Anfang der achtziger Jahre machten sich die Politiker Sorgen. Parteiübergreifend fürchtete man, große Teile der Jugend könnten die etablierten Werte und Lebensstile ablehnen und in Folge davon die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Gesellschaft gefährden. Der Deutsche Bundestag setzte deshalb 1981 eine Kommission ein, die sich mit dem „Jugendprotest im demokratischen Staat“ befasste.
Knapp 30 Jahre später kann man die befürchtete Abkehr vom Staat und die Tendenzen einer allgemeinen Entinstitutionalisierung durchaus als Triebfeder einer bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte betrachten. Was als radikale Suchbewegung nach gesellschaftspolitischen Alternativen begann, mündete auf vielfältige Weise in individuellen und kollektiven Etablierungsstrategien. Grüne Politik ist heute mehrheitsfähig, die Handreichungen von Managern lesen sich wie Leitfäden für Körpertherapie, und der Sound der frühen Jahre reüssiert gleich neben der Volksmusik von Carmen Nebel.
Was sich in der Rückschau als Phase eines nachholenden sozialen Wandels darstellen lässt, haben die Autoren des von Sven Reichardt und Detlef Siegfried herausgegebenen Bandes in materialreichen Einzelanalysen zusammengetragen. Was das alternative Milieu war, wie es sich selbst verstand und was aus ihm wurde, erscheint hier in einer Art reflexiver Chronik, die Auskunft gibt über die transformierende Rolle von gesellschaftlichen Gegenbewegungen. Wie wir wurden, was wir sind, erzählt dieses wegen eines übercodierten Wissenschaftsjargons nicht immer ganz leicht zu lesende Buch.
Allein in wirtschaftlicher Hinsicht war das alternative Milieu zu Beginn der achtziger Jahre kaum mehr zu übersehen. Befanden sich 1980 rund 80.000 Aktivisten in 11.500 Projekten von der Landkommune bis zur alternativen Umzugsfirma, so waren es sechs Jahre später bereits 200.000 Akteure in rund 18.000 Projekten.
Markantes Gründungsdatum des Milieus
Man verzichtete auf feste Strukturen, gab sich basisdemokratisch und anti-institutionell. Authentizität, Selbstbestimmung und Partizipation waren die Vokabeln der Zeit, Ladendiebstahl und Raub geistigen Eigentums gehörten zu den Akkumulationsformen, die man sich generös genehmigte. Im Projekt arbeitete man in der Gesellschaft gegen die Gesellschaft, aber letztlich für die Gesellschaft.
Als markantes Gründungsdatum des alternativen Milieus kann der legendäre Tunix-Kongress vom 27.– 29. Januar 1978 in Westberlin angesehen werden. „Wir werden bereden“, hieß es im Einladungsflugblatt, „wie wir das Modell Deutschland zerstören und durch Tunix ersetzen.“ Aus der 68er Bewegung kommend, setzte man sich zugleich von ihr ab und feierte sich in einer situationistischen Entspannungsbewegung, die unterwegs war zu allerlei Erfahrungshorizonten.
Das blieb nicht ohne Folgen und erfasste auch manche Wirtschaftsbranche. So wurde das Tourismussegment nachhaltig berührt. Zusammengefasst, schreibt Anja Bertsch, „tritt das Reisen als milieuspezifischer Erfahrungslieferant und als identitätsstiftendes Distinktionsfeld hervor, auf dem sich eine Gemeinschaft unkonventioneller Individualisten in ihrem Anspruch auf Absetzung von der Massenkultur erfahren konnte.“ Anspruch und Wirklichkeit lagen da oft weit auseinander, und was heute unter dem Stichwort vom nachhaltigen Tourismus firmiert, entwickelte sich ganz allmählich über Irrtümer, Umwege und Verklärungen zum absatzträchtigen Branchenangebot.
Das umfangreiche Buch basiert auf den Vorträgen eines Kopenhagener Kongresses 2008. Das hat zwar den Vorteil, dass viele Einzelaspekte der Alternativkultur und deren Genese ausführlich dargestellt werden, eine diagnostische Gesamtdarstellung kommt aber zu kurz. Mauela Bojadzijev und Massimo Perinelli arbeiten den Anteil der Migranten am alternativen Milieu heraus und stellen fest: „Der Wunsch nach politischen Alternativen artikulierte sich in den siebziger Jahren auch in dem Wunsch nach kulinarischen Alternativen an den Orten migrantischer Lebenswelten.“ Die Geschlechterverhältnisse werden hinreichend rekonstruiert, auch ein nie ganz überwundener linker Antisemitismus wird zum Thema.
In fast allen Beiträgen werden die Übergänge zu einem antibürgerlichen Milieu markiert, das durch die Individualisierung von Lebenslagen schließlich zu einem Wandel bürgerlicher Lebensverhältnisse beigetragen hat. Dabei ist nicht verborgen geblieben, dass das politische Selbstbewusstsein der sozialen Bewegungen in ein Dilemma geriet. Die Hausbesetzerbewegung etwa musste erkennen, dass sie letztlich zur ökonomischen Aufwertung ganzer Stadtviertel beitrug und die Prozesse der sogenannten Gentrifizierung noch verstärkte. Diesem Dilemma, schreibt Freia Anders, begegneten die Autonomen mit der Herausbildung eines Militanzkonzeptes, das weniger an der Aneignung von Wohn- und Freiräumen interessiert gewesen sei als an der Manifestation radikaler Systemopposition. Letztere ist jedoch im Zeitalter des neuen Geistes des Kapitalismus, wie in Eve Chiapello und Luc Boltanski treffend analysiert haben, keine echte Option mehr.
Sven Reichardt/Detlef Siegfried (Hrsg.): Das alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland. Wallstein 2010, 509 Seiten, 39,90 Euro.