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Wiesbaden
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25. August 2012

Asphalt Bibliotheque: Ein Brandstifter zieht durch die Innenstadt

 Von Elisabeth Böker
Der Brandstifter (links) im medialen Interesse. Foto: Rolf Oeser

Ein Einkaufszettel, eine Busfahrkarte oder Visitenkarten. In der richtigen Anordnung entsteht daraus Kunst. Wie in Wiesbaden, wo der Künstler Brandstifter weggeworfene Zettel einsammelt und die besten auf ein Blatt Papier klebt.

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Gleich drei Indizien sprechen dafür, dass dies eine sonderbare Veranstaltung werden könnte: Treffpunkt ist um 18.58 Uhr am Museum, eingeladen hat jemand namens Brandstifter, der unbedingt eine Asphalt Bibliotheque gründen will. Nun gut.

Fünf Personen warten um 18.58 auf den Startschuss, nebst ebenso vielen Pressevertretern. Mit einer Minute Verspätung tritt der Brandstifter, ein Künstler, der seine wahre Identität nicht nennt, aus der imposanten Eingangstür des Museums. Bis die Bibliothek eröffnet, dauert es noch.

Ordentliche Stadt

Alles muss seine Ordnung haben: Ein Tisch samt Stühlen wird organisiert, Stift und Zettel darauf ausgelegt. Die Teilnehmer benötigen einen Ausweis. Auch eine Benutzerordnung bekommt man. Eine halbe Stunde später beginnt der Streifzug: Erste Anlaufstelle ist die Wilhelmstraße. Keine 20 Schritte und der erste Fund für die Asphalt Bibliotheque liegt vor den Füßen: eine Eintrittskarte des Museums. „Jedes Fundstück ist etwas Besonderes“, sagt Brandstifter. Seit 1998 geht er auf Streifzug. Anstoß war ein Zettel, der direkt neben seinem Auto lag: „Tabea, willst du, kannst du, meine Hausarbeit lesen“, stand darauf, zwei Wörter durchgestrichen, eine Antwort dazugekritzelt. „Solche Mitteilungen sind für mich Epen“, sagt der Künstler.

Inzwischen ist die Gruppe ein Stück weitergegangen. Man muss im Gebüsch wühlen, um Zettel zu finden. Harnulft Sonenjahr hat Glück: „Wurde bestimmt schon von einem Hund imprägniert“, sagt er, während er das vergilbte Papier auffaltet. „Ein echter Schatz“, meint er: eine Seite aus einem Adressbuch.

Kaum erfolgreicher ist die Ausbeute in der Innenstadt: Doch mit etwas Geduld finden sich Einkaufszettel, Busfahrkarten oder Visitenkarten. „Ganz schön ordentlich ist es in Wiesbaden“, stellt Brandstifter enttäuscht fest, während eine Teilnehmerin fragt: „Worin seht ihr den Sinn der Aktion?“ Achselzucken. Selbst der Kurator Jörg Daur vom Museum sagt lediglich: „Weil Wiesbaden noch keine Asphalt Bibliotheque hat.“

Schließlich hat Mainz schon eine oder, wenn man ganz korrekt sein will, sogar zwei: Eine aus Fundstücken aus der Stadt, die derzeit vor dem Hauptbahnhof entsteht, und eine zweite mit Fundstücken aus New York, angekauft vom Land. Sogar ein Stipendium bekam Brandstifter für seine Aktion in New York.

Mit seiner nüchternen, ernsten und zugleich ironischen Art ist der Künstler ein Unikum. Während er erzählt, wird deutlich, dass er es liebt, gegen gesellschaftliche Konventionen zu arbeiten: Er freut sich über Leute, die fragen, warum er aus Mülleimern Zettel fischt. Wenn er deren Verwunderung sieht, wenn er ihnen erzählt, dass er Asphaltbibliothekar ist, dann ist er glücklich. Fast erweckt er den Eindruck, als mache er sich ein wenig lustig über die Gesellschaft, in der er lebt und in der es möglich ist, von solchen Kunstaktionen zu leben.

Zurück am Museum breiten die Sammler ihre Fundstücke aus, kleben die besten Zettel auf ein Blatt Papier und lassen sie so zu einem Kunstwerk werden: „Lach doch mal“ steht auf einem Papierflieger, daneben klebt ein Foto von einem ernst dreinschauendem Mädchen. Auf diese Weise blickt man mit einer neuen Perspektive auf das Weggeworfene. Zugleich fragt man sich, wer für 120 Euro Fleisch und eine Salatgurke kaufte, oder warum Yilmiz’ Handynummer auf der Straße landete.

Infos zu weiteren Fluxus-Veranstaltungen unter www.museum-wiesbaden.de.

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