.

Drucken per Mail

Gegen halb Acht am Donnerstagabend schlendern bloß ein paar unglaublich schlecht getarnte Zivilpolizisten am Bornheimer Uhrtürmchen entlang. Eine Viertelstunde später ist der Platz voll von Menschen. Konrad Zaniewski hat via Facebook gerufen, bald 2000 oder 2500 sind gekommen, um Solidarität mit Derege Wevelsiep zu zeigen. Und um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren.

Natürlich ist die Antifa vor Ort. Aber auch etliche mit deutlich weniger Demonstrationserfahrung. Zwei junge Demonstranten unterhalten sich über den Fall: „Er hat 1942 gesagt, aber nicht Nazi“, sagt das Mädchen. Sie meint die Worte, die Wevelsiep gesagt haben will. „Das sind verkrachte Existenzen, die von sonstwoher kommen, um die Leute zu belästigen“, sagt der Junge. Er meint die Fahrkartenkontrolleure.

„VGF – Very German Fahrkartenkontrolleure“ steht auf einem Transparent, sinnigerweise in Fraktur. Doch der Hauptgegner steht heute woanders. „Deutsche Polizisten mobben Zivilisten“ steht auf einem anderen Plakat, und damit wären wir auch beim Hauptgegner.

Reaktionen

Der Bericht in der Frankfurter Rundschau über eine anscheinend unbegründete Attacke gegen einen Schwarzen in einer U-Bahn-Station ruft Reaktionen in der Politik und bei der Polizei hervor: Lesen Sie hier weiter.

Ein junger Mann verteilt Zettel mit einer Telefonnummer an die Demonstranten. „Falls Ihr Ärger mit der Polizei habt oder verhaftet werdet, müsst Ihr hier anrufen“, rät er. Ein alter Mann verteilt die neueste Ausgabe des „Spartakist“, rät aber zu nichts.

Es ist kurz nach Acht, als Konrad Zaniewski zum Mikrofon greift. Auch in ihm brennt mit 22 Lenzen noch das Feuer der Jugend, und er hält eine Rede, die, wie er sagt, seine Freundin für ihn geschrieben hat. Es ist eine sehr gutgemeinte Rede, Zaniewski redet zu lang und zu leise, aber er trifft den Ton, wenn er Rassismus im Allgemeinen und rassistische Übergriffe der Polizei im Besonderen anprangert. Am Ende gibt es tosenden Applaus. Und mit einem dreifach donnernden „Alerta, alerta, antifacista“ setzt sich der Demonstrationszug Richtung Hauptwache in Bewegung.

Auf zum Revier

Man werde, hat Zaniewski zuvor versprochen, vor dem Polizeirevier lautstark protestieren. Symbolisch und stellvertretend, „die Richtigen werden wir sowieso nicht antreffen“. Als der Protestzug sich in Bewegung setzt, füllt er die komplette untere Berger Straße. Vorneweg marschiert die Antifa, ein Mann am Megaphon gibt den Einpeitscher, und es dauert nicht lange, bis so um viertel vor Neun der erste Böller fliegt. Auf Demonstrationen der Antifa gehört das zur Folklore, doch etliche der weniger professionellen Demonstranten zeigen sich von der Darbietung eher irritiert. Es fliegen dann noch ein paar Böller. Auf dem Weg die Berger hinab wird die Parole ausgegeben, man wolle zum 1. Polizeirevier auf die Ost-Zeil. Das macht nochmal Laune, auch wenn es eh schon so geplant war. Irgendwer ruft: "BRD - Bullenstaat!" Irgendwer anderes: "Assassine!"

Am Revier dann fliegen Flaschen, eine Polizeischeibe geht zu Bruch, aber Demonstranten stellen sich schützend vor das Revier. Nochmal gut gegangen.

Blockade total

Als der Zug den Übergang zur Konstablerwache erreicht, will man die Konrad-Adenauer-Straße blockieren. Das geht auch leicht, denn der Zug muss da eh rüber, will er zur Hauptwache. Der Zug muss nur stehenbleiben. Tut er. Blockade total. Irgendwer entzündet ein Feuerchen - das ist so ähnlich wie der Bengalo-Effekt im Stadion. Der Zug schiebt sich weiter, die West-Zeil rauf. Die hinten blockieren die Adenauer auch nochmal, aber da man den Abschluss nicht verpassen will, hat sich das auch alsbald erledigt. Die Hauptwache ist in Sicht.

Derege Wevelsiep, der Mann, der die Massen mobilisiert hat, der, wie er sagt, von Kontrolleuren rassistisch angepöbelt und von Polizisten zusammengeschlagen worden war, ist bei dieser Demonstration nicht dabei. Sein Konterfei fehlt auch bei den Köpfen, die auf Transparenten zu sehen sind und die Menschen zeigen, die, so sagen es zumindest die Schilder, von Polizisten getötet wurden.

Die Polizei hält sich an diesem Abend zurück. Eine vernünftige Einstellung, könnte man meinen. Zaniewski hatte zuvor eine andere Erklärung für die deeskalierende Strategie gefunden: „Sie kriechen.“

Was hilft gegen Rassismus??
Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Spezial

Rassismus-Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienste im Rhein-Main-Gebiet häufen sich. Eine Sammlung solcher Fälle und der Debatte darüber. Das Spezial.


Polizeiwalt und Rassismus
Zur Sache

Derege Wevelsiep steigt Mitte Oktober 2012 mit gültigem Fahrausweis in eine Frankfurter U-Bahn - und wird nach einem Wortgefecht mit Kontrolleuren von herbeigerufenen Polizisten verprügelt.

Wegen seiner Verletzungen muss er drei Tage im Krankenhaus bleiben.

Die Frankfurter Polizei ermittelt intern gegen vier Beamte des 6. Reviers, die der äthiopischstämmige Diplom-Ingenieur beschuldigt, ihn geschlagen zu haben. Sein Anwalt wirft den Beamten Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung vor.

Im Internet bricht ein Sturm der Entrüstung los, über soziale Netzwerke wird eine Solidaritäts-Demo organisiert.

Auch der Landtag befasst sich mit dem Fall.

Polizeigewalt und Rassismus
Fotostrecke
Frankfurter Hauptbahnhof von oben

Der Frankfurter Hauptbahnhof - aus der Luft fotografiert von Sascha Rheker. Weitere Motive in unserer Premium-Galerie.

Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie bitte auf das orange Symbol.

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Was hilft gegen Rassismus??

Rassismus-Problem bei der deutschen Polizei, was kann dagegen helfen?

Anteil der Migranten unter Beamten sollte dem Anteil der Migranten an der Bevölkerung entsprechen.
Jeder Beamte muss regelmäßig Anti-Rassismus-Training absolvieren.
Eine unabhängige Beschwerdestelle muss gegen Beamte ermitteln und nicht Kollegen gegen Kollegen.
Social Media
In Twitter informieren wir als FRlokal über Frankfurt und Rhein-Main. Folgen Sie uns!
Spezials