Weblog: Countdown für Obama
Damir Fras, Olivia Schoeller und Daniel Haufler bloggen über die US-Präsidentschaftswahl

05. April 2012

Hoodie - ein Kleidungsstück bedingt Vorurteile: Schwarze bei Nacht

 Von Daniel Haufler
Der demokratische Abgeordnete Bobby Rush zog einen Hoodie unter seinem Hemd hervor, als er im Parlament in Washington zum Mord an Trayvon Martin sprach. Foto: dapd

Der Hoodie gehört zu den populärsten Kleidungsstücken in den USA. Seit dem Tod des 17-jährigen Trayvon Martin ist er außerdem zum Symbol im Kampf gegen Vorurteile geworden.

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Eiskalt weht der Wind durch Philadelphia. Es schneit, grauer Dunst hüllt die Stadt ein, als ein einsamer Jogger die Stufen vor dem Kunstmuseum hoch hastet. Plötzlich bleibt er stehen, wendet sich um und reckt die Faust in Himmel. Yeah! Dieses ikonische Bild aus dem Film „Rocky“ von 1976 hat sich ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt.

Der Film machte den Schauspieler Silvester Stallone zum Star und, anfangs eher wenig beachtet, ein Kleidungsstück populär: den Hoodie (Kapuzenpullover).

Mit einem grauen Hoodie bekleidet joggt Rocky durch die Straßen und schlägt in einem Kühlhaus auf Rinderhälften ein, um sich in Form zu bringen für den großen Kampf. Der Ort ist gut gewählt, denn in den dreißiger Jahren hatte die Firma Champion den Hoodie tatsächlich für die Arbeiter in Kühlhäusern entwickelt. Es war die Kleidung von unterbezahlten Underdogs.

Dieses Image passt zu Rocky und machen sich die Hiphopper zu eigen, die in jener Zeit am liebsten Hoodie tragen. Er war nicht nur bequem, er verlieh ihnen, wenn sie die Kapuze über den Kopf zogen, zudem eine düstere Aura, einfach cool eben.

Heute tragen ihn Enkel und Großväter gleichermaßen, ob beim Joggen oder beim Dinner. Populäre Marken wie Tommy Hilfiger und Ralph Lauren und sogar Edel-Designer wie Gucci und Versace bieten seit Jahren Hoodies in ihren Kollektionen an. Wie Jeans und Sneaker sind sie heute Mainstream-Klamotten.

Es ist also kein Wunder, dass Trayvon Martin an jenem 26. Februar, als er in Sandford (Florida) erschossen wurde, einen Hoodie trug. Und doch war er womöglich unvorsichtig. Etliche schwarze Journalisten wie Robert Samuels machen sich darüber in den letzten Tagen Gedanken. Sie berichten von Regeln, die sie sich selbst aus Angst vor Missverständnissen auferlegt haben: Nie draußen bei Nacht tragen oder nur im Beisein von Frauen und/oder weißen Freunden. Der TV-Moderator Geraldo Rivero geht sogar noch weiter und macht den Hoodie mitverantwortlich für den Tod Trayvons:

Gleichzeitig hat sich eine Protestbewegung formiert, die Gerechtigkeit für Trayvon fordert und sich den Hoodie zum Symbol erkoren hat. Der Kongressabgeordnete Bobby Rush hat ihn sich kürzlich übergestreift, als er eine Rede im Parlament hielt. Demonstranten tragen ihn (siehe Bildgalerie) und die Basketballspieler von Miami Heat posieren demonstrativ, wie ein Twitter-Bild von LeBron James zeigt, um gegen das Klischee der gefährlichen Hoodie-Träger anzugehen:

Am schönsten dekonstruieren die Studenten der Howard University das Stereotyp „Trägst Du als Schwarzer einen Hoodie, bist Du verdächtig“. Genau das scheint ja George Zimmerman gedacht zu haben, als der unbewaffneten Trayvon Martin niederschoss.

In dem Video „Am I Suspicious?“ treten Studenten anfangs mit Kapuze über dem Kopf vor die Kamera und fragen finster: „Bin ich verdächtig“, um sich danach ohne Kopfbedeckung freundlich vorzustellen. Der Kniff funktioniert in der Tat. Zuerst wirken sie wirklich etwas bedrohlich, bevor alle nur noch wie nette Jungs aussehen.

Der Hoodie ist in kurzer Zeit zum Symbol geworden für einen Kampf gegen Vorurteile und für mehr Toleranz in einer gespaltenen Gesellschaft. Das ist schon etwas. Ich habe meinen Hoodie auch mal wieder aus dem Schrank geholt.

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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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