In der hessischen Landeshauptstadt hat der Ansturm auf die Fahrzeughändler begonnen. "Wir haben in den letzten beiden Wochen rund 40 Neuwagen verkauft", freut sich Stephan Otto vom Autohaus Kilian. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das nichts Selbstverständliches. "Normal wären rund zwölf Verkäufe", sagt er.
Doch mit Aussicht auf die Abwrackprämie in Höhe von 2500 Euro scheint die Finanzkrise bei vielen Kunden plötzlich vergessen: Dank des staatlichen Zuschusses bekommen Verbraucher plötzlich die Möglichkeit, im Austausch gegen die alte Schrottkarre einen Neuwagen günstig zu erstehen.
Neben den Verbrauchern profitieren dabei vor allem die Autohäuser. Die Konkurrenz zwischen den Händlern ist jedoch groß. Dementsprechend werben diese auch mit allerlei Serviceangeboten um die Gunst der potenziellen Kunden. "Autokäufer können ihr altes Fahrzeug bei uns abstellen", verkündet Stephan Otto. "Wir kümmern uns dann um die kostenlose Verschrottung und die Erbringung eines entsprechenden Nachweises."
In den nächsten Wochen rechnet Otto mit einer wahren Flut von Schrottlauben auf dem Hof des Audi- und VW-Händlers. "Wir sind von der Einführung der Umweltprämie ziemlich überrascht worden", gibt Otto zu. Im Klartext bedeutet dies, dass das Autohaus nun schleunigst nach Schrotthändlern suchen muss, um die Unmengen an Blech und Metall loszuwerden.
Schrotthändler profitieren nicht
In Wiesbaden und Umgebung gibt es jedoch nur wenige solcher Unternehmen - und die vorhandenen sind über die derzeitige Entwicklung alles andere als begeistert. Denn im Gegensatz zu Umwelt, Verbrauchern und Autoverkäufern profitieren die Schrotthändler höchstens kurzfristig von der neuen Prämie.
"Wir bekommen jetzt jede Menge alte Autos, werden den Schrott aber anschließend nicht mehr los", befürchtet Navigato Franco, Inhaber eines kleinen Autoverwertungsbetriebs in Mainz. Rund vier Stunden brauchen er und seine beiden Mitarbeiter, um ein Fahrzeug komplett auszuschlachten. Ob Sitze, Lenkrad, Airbags oder Klimaanlage: "Es gelingt uns gerade mal, zehn Prozent aller ausgebauten Teile weiterzuverkaufen", sagt Franco. "Den Rest müssen wir wegschmeißen." Mit den leeren Karosserien verhält es sich ähnlich. "Die Nachfrage nach Blech und Metall ist derzeit gering." Das schlägt sich natürlich auch in den Preisen nieder. "Für eine Tonne Mischmetall bekomme ich 40 Euro auf dem Markt", klagt Andrei Pouchkarev und erinnert sich an bessere Zeiten: "Im vergangenen Sommer gab es noch 150 Euro."
Der Unternehmer betreibt ebenfalls einen kleinen Autoverwertungsbetrieb in Mainz und hat in Sachen Preisentwicklung schon so einiges erlebt: Anfang der 90er Jahre mussten die Schrotthändler beim Verkauf ihrer Ware sogar noch draufschlagen.
Preise fallen
Auch jetzt drohen die Preise aufgrund des steigenden Angebots bei gleichbleibender Nachfrage weiter zu fallen. Navigato Franco bringt es auf den Punkt: "Wenn die Abwrackprämie drei oder vier Jahre läuft, ist der Schrotthandel kaputt."
Wohin also mit dem ganzen Schrott? Viele Verbraucher scheinen sich diese Frage gar nicht zu stellen - im Gegenteil: "Ich bekomme jeden Tag unzählige Anfragen von interessierten Leuten, die auch noch Geld dafür haben wollen, dass ich deren Autos nehme", erzählt Franco.
Doch so funktioniert das nicht. Momentan nimmt der Unternehmer die Autos noch "kostenlos" an - vorausgesetzt, es lässt sich Profit aus dem jeweiligen Fahrzeug schlagen. Doch es geht auch anders, wie ein Beispiel aus Wiesbaden zeigt. "Wir verlangen eine Entsorgungspauschale von 100 Euro", sagt Schrotthändler Angelo Scholz. Andernfalls würde das Ganze auf ein Verlustgeschäft hinauslaufen.
Während vor allem die kleinen Schrotthändler unter den Absatzschwierigkeiten zu leiden haben, haben es die großen Unternehmen schon etwas besser. "Wir können es uns eine Zeit lang erlauben, einen Teil der Schrottautos einfach liegenzulassen, bis die Verkaufspreise wieder steigen", sagt Waltraud Albeck von der Autoverwertungsfirma Noha aus Budenheim bei Mainz. "Eine goldene Nase verdienen wir uns bei dieser Abwrackprämie allerdings nicht."
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