Waltraud Keller ist verrückt. Nach Büchern, Geschichte und ihrem Wiesbaden. Manchmal schlüpft sie gar in die Rolle der Pauline, der Ehefrau des Herzogs Wilhelm von Nassau und führt dann als feine Dame Gäste durch ihre Stadt. Wenn die Frau, die vielleicht gerade einmal 1,50 Meter misst, erzählt, ist es egal, ob Regentropfen auf der Nasenspitze landen. Ist es gleich, ob die Kälte das Hosenbein hinaufkriecht und die Finger klamm werden. Und man merkt kaum, dass man einen Passanten angerempelt hat, weil man die Augen nicht von Kellers Lippen lösen kann.
Die Gästeführerin weiß, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, weil sie selbst nur so vor Leidenschaft sprüht. Der Funke springt sofort über, wenn die 71-Jährige über die Geschichte der Landeshauptstadt spricht. Das Funkeln in ihren wachen braunen Augen reißt mit. Auf einmal sieht man das alte Rathaus, das man schon so oft unbeachtet links oder rechts liegen ließ, mit anderen Augen. Oder den Marktplatz. Oder das Hotel Goldener Brunnen. „Schauen Sie sich diesen Protz an. Dafür mussten drei Häuser weichen, weil man um die Jahrhundertwende mehr Platz für die Kurgäste brauchte.“ Sie klingt entrüstet. Auch dann, wenn sie über das Parkhaus in der Coulinstraße spricht und „über die Pissecken“.
Die drahtige 71-Jährige sagt, was sie denkt, ist dabei so offen, dass man meint, sie schon seit einer Ewigkeit zu kennen. Seit 1999 ist sie Gästeführerin. Vergangenes Jahr hat sie die Zertifizierung für den Gästeführerverband gemacht, dessen Pressesprecherin sie ist und der heute Abend sein zehnjähriges Bestehen feiert.
Wer Gästeführer werden will, muss büffeln, um Wiesbaden von seiner schönsten Seite präsentieren zu können. „Doch wir zeigen nicht nur unsere Stadt, wir verstehen uns auch als ihre Botschafter“, sagt Waltraud Keller. Und die dürfen auch kritisieren, findet sie, zum Beispiel die neuen Pläne für das marode Parkhaus an der Coulinstraße.
Waltraud Keller nimmt kein Blatt vor den Mund. Und wenn sie sagt, dass sie damit bei so manchem nicht gut ankommt, glaubt man ihr es. Ihr Mann zum Beispiel sei von ihrem Engagement, das sie Manie nennt, mittlerweile genervt. Und sie selbst scheint fast ein bisschen verzweifelt, als sie sagt: „Zu Hause habe ich mehr als hundert Bücher über Wiesbaden stehen, zudem drei Schreibtische vollbepackt mit Zeitungsartikeln. Ich muss alles besitzen, was ich lese.“ In kleinen Schritten marschiert die fünffache Oma durch die Langgasse, weiß zu fast jedem Gebäude eine Geschichte zu erzählen und wenn nicht, will sie sie „unbedingt herausfinden“.
Die 71-Jährige ist beneidenswert fit und sprüht nur so vor Tatendrang. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich wie Aschenputtel gegen eine böse Stiefmutter wehren und gegen Widerstände durchsetzen musste. „Ich hatte niemanden, der mich förderte. Sie sagten immer zu mir: Stell dich nicht so an. Und das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen“, sagt sie, lacht und fügt hinzu: „Neulich saß ich im Bus, als sich zwei Damen unterhielten. Die eine sagte, sie müsse jeden Morgen acht Tabletten nehmen. Da erwiderte die andere, das sei noch gar nichts. Sie brauche derer 13. Und als ich das gehört habe, hab ich einfach abgeschaltet.“
Doch das tut sie nur in den seltensten Fällen. Und schon gar nicht im Urlaub, gilt es doch dort, viele geschichtliche Zusammenhänge herzustellen. Ihre Schwäche für Geschichte hat sie nicht etwa als Schülerin entdeckt, erzählt sie beim Gang durch die schmucke Goldgasse. 17 Jahre lang war sie Büroleiterin einer Oberstufe, hat Schülerfahrten begleitet und Führungen für Klassen etwa über den russischen Friedhof gemacht. „Da habe ich gemerkt, dass ich das ganz gut kann.“
Waltraud Keller ist mit ihrem Leben voll und ganz zufrieden. „Es war noch nie so schön wie jetzt“, sagt sie, und ein Regentropfen bahnt sich seinen Weg an ihrem rechten Auge vorbei. Doch das merkt die 71-Jährige nicht.
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