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Wiesbaden
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09. Juli 2008

Betriebliche Kitas: Mit dem Kind zum Job

 Von MIRJAM ULRICH

Irgendwann haben sie aufgegeben - die Suche nach einer Tagesmutter fürs Töchterchen war einfach aussichtslos. Selbst vom Job zurückzutreten, war für die Eltern nicht möglich. Ausweg: eine betriebliche Kindertagesstätte. Die aber sind selten.

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Öffentliche Förderung

Ein Checkheft "Betriebliches Engagement in der Kinderbetreuung" haben der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und das Bundesfamilienministerium erstellt. Finanzielle Förderung von der Stadt erhält eine Kindertagesstätte nur, wenn sie die Hälfte der Plätze öffentlich anbietet. Für eine Krippengruppe mit zehn Kindern zahlt die Stadt beispielsweise eine Pauschale von 47 500 Euro pro Jahr. Das Hessische Sozialministerium fördert nur Krippenplätze. Abhängig von der Betreuungszeit gibt es pro Kind zwischen 1200 und 3000 Euro.

Irgendwann gaben sie die frustrierende Suche nach einer guten Tagesmutter für ihre kleine Tochter Chiara Elektra auf. Dabei benötigten Alexander Lapp-Thoma und seine Frau dringend eine, schließlich führte Ulrike Thoma ein Unternehmen. Und auch er sah als Personalleiter keine Möglichkeit, halbtags zu arbeiten, um das damals vier Monate alte Kind zu betreuen. Deshalb nimmt der 38-jährige Vater das Mädchen seit einem Jahr morgens immer mit zur Arbeit. Während er an seinem Schreibtisch sitzt, spielt sie in der benachbarten Betriebskindertagesstätte. "Die Familienplanung wurde dadurch absolut leichter", sagt Alexander Lapp-Thoma.

Immer mehr Unternehmen in Deutschland unterstützen ihre Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung, damit sie Beruf und Familie besser vereinbaren können. Dafür eröffnen die Firmen eigene Betriebskindergärten und -krippen oder gehen Kooperationen ein, um Betreuungsplätze zu schaffen. Häufig gründen die Mitarbeiter auch Elterninitiativen, um für ihren Nachwuchs eine Kindertagesstätte in der Nähe ihres Arbeitsplatzes einzurichten, und die Firmen helfen dabei. Auch in Wiesbaden engagieren sich die Unternehmen zunehmend. "Hier hat sich ein spürbarer Wechsel vollzogen", sagt Gordon Bonnet, Pressesprecher die Wiesbadener Industrie- und Handelskammer (IHK). "Betriebe kommen auf uns zu und fragen, was sie tun können, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern."

Zweistelliger Millionenbetrag

Die kleine Chiara Elektra ist eines von zehn Krippenkindern in der von einem Künstler gestalteten Kita "Känguru" der Soka-Bau. Die Urlaubs- und Lohnausgleichskasse der Bauwirtschaft und Zusatzversorgungskasse des Baugewerbes ließ den 365 Quadratmeter großen Bau an der Salierstraße in Wiesbaden 2003 für einen zweistelligen Millionenbetrag errichten. 30 Kinder zwischen zwei Monaten und sechs Jahren werden dort von 7 bis 17 Uhr betreut. Nach Absprache ist das sogar bis 22 Uhr in einer nahe gelegenen Kita der Interessengemeinschaft für Behinderte (IFB) möglich.

Die IFB betreibt auch den Betriebskindergarten der Soka-Bau, denn deren pädagogisches Konzept überzeugte das Unternehmen am meisten. Es legt Wert darauf, dass der Mitarbeiternachwuchs Sozialverhalten lernt und Integration erlebt, sich viel bewegt und kreativ entwickelt. "Die Idee war, die Kinder nicht einfach nur mit Spielzeug zuzuhauen", sagt Lapp-Thoma. Die Mitarbeiter sollten schon das Gefühl haben, dass ihre Kinder genauso gut, wenn nicht sogar etwas besser gefördert werden als anderswo.

Die Nachfrage nach einem Platz ist groß, 60 Prozent der 1250 Beschäftigten der Soka-Bau sind Frauen. Betriebsrat und Geschäftsführung haben Auswahlkriterien für die Platzvergabe entwickelt, in der Krippe entscheiden allein die Pädagogen darüber, ob ein Kind aufgenommen wird. Für einen Ganztagsplatz in der Krippe zahlen die Eltern monatlich 315 Euro, ein Kitaplatz kostet sie 180 Euro, Mittagessen inklusive. Die Soka-Bau steuert jährlich einen sechsstelligen Betrag dazu, genauer mag es Lapp-Thoma nicht sagen.

Zuschüsse der Kommunen

Eine Prognos-Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums rechnete 2003 aus, dass die durchschnittlichen jährlichen Kosten pro Platz bei einer Ganztagsbetreuung zwischen 7800 und 15 600 Euro liegen, abhängig vom Alter der Kinder und der Öffnungszeit. Zwar ließen sich die Gesamtkosten durch Zuschüsse von Ländern und Kommunen sowie die Elternbeiträge erheblich mindern, doch verbleibe ein ungedeckter Aufwand von rund 60 Prozent bei den Unternehmen. Eine eigene Kita wie die Soka-Bau haben daher in Deutschland bislang nur wenige Firmen eingerichtet.

Der in Delkenheim ansässige Hersteller für Temperatursensoren Ephy Mess hat im Vorjahr angekündigt, einen Betriebskindergarten zu bauen. Das neue Justiz- und Verwaltungszentrum an der Mainzer Straße soll ebenfalls eine eigene Kita erhalten. Das US-Pharmaunternehmen Abbott setzt auf Kooperation und arbeitet mit zwei städtischen Kitas in Delkenheim zusammen. Abbott zählt zudem zu den acht Firmen, die sich zum "Kita Modell Wiesbaden" zusammengeschlossen haben. Voraussichtlich im Herbst soll im ehemaligen Telekomgebäude an der Dostojewskistraße Ecke Konrad-Adenauer-Ring das "Terminal for Kids" eröffnen, das aber auch betriebsfremden Kindern offen steht.

Ebenso wie die Kita "Nesthäkchen" nimmt die "Villa Bambini" Kinder aus dem Stadtteil auf. Die Initiative wurde von Mitarbeitern und leitenden Angestellten von Dyckerhoff gegründet und wird zudem von der Firma durch Spenden unterstützt.

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