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Missbrauchs-Prozess: Wegsehen in der Kleinstadt

Ein Priester aus Fritzlar steht wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht. Die Bewohner der nordhessischen Stadt verstehen jedoch nicht, dass der Prämonstratenser-Orden, zu dem auch der beschuldigte Priester gehörte, aus Fritzlar verschwunden ist.

Der St. Petri-Dom zu Fritzlar.  Foto: dpa

Für die Opfer hat niemand eine Messe bestellt. Wenn in Fritzlar am heutigen Abend die katholische Gemeinde zusammenkommt, dann wird für die Priester und Ordensschwestern gebetet, die in dem nordhessischen Städtchen gewirkt haben. So steht es in der Gottesdienstordnung, so hat es sich ein Gemeindemitglied gewünscht. Ausgerechnet für diesen Donnerstag, an dem sich im Kasseler Landgericht ein ehemaliger Gottesmann aus Fritzlar auf die Anklagebank setzen muss – weil er sich elf Jahre lang an Ministranten vergangen haben soll, vor Gericht muss er sich wegen sexuellen Missbrauchs in 164 Fällen verantworten.

Fritzlar ist eine katholische Enklave im protestantischen Nordhessen. Hoch ragen die Türme des spätromanischen Doms in den trüben Novemberhimmel. Die mächtige Kirche, die sich offiziell päpstliche Basilika nennen darf, aber ist geschlossen: Bauarbeiten. Ein treffliches Symbol auch für den Zustand der gut 3000 Mitglieder zählenden katholischen Gemeinde, die hier ihr Zuhause hat. „Ort des Friedens“ wird der Name der malerischen Fachwerkstadt übersetzt. Doch seit die Welle von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche im Sommer auch Fritzlar erreichte, ist es mit dem Frieden vorbei.

Mitte Juni wurde Bruder Michael – oder Hansjörg L. (50), wie er bürgerlich heißt – in Untersuchungshaft genommen. Er gab zu, jahrelang Messdiener begrapscht zu haben. Auf seinem Computer fand die Polizei zudem Kinderpornos aus dem Internet. „Eine Person hat es unfreiwillig geschafft, eine ganze Kleinstadt umzukrempeln“, bilanziert Stadtpfarrer Jörg Stefan Schütz. Zumindest in der katholischen Gemeinde schlugen die Wogen hoch: Vorwürfe, Misstrauen, Rücktritte. „Ich stelle mich darauf ein, dass der Seegang mit dem Prozess noch einmal höher wird“, sagt Schütz.

Erst seit zwei Monaten ist der 44-Jährige im Amt. Er wurde vom Bistum Fulda zum neuen Stadtpfarrer ernannt, nachdem der Orden der Prämonstratenser, zu dem auch Bruder Michael gehörte, sein Kloster in Fritzlar wegen der Missbrauchsfälle kurzerhand geschlossen und alles Personal abgezogen hatte. Seitdem ringt er um Vertrauen – und das nicht nur bei denen, die nach Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe auf Distanz zur Kirche gegangen sind.

Bedürfnis nach Normalität

Denn es gab auch die anderen: Katholiken, die selbst dann noch an die Unschuld des Paters glauben wollten, als der schon längst ein Geständnis abgelegt hatte. Die von „Hetze“ sprechen und es nicht verstehen können, dass die Prämonstratenser verschwunden sind. „Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll“, schrieb ein Leser auf dem Internetportal „Orden online“. „Wenn einer im Strafraum foult, gleich die ganze Mannschaft vom Platz zu stellen?“ Dies, erzählt eine Bürgerin, sei das Thema, das die Gemüter in Fritzlar auch heute noch bewege. Der Missbrauch dagegen? „Eher weniger.“

Dabei harrt eine Frage, um die von Beginn an hart gestritten wurde, immer noch ihrer Beantwortung: Wer wusste wann wie viel? Der angeklagte Priester soll von 1992 bis 2003 sechs Ministranten – alles Kinder unter 14 Jahren – immer wieder an die Geschlechtsteile gefasst haben. Zum Teil vor laufender Videokamera. Dass davon niemand in der Kirche etwas bemerkt haben will, mögen viele nicht glauben. Von altbekannten Gerüchten ist die Rede, und von Hinweisen, die folgenlos geblieben seien. Inzwischen haben sich Vorwürfe verschärft: Erstmals sprachen zwei der elf Opfer von sexuellem Körperkontakt, wie die Missbrauchsbeauftragte des Prämonstratenser-Ordens, Meike Schoeler, am Mittwoch sagte.

Gegen den Prior des Prämonstratenser-Ordens ermittelt die Staatsanwaltschaft deshalb wegen des Verdachts der Beihilfe zum Missbrauch. Sein Ordensbruder Michael war als Religionslehrer an der bischöflichen Ursulinenschule in Fritzlar tätig gewesen. Die Festnahme, sagte Schulleiterin Jutta Ramisch damals, habe das Kollegium „geschockt“. Heute klingt sie erleichtert, wenn sie betont: „Hier in der Schule sind keine Fälle.“

Das Bedürfnis, zur Normalität zurückkehren, ist offensichtlich. Auch Bürgermeister Karl-Wilhelm Lange möchte von einer zerrissenen Stadt oder auch bloß von Unruhe in den mittelalterlichen Mauern nichts wissen. „Man ist weitgehend wieder zur Tagesordnung übergegangen.“ ( mit dpa)

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  24 | 11 | 2010
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