Es ist ein Dilemma: Während Japan gegen die Eskalation der Katastrophe kämpft, muss man über Atomkraft generell sprechen. Dafür wird man dann der Fühllosigkeit geziehen. Tatsächlich gab es Gewagtheiten wie den Spruch, Fukushima sei überall, der den geschätzten Kollegen Claudius Seidl von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sehr erregte. Oder den Versuch auf einer spontanen Demonstration am Brandenburger Tor die Gefahren der Atomkraft dramatisch zu visualisieren, wo die Bilder aus Japan doch mehr als genügten.
Es gab reißerisch aufbereitete Bürgerberatungen bezüglich der hiesigen Strahlenbelastung. Darüber erregte sich Klaus Hartung im Tagesspiegel und diagnostizierte den Empörten eine Angstlust. Damit bezeichnen Psychoanalytiker die Sucht nach imaginierten Verlusterfahrungen, die mit dem Wiedererlangen von Sicherheit belohnt wird. Und die Reaktion Angela Merkels, sofort Kraftwerke herunterzufahren, wird im In- und Ausland als geradezu albern kritisiert.
Die Empörung über die Empörten ist freilich selbst, wenn man das denn thematisieren möchte, fühllos. Sie lenkt selbst von der noch lange schwelenden Bedrohung für Tokio ab. Schlimmer noch: Sie entlarvt sich als perfiden Angriff auf die Atomkraftgegner, indem sie nicht gleichzeitig die Befürworter der gefährlichen Technik mit in ihre Kritik einbezieht.
Ganz selbstverständlich kommen diese nämlich zu Wort, ohne im gleichen Atemzug menschlich disqualifiziert zu werden: So sprach RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann im Interview mit der „Zeit“ in mehreren rhetorischen Kurzschlüssen statt vom Risiko lieber vom Cash-flow und meinte, dass Atomkraft in Deutschland verantwortbar sei.
Absurde, inhumane Relativierungen machten in Fernsehen und Kneipen die Runde: Autofahren fordere auch Opfer. Das ganze Denken der an der Rettung der sauberen Kernenergie Interessierten ist lesbar gewesen. William Tucker merkte in der Washington Post sogar an, dass die Reaktoren ja nie wieder angefahren werden können, seit sie mit Meerwasser geflutet wurden.
Die beiden deutschen Begriffe Angst und Lust sind im Angelsächsischen gängig, der Begriff der Angstlust wurde auch vom britischen Psychoanalytiker Michael Balint entwickelt. Im Englischen wiederum hat sich in den letzten Jahren das schöne Wort „flipping the tortilla“ durchgesetzt, das die Technik bezeichnet, in einem Argument so schnell eine Variable zu tauschen, dass es der Opponent nicht merkt. Dabei wird das unterlegene Argument auf den Opponent übertragen. Meist merkt es der Redner selbst gar nicht.
„Flipping the tortilla“ findet gewiss statt, wenn man ausgerechnet den Atomkraftgegnern Fühllosigkeit gegenüber individuellen menschlichen Schicksalen und Lust an der Apokalypse unterstellt, vor der sie warnen. Gewiss: Oft tun sie das hilflos und theatralisch, manchmal flehend, denn gehört werden sie naturgemäß nicht gern. Es wäre ja doch zu schön, wenn die Kernspaltung nutzbar wäre, und es zieht angeblich viel Mühsal nach sich, wenn man darauf verzichtet.
Um die Ursache des Unbehagens möglichst schnell zu beseitigen, möchte man da erstmal den Mahner zum Schweigen bringen, der sich seit Jahrzehnten nur wiederholt und eben diese Verzweiflung in der Stimme hat: Ein Teufelskreis.
Aber mal ehrlich: Wer ist schon gern Atomkraftgegner? Wer das gern ist, der nervt wirklich. Der ist auch meist gegen Kernfusion und trauert wie irre um tote Vögel unterm Windrad. Davor wirkt die Bequemlichkeit, nicht gegen Atomkraft zu sein, lässig und geradzu sexy.
Den Gipfel in der Technik dieser Selbsttäuschungen hat jetzt der britische Publizist George Monbiot bestiegen. Für den Londoner Guardian schrieb er einen sehr absehbaren Text mit dem Titel: Fukushima, Eine Werbung für die Atomkraft.
Seine Argumentation ist simpel: „Da wird eine miese alte Anlage mit unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen von einem Monster-Erdbeben und einem riesigen Tsunami getroffen. Die Stromversorgung fällt aus und legt das Kühlsystem lahm, woraufhin die Reaktoren zu explodieren anfangen und eine Kernschmelze beginnt. Das Desaster offenbart die altbekannten Folgen von schlechtem Design und Schluderei. Und doch hat meines Wissens noch niemand eine tödliche Strahlendosis abbekommen.“ Deshalb ist Monbiot neuerdings für die Atomkraft.
Wie zynisch. Geschrieben hat Monbiot das, während Feuerwehrmänner ihre Gesundheit und ihr Leben hingeben, um Tokio zu retten. Er hat es geschrieben, während das Kraftwerk strahlt und die Werte in der Umgebung steigen und noch keine Aussicht auf ein Ende der Lecks besteht. Er hat es geschrieben, während die Menschen in Fukushima aus Notunterkünften zusehen müssen, wie ihre Lebensgrundlage womöglich für Generationen zerstört wird, während Trinkwasser in Tokio für Babys gesperrt werden musste und im Reaktor drei das Plutonium noch ohne Kontrolle ist.
Ja, ich hoffe, dass er noch viele tausend Tonnen Meerwasser aushält, falls das nötig ist, und obwohl es verseucht zurück ins Meer fließt. Denn noch wissen wir nicht, wie weit wir vom Schlimmsten entfernt sind.
Radioaktivität, das ist keine schöne Sache, wirkt schleichend tödlich. Deshalb äußern die vom Fernsehen auf der Straße befragten Japaner ja auch ihre Angst, – oh, Entschuldigung: ihre Besorgnis. Sie macht übrigens krank. Und wenn ich das sage, leide ich nicht an Angstlust. Viemehr frage ich mich seit Jahrzehnten, was die Abwiegler bewegt, die Brücke der Arche Noah zu besteigen und die Posaune zu blasen. Ist es die Lust an der Apokalypse, das wunderbare Sehnen dem Abgrund zu, wo man doch grad nochmal gerettet wurde?
Ja, Deutschland ist ein Land mit Vor- und Nachteilen, und Angela Merkels Motive sind durchsichtig. Aber der nächste Unfall wird wieder ganz anders sein. Da ist es gut, dass schon mal ein paar Atomkraftwerke abgestellt wurden. Hoffentlich werden sie beim Abkühlen gut bewacht. Denn das dauert.
Ralf Bönt ist promovierter Physiker, er lebt als Schriftsteller in Berlin.