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Gastbeitrag: Wie Hedgefonds von der Krise profitieren

Nach dem Börsencrash 1929 reagierte die Politik mit einer intensiven Regulierung der Finanzmärkte. Die wäre auch heute nötig, um die Spekulation zu bremsen.

Spanien: Seit Wochen demonstrieren Tausende vor allem junge Menschen gegen die Sparpolitik. Genauso wie in Griechenland oder Italien fürchten die jungen Spanier, dass dem Spardiktat auch ihre Zukunftschancen zum Opfer fallen. Foto: rtr

Die Angst vor dem großen Börsencrash geht um – zumindest in den Medien. Dabei glänzen in der Berichterstattung, abgesehen von wenigen rühmlichen Ausnahmen, wieder einmal die Analysten mit einem komplizierten Sprachgebrauch und durch Nichtwissen. Und die komplexen Techniken der Chartanalysten erweisen sich oft als Kaffeesatzleserei.

Sicher, Computermodelle, die in bestimmten Situationen den Verkauf von Aktien veranlassen und dadurch Kursabstürze forcieren, spielen eine Rolle. Doch sie sind nicht verantwortlich für den schwarzen und dann doch nur grauen Montag. Hinter dieser Entwicklung stehen ganz andere Mechanismen, die sich in diesem scheinbaren Börsenchaos durchsetzen. Diese Mechanismen werden durch milliardenschwere Hedgefonds in Gang gesetzt. Sie nutzen Leerverkäufe von Wertpapieren, um so gewinnbringend auf den erhofften Kursabsturz zu setzen. Hinzu kommen lukrative Kreditausfallversicherungen (CDS), mit denen sie erfolgreich auf die Zahlungsunfähigkeit angeschlagener Krisenstaaten spekulieren. Dazu zählen heute Griechenland, Italien, Spanien und auch Irland.

Der jüngste Test auf die Zahlungsunfähigkeit eines Eurolandes lehrt: Mit urplötzlicher Gewalt wurde in Italien auf eine Pleite und damit auch eine Überforderung des EU-Rettungsschirms gewettet. Die Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen sind gestiegen und der Preis für Kreditausfallversicherungen sprang nach oben. Und jetzt ist Frankreich dran. Das ist ein gezielter Angriff der Hedge- und anderer Investmentfonds – ohne dass es dazu einer Kommandozentrale bedarf. Vielmehr geht es um ein gleichgerichtetes, renditegetriebenes Verhalten im Klima der Krise. Die Spekulationskampagne hat riesige Gewinne in die Kassen der Fonds gespült.

Die Fonds wollen Prämien kassieren

Rudolf Hickel
Rudolf Hickel

Verängstigt durch diese Spekulationsattacken sind selbst große Geldinstitute, die zum Verkauf ihrer italienischen Staatsanleihen, aber auch ihrer Kreditausfallversicherungen veranlasst wurden. Die Fonds haben die preiswerten CDS aufgekauft, um jetzt die durch Panik in die Höhe getriebenen Prämien zu kassieren. Zu der Spekulationsattacke gehört auch die Kalkulation, dass eine verschreckte EU nicht weiß, ob sie Italien am Ende durch die Ausweitung des Rettungsfonds auffangen soll.

Deutlich wird: Die bedrohlichen Erschütterungen des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus vollziehen sich nicht in einem von ökonomischen Interessen freigehaltenem Raum. Letztlich setzen in der Anonymität der Börsen – auch durch Nutzung der unkontrollierten Geschäfte außerhalb der Börsen – die Finanzoligopole ihre Geschütze ein. Die Macht der Spekulationsfonds enthüllt die Bedeutungslosigkeit der Politik. Ja, Politik und Gesellschaft, aber auch die Akteure in der Produktion ökonomischer Werte werden über beängstigende Kursverluste an der Börse in Geiselhaft genommen. Zugleich nützen die Spekulanten die in der Öffentlichkeit verbreiteten Ängste wegen der horrenden Staatsschuldenstände geschickt aus.

Eines lehrt die Erinnerung an den Börsencrash, der nach 1929 zur Weltwirtschaftskrise führte: Nur eine intensive Regulierung der Finanzmärkte hilft gegen gefährliche Spekulation. Die Börsenaufsicht sowie die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken wurden geschaffen. Trotz der vielen vollmundigen Ankündigungen ist der Kampf gegen die schlimmsten Auswüchse der erstmals 2001 sichtbar gewordenen, jüngsten Finanzmarktkrise ausgeblieben. Leerverkäufe von Wertpapieren wurden nicht verboten, Kreditausfallversicherungen nicht reguliert. Hedgefonds wachsen mit aus den Banken ausgelagerten Zweckgesellschaften zu unkontrollierten Schattenbanken zusammen. Und das Rating-Triopol wirkt als Brandbeschleuniger. Mit dieser Konstellation ist die Niederlage einer heute gestaltenden Politik programmiert. Wenige Megafonds können ganze Volkswirtschaften oder sogar die Eurozone in den Absturz spekulieren. Finanzmanager untergraben die Demokratie.

Vorrang der Politik

National und international muss endlich die Hegemonie der strategischen Finanzfonds und der Ratingagenturen zugunsten eines Vorrangs der Politik gebrochen werden. Dazu sind strenge Regulierungen nötig – vor allem gegenüber den neuen Schattenbanken, eine Verhaltenskontrolle der Finanzmanager sowie das Verbot von ökonomisch schädlichen Spekulationsinstrumenten wie mehrfach verpackten Wertpapieren, Kreditausfallversicherungen und Leerverkäufen.

Um die Führungsrolle der Politik im Prozess der Globalisierung wieder zu erlangen, sollte eine weltweite Finanztransaktionssteuer eingeführt werden. Zudem muss die EU der wilden Spekulation endlich eine gemeinsam verantwortete Politik entgegensetzen. Und zu guter Letzt gehört zu einer ernsthaften Sanierungsstrategie für die Länder in der Schuldenkrise, dass deren Wirtschaftskraft gestärkt wird.

Rudolf Hickel war bis 2009 Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) und Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Bremen.

Autor:  Rudolf Hickel
Datum:  12 | 8 | 2011
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