Nazmiye und Ekrem Asil (31 und 37) können es immer noch nicht fassen: Ihr eben fertig gebautes Reihenhäuschen in Wiesbaden müssen sie vermutlich gleich wieder abreißen - weil die Stadt einen fehlerhaften Bebauungsplan aufgestellt hat. Die junge Familie ist verzweifelt. Weil sie der Stadt vertraut hat.
Eigentlich hätten sich die Asils nie an den Bau eines eigenen Häuschens gewagt. So dicke hatte es die Familie nicht. Ekrem Asil ist Alleinverdiener, bringt als Chemiefacharbeiter 2200 Euro nach Hause. In ihrer Drei-Zimmer-Wohnung träumten die Eheleute trotzdem immer wieder von einem eigenen Häuschen, mit eigenen Zimmern für die sieben und drei Jahre alten Söhne Eren und Kerem. Doch Wiesbaden ist ein teures Pflaster.
Vor einem Jahr aber warb die Stadt mit einem verlockenden Angebot: Ein Reihenhäuschen, mitten in Wiesbaden, in einem neuen schicken Wohngebiet mit Kindergarten und Grundschule vor der Haustür. Und das Ganze schlüsselfertig für unter 300.000 Euro. Die Asils begannen zu rechnen. Nazmiye Asil ließ sich das Erbe ihrer Eltern im Voraus auszahlen, "als Startkapital", und dann entschlossen sie sich zu diesem Wagnis. Schließlich stand hinter dem Hausbau die Stadt, und der haben die Eheleute natürlich vertraut. Was sollte da schon schiefgehen?
Bis Juli lief alles wie am Schnürchen, das Reihenhäuschen wuchs, man bestellte für 20.000 Euro Möbel, auch Laminat und Fliesen wurden angeschafft und bezahlt.
Dann kam der erste Keulenschlag: Das Wiesbadener Verwaltungsgericht verfügte einen Baustopp. Für das Haus der Asils sowie die weiteren 15 Reihenhäuser. Alle vier Hausreihen kleben viel zu dicht an einem Holzhändler, der dort Holz lagert und zuschneidet. Die vier Eckhäuser haben nur drei Meter Abstand zu den Holzlagerhallen. Aus Brandschutzgründen ein Ding der Unmöglichkeit.
Gesehen haben das alle. Die Stadt ließ trotzdem bauen, weil die politisch verantwortlichen Dezernenten im Rathaus, allen voran Planungsdezernent Joachim Pös (FDP), den Holzhändler zum Umzug bewegen wollten. Und dieser hätte der Stadt den Gefallen sogar getan, obwohl der Familienbetrieb seit über 100 Jahren dort seine Bretter lagert. Drei Jahre wurde verhandelt, aber die Angebote seien stets "unakzeptabel" gewesen, hatte Firmeninhaber Karl-Ulrich Blum im Interview mit der Frankfurter Rundschau gesagt. "Ich sollte nur ein Grundstück bekommen und auf eigene Kosten Lagerhallen, Büros, Parkplätze bauen." Darauf ließ sich der Geschäftsmann nicht ein.
Und die Stadt verriet den Häuslebauern nichts davon, dass es Schwierigkeiten geben könnte. Im Gegenteil: "Uns wurde immer gesagt, der Blum ist bald weg", sagt Nazmiye Asil. Ihr Häuschen muss sie nun vermutlich abreißen. Der Verwaltungsgerichtshof in Kassel hat dem Holzhändler Recht gegeben. Nervlich ist die Mutter völlig am Ende. Sie nimmt Antidepressiva, um wenigstens vor ihren beiden Söhnen zu funktionieren. "Wenn ich an den Schuldenberg denke -." Die Stimme versagt.
Allein an Bereitstellungszinsen müssen sie 600 Euro im Monat an die Bank zahlen. Für nichts. Denn den Kredit werden sie vermutlich niemals abrufen. Die neuen Möbel stehen in einem Lager, das auch bezahlt werden will. Und dann ist ja auch noch Miete fällig. Etwa 600 Euro schießt die Stadt als zinsloses Darlehen dafür vor. "Ab April sollen wir das dann in Raten wieder abbezahlen." Ekrem Asil schluckt. "Wie soll das bloß gehen?"
Und schön oder gar geräumig ist die Übergangswohnung für die vierköpfige Familie auch nicht. Aus ihrer alten Wohnung mussten die Asils im Sommer kurz vor dem Baustopp Hals über Kopf raus, weil der gesamte Häuserblock einsturzgefährdet war und abgerissen werden muss. Da blieb keine Zeit, um lange zu suchen. Und es sollte ja auch nur für zwei, drei Monate sein.
Also nahmen die Asils die erstbeste freie Wohnung, obwohl sie zu klein war mit ihren drei Zimmern, und obwohl sie im abgelegenen Stadtteil Schierstein liegt. Jetzt fahren die Eheleute 40 Kilometer pro Tag durch die Stadt, um erst Kerem in den Kindergarten zu bringen und anschließend Eren in die Grundschule im Künstlerviertel. Dort haben die Asils ihren Erstgeborenen natürlich eingeschult. "Ich pendle morgens und mittags eine Stunde quer durch die Stadt", sagt Nazmiye Asil. Und wieder bricht ihr die Stimme weg. Denn wenn sie ins Künstlerviertel zur Grundschule fährt, fährt sie an ihrem Haus vorbei.
Traurig, enttäuscht und wütend auf die Stadt sind die Asils. Freude gibt es bei ihnen zu Hause kaum noch. Von Planungsdezernent Pös verlangt die Mutter: "Ich will kein Geschwafel mehr, ich will jeden Cent wiederhaben. Und ich will mein Haus."
Die Stadt will den 16 betroffenen Häuslebauern nächste Woche Ersatzgrundstücke, Ersatzhäuser, Rückabwicklung oder Schadenersatz anbieten. Laut Rechtsanwalt Stephan Mette, der 15 der 16 Betroffenen vertritt, ist damit aber den Wenigsten gedient. "Andere Häuser sind teurer und haben auch andere Zuschnitte." Daher schlägt er vor, dass die Stadt die vier Reihenhausreihen "eins zu eins" auf einem anderen, noch freien Baufeld wieder aufbaut. Die Häuser könnten dann in sechs, sieben Monaten stehen.
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