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05. August 2012

Erotischer Gottesdienst Wiesbaden: Auf "Poppen" verzichtet

 Von Elisabeth Böker
Pfarrer Ralf Schmidt. Foto: Martin Weis

Die menschliche Lust komme nicht vom Teufel, sondern von Gott predigt Pfarrer Ralf Schmidt in der Wiesbadener Erlöserkirche und sorgt für viel Wirbel. Anders als angekündigt, spricht er nicht vom "Poppen".

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Die menschliche Lust komme nicht vom Teufel, sondern von Gott predigt Pfarrer Ralf Schmidt in der Wiesbadener Erlöserkirche und sorgt für viel Wirbel. Anders als angekündigt, spricht er nicht vom "Poppen".

Eins sprach Pfarrer Ralf Schmidt gleich zu Beginn aus: „Ich werde Sie vermutlich enttäuschen.“ Zwar habe er vor, in seinem Gottesdienst über viele Details der Liebe zu sprechen, aber manches müsse dennoch in der Fantasie bleiben. Weder gab es in dem am Sonntag in der evangelischen Erlöserkirche Mainz-Kastel gefeiertem Gottesdienst erotische Szenen zu sehen, noch eine Predigt mit vulgären Worten zu hören. Genau diese Entscheidung war der Grund, warum die anfangs neugierige und zugleich skeptische Gemeinde am Ende von der Ernsthaftigkeit begeistert war, mit der der 47-jährige Pfarrer, der in einer Partnerschaft lebt, von der Liebe sprach.

Dass es ein besonderer Gottesdienst werden würde, war jedem Kirchgänger klar: Da waren zum einen die drei Kamerateams sowie ein Dutzend Journalisten nebst Fotografen, die sich zwischen den 200 meist älteren Gottesdienstbesuchern auf den Bänken niederließen und darauf warteten, dass der Pfarrer wie angekündigt vom „Poppen“ spricht. Zum anderen war es die sinnliche Feier: Rosenblätter fielen von der Empore, ein meditativer Tanz lud zum Berühren ein und zu hören gab es eine Predigt mit direkten Worten über die Liebe, wie man sie sonst selten in der Kirche zu hören bekommt.

„Es gibt kein Leben ohne Erotik, es gibt kein Leben ohne Gott“, sagte Pfarrer Ralf Schmidt: „Schmeckt einander, seht einander und fühlt einander, wie freundlich das Leben sein kann.“ Weiter predigte er: „Mein Hintern, meine Hände, meine Zunge, mein Penis, meine Ohrläppchen sind Landeplätze der Lust. Auf diese Weise sollen wir genießen, was Gott uns gegeben hat, wenn wir schon kein Paradies mehr haben. Denn die Liebe kommt von Gott, nicht vom Teufel.“

Predigt entschärft

Schmidt gestand ein: Erotik und Sexualität im Gottesdienst zu erfahren, sei nur bedingt umsetzbar. Praktische Szenen fehlten ebenso wie seine angekündigten Predigt mit deftigen Worten. Vom „Ficken und Poppen“ wollte er reden. „Ich habe die Predigt bewusst entschärft. Die ganze Woche über waren meine Worte in den Medien zu lesen, da musste ich sie nicht noch aussprechen.“ Erst beim Lied vor der Predigt entschied er, die Passage zu streichen. Er befürchtete, dass seine eigentliche Aussage von der von Gott geschenkten Liebe und Erotik in den Medien verfälscht wiedergegeben würde und die gebannte Stimmung der Gemeinde gebrochen werden könnte.

Eine richtige Entscheidung, so die Gottesdienstbesucher. Durchweg waren sie positiv überrascht von den ehrlichen Worten, mit denen Schmidt über die sexuelle Liebe sprach: „Die Predigt war sehr beeindruckend und mutig“, sagt Marie-Luise Reichel. „Anschaulich und direkt“, fügt die alte Dame hinzu. „Ein richtig ordentlicher Gottesdienst“, meint auch Gertrud Mey, die noch zu Beginn des Gottesdienstes angekündigt hatte: „Wenn mir die Predigt zu sehr missfällt, gehe ich.“ Das tat sie nicht. Und wie schaut es aus, wenn jemand nach dem Gottesdienst nach Hause geht und die Liebe lebt? „Dagegen habe ich nichts“, sagt Pfarrer Ralf Schmidt mit einem Schmunzeln. „Es gibt Schlimmeres.“

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