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Damir Fras, Olivia Schoeller und Daniel Haufler bloggen über die US-Präsidentschaftswahl

22. Juli 2012

Kommentar zum Waffenrecht: Amerika schweigt und betet

 Von 
Blumen für die Opfer des Amokläufers in Aurora.Foto: dapd

In den USA ist die Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden, 40 mal größer als in Kanada, England oder Deutschland. Doch auch der jüngste Amoklauf in einem Kino in Aurora mit zwölf Toten wird nichts ändern - denn die meisten Politiker haben Angst vor der mächtigen Waffenlobby.

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Die Reaktion ist immer die Gleiche: Entsetzen, Fassungslosigkeit, Trauer, Gebete, Verdrängen. Die ersten vier Phasen dieses Reaktionszyklus durchlaufen amerikanische Politiker mittlerweile in wenigen Stunden. Für die letzte Phase brauchen sie ein paar Wochen. So war es nach dem Massaker in der Columbine High School 1999, dem Amoklauf in der Virginia Tech Universität 2007, dem Anschlag auf die Kongressabgeordnete Gabby Gifford und ihre Mitarbeiter 2011. So wird es auch nun wieder sein nach dem Blutbad in Aurora.

Präsident Barack Obama lässt wie sein Herausforderer Mitt Romney den Wahlkampf ruhen und ist an den Ort der Tat gereist. Beide fühlen mit Opfern und deren Angehörigen, beten für sie, bieten Hilfe an, wollen, dass der Täter seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Doch sie betonen, dass jetzt keine Zeit für Politik sei – so wie es auch früher fast alle Politiker nach solchen Morden getan haben. Dabei wäre jetzt der einzig richtige Zeitpunkt, sich zu fragen, wie konnte es wieder zu so einer schrecklichen Tat kommen, und wie ließe sie sich verhindern? Jetzt hört die Nation zu.

Nur: Wenn die US-Politiker sich das nun ernsthaft fragten, müssten sie als Antwort in Erwägung ziehen, dass die Bürger zu leicht an Waffen kommen. Waffen wie Sturmgewehre oder Pumpguns. Waffen, mit denen sich in kurzer Zeit viele Menschen verletzen und töten lassen. Waffen wie das Sturmgewehr AR15, dessen Kugeln mit solch einer Wucht aus dem Lauf geschossen werden, dass sie mehrere Körper durchschlagen können. Mit so einem Gewehr hat der Täter in Aurora seinen blutigen Anschlag verübt.

Die Politiker wagen sich an das Waffenthema jedoch nicht heran, weil sie sich vor der mächtigen Waffenlobby, der National Riffle Association (NRA), fürchten. Sie verhindert seit langem strengere Waffengesetze. Ihr wichtigstes Argument ist sehr schlicht: Waffen bringen keine Menschen um, Menschen bringen Menschen um. Ja, sie geht noch weiter. Nach jedem Massaker – so auch dieses Mal – findet sich irgendein Vertreter der Waffenlobby, der postuliert, es hätte gar nicht derart viele Tote gegeben, wenn eines der Opfer bewaffnet gewesen wäre und sich daher hätte wehren können. Eigentlich sollte jeder Amerikaner stets bewaffnet sein.

Im Übrigen hätten es die Gründerväter so gewollt, als sie im zweiten Verfassungszusatz jedem das Recht auf Waffenbesitz garantierten – zumindest nach Auffassung der Mehrheit der Amerikaner und eines Urteils des konservativen Supreme Court von 2008. Seitdem ist in der Politik fast jegliche Kritik am aktuellen Waffenrecht verstummt. Lediglich ein paar mutige Abgeordnete wie die Demokratin Carolyn McCarthy und New Yorks parteiloser Bürgermeister Michael Bloomberg stellen sich gegen den politischen Mainstream und lassen sich nicht von der Furcht leiten, Wählerstimmen zu verlieren, sollten sie den Waffenbesitz restriktiv reglementieren wollen. Der Rest schweigt und betet. Oder befasst sich mit den Motiven des Einzeltäters. Das ist einfacher.

Dabei ist es in den USA die Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden 40-mal größer als in Kanada, England oder Deutschland. Über 30 000 Menschen sterben in Amerika pro Jahr durch Schusswaffen. In der Hälfte der Haushalte liegt wenigstens eine Pistole in irgendeiner Schublade, und selbst Sturmgewehre in vielen Bundesstaaten sind leicht und ganz legal zu bekommen. Zudem kann man Munition heutzutage bequem im Internet bestellen, so wie es der Schütze von Aurora getan hat. Statt jedoch den Verkauf von Sturmgewehren oder anderen Waffen zu verbieten, mit denen sich 100 Schuss am Stück abgeben lassen ohne nachzuladen, schlagen konservative Politiker vor, es solle erlaubt werden, Waffen in Flughäfen oder Kindergärten zu tragen.

Wie kann das nur sein? Vielleicht, weil die USA trotz ihrer Stärke ein Land der Angst geworden sind. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor sozialem Abstieg, Angst vor Einwanderung. Vor allem die einst breite Mittelschicht hat das letzte Jahrzehnt als Zeit der Krisen wahrgenommen. Der gesellschaftliche Konsens ist bei zentralen politischen Fragen zerbrochen. Die führt zum Rückzug auf das Private, die Betonung des Individualismus und des Rechts wenigstens sich und die Seinen selbst zu verteidigen – ganz im Geiste der guten alten Frontier-Zeit. Dem Staat ist ja nicht zu trauen. In diesem Sinne lehnen vor allem weiße Amerikaner jegliche Intervention der Regierung ab, ob bei der Gesundheitsvorsorge, dem Einwanderungsrecht oder der Waffenkontrolle. Sie erkennen nicht, dass genau diese irrationale Verweigerungshaltung ihre Probleme nur verschlimmert. Am Ende erreichen sie damit nur eine Gesellschaft, die so düster und gottvergessen ist wie Batmans Gotham City in dem Film „The Dark Night Rises“, der in Aurora in der Nacht des Massakers gezeigt wurde.

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US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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