Wiesbaden
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23. Januar 2013

Auf Freiheit aufpassen

 

Birgit Schlicke saß fast zwei Jahre im DDR-Frauengefängnis Hoheneck und kämpft bis heute gegen das Vergessen. Von Regine Seipel

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Birgit Schlicke ist eine sehr gute Erzählerin. Wenn sie von ihrer Vergangenheit berichtet, erscheint ihr Leben wie ein Film. Man denkt an „Das Leben der Anderen“ und findet den preisgekrönten Spielfilm über den Staatssicherheits-Apparat in der DDR umso glaubwürdiger. Die 43-Jährige hat alles selbst erlebt: Wanzen in der Wohnung, Verhaftung, Verhöre, Psychoterror, einen unfairen Prozess und knapp zwei Jahre Haft in Hoheneck, dem berüchtigten Stasi-Frauengefängnis, in dem sie mit Kindsmörderinnen und KZ-Aufseherinnen in einer Zelle saß.

25 Jahre sind seitdem vergangen, Birgit Schlicke will trotzdem keinen Schlussstrich ziehen. Das hat nichts mit Verbitterung oder gar Rachegedanken zu tun. Die 43-Jährige hat sich in Wiesbaden ein gutes Leben aufgebaut, arbeitet bei einem großen Konzern in der Unternehmensplanung, singt im Chor, hat vor fünf Jahren angefangen, Klavierspielen zu lernen. „Das war immer mein Traum.“ Daneben kämpft sie gegen das Vergessen, betreibt ein Blog über Hoheneck, in dem sie Schicksale Ex-Inhaftierter, Informationen über das Gefängnis und Diskussionsbeiträge veröffentlicht.

Und sie geht als Zeitzeugin in Schulen, nimmt sich Urlaub, um mit Gymnasiasten über das DDR-Regime zu reden. „Manchmal bin ich schockiert, wie viel Unwissen herrscht“, sagt sie. „Dieses Kapitel deutscher Geschichte wurde nie richtig aufgearbeitet.“ Das ärgert sie genauso wie manche Ostalgie, die ihr bei Besuchen in der ehemaligen Heimat entgegenschlägt. Trotzdem ist die Geisteswissenschaftlerin keine kritiklose Anhängerin des westlichen Systems. „Natürlich ist der Kapitalismus keine ideale Gesellschaft“, sagt sie. „Aber ich möchte nie wieder eine Diktatur erleben.“ Junge Menschen will sie für autoritäre Tendenzen sensibilisieren. Persönliche Erfahrung, glaubt sie, kommt besser an als eine Geschichtsstunde. „Ich war ja damals auch in dem Alter.“

16 war sie, als ihre Familie einen Ausreiseantrag stellte – ein behütetes Mädchen, Tochter eines Ingenieurs und einer Krankenschwester. Weil sie sich nicht von der Familie lossagen will, muss sie die Schule verlassen, Notendurchschnitt 1,3. Sie soll Baggerführerin oder Schweinezüchterin werden.

Der Prozess wird ihr 1988 wegen Briefen gemacht, in denen ihr Vater von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt Hilfe für den Ausreiseantrag erbittet. Die Tochter hat ihn abgetippt, das reicht für eine Verurteilung. Dass sie in das berüchtigte Gefängnis kommt, ist ein großer Schock. Als nach den ersten Monaten die Hoffnung, freigekauft zu werden, schwindet, wächst ihre Verzweiflung. Acht Tage nach dem Fall der Mauer wird sie am 17. November 1989 entlassen, ein paar Tage später darf auch ihr Vater raus, der zu viereinhalb Jahren verurteilt war.

Anfang Dezember beginnt das neue Leben im Westen. „Wir wollten nur noch weg.“ Birgit Schlicke holt das Abitur nach. „Ich wollte Englisch und andere Sprachen lernen, nach Amerika reisen.“ Also studiert sie Amerikanistik, lebt ein Jahr in den USA und kann heute noch Momente erleben, in denen sie solche Chancen nicht als selbstverständlich empfindet. „Manchmal, wenn ich an einem Strand stehe, mache ich mir bewusst, wie kostbar diese Freiheit ist.“

Die Vergangenheit vergessen wollte sie trotzdem nie. Sie konfrontierte ihre Lehrerin, die damals für den Rausschmiss mit verantwortlich war, erfuhr aus Stasi-Akten, dass selbst der Anwalt, dem sie blind vertraut hatte, ein Spitzel war.

Sie schrieb ein Buch (Gefangen im Stasiknast, Lichtzeichen Verlag). Sie trat in Medienberichten als Zeitzeugin auf, ist derzeit in Wiesbaden in einer Ausstellung über Hoheneck zu sehen, fuhr mit Journalisten wieder dort hin. „Ich musste es loswerden. Das war meine Form der Bewältigung.“ Sie kennt auch Frauen, die die Erlebnisse verdrängten, oft jahrzehntelang. Und sie weiß von anderen, die bis heute an den Folgen der Haft leiden. Birgit Schlicke ist daran gewachsen. „Ich habe sehr viel über Menschen gelernt“, sagt sie, „die Zeit hat mich starkgemacht.“

Ausstellung: Der dunkle Ort, bis 31.1., Wiesbaden, Hessische Landeszentrale für politische Bildung, Taunusstr. 4-6.Blog: www.hoheneck.wordpress.com

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