„Als Student futtert man ja so einiges in sich rein“, erzählt Wanda Ganders. Es ist ein warmer Sommerabend im Jahr 2009 und Ganders sitzt mit ihrer Freundin Natalie Kirchbaumer auf einem Balkon in Bonn. Hier haben die beiden Freundinnen fünf Jahre zuvor ihren BWL-Abschluss gemacht – und sich nun zufällig wieder getroffen. Die beiden reden über alte Essgewohnheiten – und plötzlich äußert Ganders einen Wunsch: „Eigentlich wäre es doch ganz nett zu wissen, was man zu sich nimmt: Mal so ganz ohne Chemie und nur regionale Produkte.“
27. Februar 2011: Wanda Ganders steht auf dem verdreckten Lehmboden des Scholzenhofs am Rande von Wiesbaden. Rund 30 Menschen um sie herum hängen förmlich an ihren Lippen, während die Wirtschaftswissenschaftlerin redet – über Bio-Gemüse. „Sie bekommen über 20 Gemüsesorten in Ihren Garten gepflanzt“, erklärt sie. „Bis zum Herbst müssen Sie dann alles selbstständig pflegen – und schließlich ernten.“
Gedankenspiel wird Realität
Ganders und Kirchbaumer – das sind die Gründerinnen und einzigen Mitarbeiterinnen von „Meine Ernte“. Das Unternehmen ist das vorläufige Endergebnis jenes Gedankenspiels aus dem Sommer 2009. Das Prinzip ist denkbar einfach: Großstädter mieten sich für 179 Euro einen 45 Quadratmeter großen und fertig bepflanzten Gemüsegarten. Nach der Saison geben sie ihn zurück – ohne das Gemüse, versteht sich.
In 13 deutschen Städten setzt „Meine Ernte“ das Konzept inzwischen um. Ohne Hilfe können die beiden jungen Frauen dies allerdings nicht bewerkstelligen.
„Als mich die Zwei vor einem Jahr anriefen, mussten sie mich nicht lange überreden“, erinnert sich Ditmar Kranz. Der Landwirt führt den Scholzenhof, ein moderner Bauernhof in Wiesbaden-Nordenstadt. Er stellte einen Acker zur Verfügung und unterteilte ihn in 35 Parzellen. Kranz kümmerte sich auch um die Gemüsesaat und stand den Hobby-Gärtnern fortan mit Rat und Tat zur Seite.
Der Erfolg war durchschlagend. In diesem Jahr bieten „Meine Ernte“ und der Scholzenhof 50 Gärten an. Einer der Wiesbadener, der an diesem Nachmittag Ende Februar den Erläuterungen von Ganders lauscht, ist Ingol Kropf. Der 44-Jährige hatte schon im vergangenen Jahr einen Gemüsegarten gemietet und will auch diesmal unbedingt wieder einen ergattern: „Man kann zusehen, wie aus dem nackten Acker ein prächtiger Gemüsegarten wird“, schwärmt er. „Das habe ich zu Hause in der Innenstadt nicht.“ Dass das Gemüse schon gesät ist, findet Kropf nur gut. „Die Saat traue ich mir nicht unbedingt zu.“ Die Pflege des Gartens mache ohnehin genug Arbeit. „Doch das ist für mich wie Erholung.“
So wie er denken wohl alle der Wiesbadener Gartenmieter. „Unsere Idee fällt auf fruchtbaren Boden“, freut sich Ganders. Sie gibt zu, dass sie von dem Geschäft allein noch nicht leben kann. Doch die 30-Jährige ist davon überzeugt, auf das richtige Pferd – besser gesagt: auf das richtige Gemüse – gesetzt zu haben.
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