Mehr Erzieher und Erzieherinnen braucht das Land. Und die Stadt. Wenn ab dem kommenden Jahr der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren rechtskräftig wird, wird es in Hessen einen Bedarf von über 3500 Fachkräften geben. „Für Wiesbaden wurden insgesamt 550 unbesetzte Erzieherstellen errechnet“, sagt Sozialdezernent Axel Imholz (SPD). Doch woher nehmen? Erzieher sind heute schon rar gesät. Diesem absehbaren Fachkräftemangel versucht die Stadt mit einer um anderthalb Jahre verkürzten, berufsbegleitenden Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher abzufedern.
Berufsanfänger und Schulabgänger brauchen fünf Jahre, um das Zertifikat zu erlangen. Denn wegen ihres jungen Alters müssen sie sich zwei Jahre als Sozialassistenten ausbilden lassen, bevor sie die Fachschule besuchen und schließlich das einjährige Berufspraktikum absolvieren dürfen. Die Länge der Ausbildungszeit erklärt Harald Engelhard, zuständig im Sozialamt für die Kindertagesstätten, mit der für diesen Beruf nötigen Reife. Ein Teenager könne Eltern kaum als „kompetenter Partner“ gegenüberstehen.
Mit der berufsbegleitenden Ausbildung aber falle die zweijährige Vorlaufzeit weg, „weil sich dieser Weg in diesen Beruf an eine ältere Zielgruppe richtet“, sagt Engelhard. Männer und Frauen zwischen 20 und 50 Jahren könnten die sogenannte Teilzeitausbildung, die auch in Mainz und Frankfurt schon angeboten wird, absolvieren. Zweieinhalb Tage arbeiten die angehenden Erzieher in der Einrichtung, zweieinhalb Tage pauken sie in der Fachhochschule für Sozialpädagogik der Louise-Schröder-Schule die Theorie. Weil sie halbtags regulär in einer Kita arbeiten, bekommen die Auszubildenden ein halbes Gehalt, rund 900 Euro brutto, wie Engelhards Kollege Hans-Dieter Lippert sagt.
Durch die Kooperation mit der Louise-Schröder-Schule können 25 Quereinsteiger Erzieher werden. „Wenn es mehr Interessenten gibt, bilden wir eine weitere Klasse“, sagt Schulleiterin Ute Stauch-Schauder.
Dass Erzieher nicht gerade üppig verdienen, ist bekannt, Doch Lippert betont, dass im öffentlichen Dienst zu den Brutto-Gehältern zwischen 2200 Euro für Anfänger bis zur Endstufe 3300 Euro noch Zuschläge gezahlt werden. „Außerdem ist es ein interessanter und spannender Beruf.“ Und wegen des Krippenausbauprogramms nicht nur mit Aussicht auf mehr Leitungsstellen, sondern auch mit Anstellungsgarantie.
In den vergangenen Jahren wurden in Wiesbaden bereits 1000 weitere Krippenplätze geschaffen, bis zum Ende der Legislaturperiode will die große Koalition noch mal 1500 weitere auf den Weg bringen. Aber nicht wegen des Rechtsanspruchs, sondern weil eine Elternbefragung die 50-Prozent-Quote als „echten Bedarf“ ergeben hatte.
Dass die berufsbegleitende Ausbildung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, um den Fachkräftemangel zu begegnen, ist Imholz bewusst. „Aber dieser zusätzliche Ausbildungsweg ist wenigstens ein Anfang.“ Außerdem werbe die Stadt verstärkt für diesen Beruf, unter anderem mit dem vom Bund unterstützten Pilotprojekt „Mehr Männer in Kitas“.
Im vergangenen Jahr sind nach Angaben der Stadt 1666 Fachkräfte in Wiesbaden tätig gewesen, davon nur die Hälfte in Vollzeit. Wie in allen Großstädten lassen Eltern ihre Kinder überwiegend ganztags betreuen. Die Prognose der Statistiker lautet, dass der Krippenausbau stärker voranschreitet als der Ausbau der Ausbildungskapazitäten, so dass der wachsende Personalbedarf immer weniger gedeckt werde.
Einfach kompetente Leute, die sich in der Jugendarbeit engagieren, einzustellen, gehe nicht, sagt Lippert. Nur qualifiziertes Personal dürfe fest angestellt werden. Und Abwerbungen durch Lohnaufschläge zu forcieren, also einfach über Tarif zu bezahlen, lehnt Dezernent Imholz ab: „Mit solch einem Wettbewerb würden wir das Betreuungsproblem nicht lösen, sondern nur verschieben.“
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