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„Stadt sollte Trinker-Stube anbieten“

Ex-Sozialarbeiter Jürgen Malyssek schlägt vor, der Ringkirchen-Szene einen betreuten Treffpunkt einzurichten

        

Jürgen Malyssek fordert mehr Toleranz.
Jürgen Malyssek fordert mehr Toleranz.
Foto: M. Schick

Die Ringkirchen-Gemeinde leidet unter beinahe täglichen, teils lautstarken Saufgelagen direkt vor dem Eingangsportal. Die Pfarrer sorgen sich um das Gemeindeleben, befürchten, dass Konfirmanden, Bibelkreis-Damen, Benefizkonzertbesucher und Brautpaare bald die Ringkirche als prekären Ort meiden. Der langjährige Sozialarbeiter Jürgen Malyssek ist empört über die Kritik der Pfarrer an den Trinkern.

Herr Malyssek, die Ringkirchenpfarrer finden die Trinkerszene vor ihrer Kirche und Haustür unzumutbar, weil die Gruppe bis spät in die Nacht laut ist, viele sich betrinken, in die Büsche pinkeln, Hunde dabei haben, alles vollmüllen. Sie haben die Kritik der Pfarrer kritisiert. Warum? Natürlich ist das manchmal ein unangenehmer Anblick und auch eine Belästigung. Aber wie die Pfarrer sich über sozial Schwache, Suchtkranke und Ausgegrenzte beklagen, fand ich sehr verallgemeinernd, abfällig, ja verächtlich.

Zur Person

Jürgen Malyssek (66) war von 1980 bis 2005 Sozialarbeiter in Limburg und Mainz. Der gelernte Schriftsetzer und
Industriekaufmann hat an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden Sozialwesen studiert.

Von 1980 bis 1988 arbeitete Malyssek beim Hessischen Landesverein für
Innere Mission der Diakonie als Sozialarbeiter und war stellvertretender
Heimleiter des Heinrich-Egli-Hauses, einer stationären Einrichtung für
Wohnungslose in Mainz. Ende 1988 wechselte er zur Caritas Limburg, wo er das Walter-Adlhoch-Haus für Wohnungslose mit aufbaute. 1995 wurde er Fachreferent für Wohnungslosenhilfe, Schuldnerberatung und Suchtkrankenhilfe beim Caritasverband der Diözese Limburg.

Nach seinem Wechsel in den Ruhestand vor sechs Jahren schrieb Malyssek, der wieder in Wiesbaden lebt, 2009
zusammen mit Klaus Störch das Buch „Wohnungslose Menschen - Ausgrenzung und Stigmatisierung“.

Aber die Pfarrer haben sich nicht über die Menschen aufgeregt, sondern über deren Rücksichtslosigkeit, wenn sie betrunken sind. Wenn sich eine Szene bildet und es dort weit und breit keine Toilette gibt, dann bleibt den Leuten doch gar nichts anderes übrig, als in die Büsche zu pinkeln. Aber statt öffentlich zu diffamieren, sollten die Pfarrer bei der Stadt Druck machen, damit wenigstens eine Toilette aufgestellt wird.

Was würden Sie tun, wenn sich Tag für Tag mehrere Männer und Frauen vor Ihre Haustür hocken und bis zum nächsten Morgen palavern und trinken würden und Sie am nächsten Morgen über deren Hinterlassenschaften staksen müssten?Ich würde Kontakt mit den Menschen aufnehmen, mit ihnen sprechen und sie auf die Grenzen hinweisen.

Aber das haben die Pfarrer doch gemacht. Nüchtern versprechen die Leute Rücksichtnahme, betrunken haben sie alles wieder vergessen. Natürlich verlieren die Menschen mit steigendem Pegel die Kontrolle. Aber viele sind Suchtkranke, und die brauchen Hilfe.

Aber die können doch Anwohner nicht leisten!Richtig, die Probleme angehen können höchstens Sozialarbeiter, also professionelle Helfer.

Ein Pfarrer schlägt eine Ausweitung des Alkoholverbots auf die gesamte Innenstadt vor. Wäre das ein Anfang?Nein, Verbote bringen gar nichts. Im Gegenteil, die Szene wird höchstens wieder einmal vertrieben.

Was kann man denn tun?Die Leute brauchen Hilfe und Perspektiven. Sozialarbeiter, die mit ihnen reden, die Prozesse entwickeln. Kontinuierliche und langfristige Arbeit ist da nötig. Mit zwei, drei Gesprächen ist da nichts getan.

Ist es Brautpaaren, Konfirmanden, Bibelkreis-Damen und Gottesdienstbesuchern wirklich zuzumuten, dass sie beim Gang in die Ringkirche erstmal über Betrunkene steigen müssen? Auf Hochzeitsfotos hat die Szene wirklich nichts zu suchen. Und ich bin felsenfest überzeugt, dass man in einem vernünftigen Gespräch mit den Leuten vereinbaren kann, dass sie sich zu einem bestimmten Anlass mal eine Weile verziehen.

Nach Angaben der Pfarrer halten sich die wenigsten an derlei Abmachungen.Also, wenn das Thema Sucht und soziale Ausgrenzung nicht in den Konfirmandenunterricht passt, dann weiß ich auch nicht. Warum dürfen die 13- bis 14-Jährigen nicht diese armen Leute sehen? Warum blendet ein Pfarrer diesen Bestandteil unserer Realität aus? Manche haben Schicksalsschläge wie den Unfalltod der gesamten Familie erlebt, die jeden aus der Bahn werfen würden.

Muss eine Kirchengemeinde also die Trinkerszene und deren unschöne Auswirkungen des Alkohols ergeben hinnehmen? Wie gesagt, die Kirche kann das Problem nicht alleine lösen. Aber sie kann eine andere Haltung dazu an den Tag legen. Die Stadt ist hier gefragt! Seit Jahren schlängeln sich die Kommunalpolitiker aber nun schon um das Problem herum, doch getan wird gar nichts. Es gab ein Alkoholverbot, und jetzt sitzt die Szene nicht mehr auf dem Platz der deutschen Einheit, sondern an der Ringkirche oder anderswo. Die Stadt muss endlich etwas investieren, um das Problem besser in den Griff zu kriegen.

Was sollte die Stadt denn tun?Erstmal müsste sie Sozialarbeiter einstellen, die die Szene genau analysieren. Die ist nämlich nicht homogen, sondern da gibt es die Osteuropäer, die Drogensüchtigen, die Alkoholkranken, die Obdachlosen und so weiter – und die einen wollen mit den anderen oft nichts zu tun haben. Und dann müsste gemeinsam nach einem geeigneten Platz geguckt werden.

Vor zwei Jahren haben zwei Studenten der FH eine solche Analyse doch vorgelegt.Ja, die Bachelor-Arbeit heißt „Verdrängungseffekte ordnungsrechtlicher Interventionen auf eine innerstädtische Szene von Wohnungslosen und suchtkranken Menschen“. Nach der Vorstellung der Arbeit ist diese aber in irgendeiner Amts-Schublade verschwunden. Ein Handlungskonzept wurde nie daraus entwickelt.

Sie sagen, es müsste ein geeigneter Platz gesucht werden. Würden die Trinker denn einen von der Stadt verordneten Treffpunkt annehmen? Per Order Mufti geht das sicherlich nicht. Deshalb ist es nötig, gemeinsam mit den Leuten diesen Platz zu suchen. Man kann wirklich mit ihnen reden!

Ein solcher offiziell tolerierter Treffpunkt bräuchte was genau? Toiletten natürlich und ausreichend Sozialarbeiter, die regelmäßig hingehen und mit den Leuten in Kontakt stehen. Außerdem wäre eine wettergeschützte Ecke nötig, Sitzgelegenheiten, vielleicht ein Container, eine Art Trinker-Stube.

Allein das Personal für eine solche Trinker-Stube würde die Stadt über 100000 Euro im Jahr kosten...Zum Nulltarif ist sozialer Frieden nicht zu haben. Aber die Stadt wäre doch der Nutznießer!

Wären nicht erstmal die Trinker Nutznießer?Nein, allen wäre geholfen. Die Leute würden nicht immer nur gegängelt, beschimpft, verscheucht und diskriminiert. Die Stadt hätte ein besseres soziales Klima, und die Bevölkerung würde sich sicherer fühlen können, weil sie weiß, dass Polizei und Sozialarbeiter die Szene im Blick und unter sozialer Kontrolle haben.

Einmal angenommen, ein solcher Platz würde gefunden werden. Die Anwohner würden doch Sturm laufen, wenn die Stadt der Szene ganz offiziell einen Ort mit der Lizenz zum Saufen geben würde.Kontrollierte Duldung ist der zutreffende Begriff. Für die Bevölkerung wäre schon der Beginn der Analyse ein Signal, dass die Stadt das Problem endlich anpackt.

Würde sich nicht die ganze Nation fassungslos an den Kopf fassen, wenn die hessische Landeshauptstadt für Alkoholkranke ein kuscheliges Plätzchen herrichtet, damit diese ihrer Sucht noch bequemer nachkommen können? Im Gegenteil, die Stadt würde ihr Image immens verbessern, weil sie sich eben auch um die Belange der sozial Schwachen kümmert, ihnen das Leben etwas erleichtert.

Die meisten dieser Szene sind gar nicht obdachlos. Warum treffen sich die Leute eigentlich nicht in ihren Wohnungen?Einerseits, weil ihnen allein zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, sie Geselligkeit brauchen. Würden sie sich zu Hause treffen, könnte es Ärger mit Vermietern und Nachbarn geben. Andererseits bedeutet das Sich-draußenTreffen für sie auch, an der Gesellschaft teilzunehmen. Wir pflegen unsere sozialen Kontakte in Biergärten oder Kneipen, aber das können diese Leute sich nun mal nicht leisten. Statt Klagen wäre Toleranz hilfreicher – für alle Beteiligten.

Das Interview führte: Gaby Buschlinger

Datum:  16 | 9 | 2011
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