Die Tür klemmt. Rütteln hilft nicht, Gegentreten auch nicht. Erst nach einem kräftigen Ruck gibt sie den Weg ins Innere frei. Doch die Kabine ist eng und niedrig. Der Sitz ist zu klein, und irgendwie weiß Thomas Schulze nicht, was er machen soll. Erst mit Hilfe einer Bedienungsanleitung gelingt es ihm schließlich, das kleine Flugzeug, in dem er sitzt, zu starten.
"Das war schon ganz gut", lobt Andrea Hintermaier im Anschluss. "Aber versuche das nächste Mal, dein komödiantisches Talent noch stärker herauszuarbeiten." Thomas Schulze nickt und startet das Flugzeug gleich noch mal - und diesmal wie gefordert noch komischer und übertriebener.
Thomas Schulze ist kein Pilot. Der 48-Jährige nimmt mit sechs Gleichgesinnten an den Talent-Tagen der Kammerspiele Wiesbaden teil. In dem zweitägigen Schauspiel-Workshop erfahren Bühnen-Laien, wie Schauspieler agieren, wie wichtig Körpersprache und Ausdrucksstärke sind und wie sich bestimmte Situationen nonverbal darstellen lassen. Angeleitet werden die Workshop-Teilnehmer von Andrea Hintermaier, Ensemble-Mitglied der Kammerspiele.
Das Flugzeug, das Thomas Schulze so eindrucksvoll gestartet hat, besteht aus einem Stuhl - mehr nicht. "Die Kunst ist es, sich in eine Situation hineinzuversetzen und dann darzustellen, was man erlebt", beschreibt Hintermaier die Aufgabe ihres Schülers. Im dritten Anlauf meistert Thomas die Sache schließlich zur Zufriedenheit seiner Schauspiellehrerin.
"Ich arbeite mit den Workshop-Teilnehmern so wie mit richtigen Schauspielern auch", erläutert Hintermaier. Ihre Schüler müssten sich überwinden, aus sich herausgehen und Mut zu Ungewöhnlichem zeigen. Das stärke das Selbstbewusstsein.
Bewegen im Weltraum
Auch Bewegungsübungen sind Teil des Workshops. "Ihr seid im Weltraum", ruft Hintermaier der Gruppe zu, und schlagartig bewegen sich die drei Frauen und vier Männer wie in der Schwerelosigkeit. Bei der Anweisung "Friedhof" läuft die Gruppe bedächtig umher. Manch einer schluchzt leise, schnäuzt in ein imaginäres Taschentuch. Thomas Schulze versucht, mit einem unsichtbaren Feuerzeug eine nicht vorhandene Grabkerze anzuzünden.
"Die Teilnehmer lernen so, sich selbst und die Menschen um sie herum intensiver wahrzunehmen", erklärt Hintermaier den Sinn der Übungen. "Sie müssen in sich hineinhören und spontan reagieren können." So ließen sich unter anderem Wahrnehmungen für den Alltag schärfen.
Das bestätigt Workshop-Teilnehmer Ivan Bencivenga. "Das, was ich hier lerne, nutze ich in meinem Beruf." Bencivenga ist im Vetrieb tätig, verkauft Werbezeiten für einen Radiosender. Dabei habe er täglich mit fremden Menschen zu tun. "Die Übungen helfen mir, mich schneller auf meine Gesprächspartner einzustellen und besser mit ihnen kommunizieren zu können", meint der 34-Jährige. Er nimmt bereits zum zweiten Mal an den Talent-Tagen teil. Sein Ziel ist es, das Gelernte zu vertiefen. "Denn im Alltag vergisst man sonst schnell, worauf es ankommt."
Laura Schork (26) möchte die Erfahrungen aus dem Workshop eher nicht im Berufsleben nutzen, wie sie sagt. "Das ist Nebensache." Sie mache mit, weil sie Spaß am Schauspiel habe, sich aus den Erlebnissen neue Anreize für ihren Alltag erhofft. "Es ist toll, einfach mal aus sich herauszugehen", meint die Grafik-Designerin. "Das kann man sonst nicht."
Talent-Tage: Für Teilnehmer ab 16 Jahren geeignet. Workshops finden zwei Mal im Monat statt, der nächste am 27. und 28. März, jeweils 11 bis 16 Uhr. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.kammerspiele-wiesbaden.de.
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