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15. Februar 2013

Hilfen bei Demenz: Ärzte müssen entlastet werden

Viele Angebote für Demenzkranke gibt es in Wiesbaden. Doch die werden nur wenig genutzt.  Foto: Rolf Oeser

Rund 4500 Menschen mit Demenz leben in Wiesbaden. Die Stadt will sie mit zahlreichen Angeboten unterstützen, doch die werden nicht genügend genutzt. In einer Studie ging die Heidelberger Diplom-Gerontologin Petra Schönemann-Gieck den Ursachen auf den Grund.

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Zur Person

Petra Schönemann-Gieck (43) arbeitet am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg. Seit 2001 begleitet sie die Altenarbeit in Wiesbaden wissenschaftlich. 2009 begann sie mit der Studie, die vom Forum Demenz Wiesbaden initiiert wurde. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Rolle der Hausärzte als Vermittler im häuslichen Hilfesystem bei Demenz.

In Wiesbaden gibt es viele Angebote für Demenzkranke und deren Angehörige. Doch werden diese nicht genügend genutzt. In einer Studie ging die Heidelberger Diplom-Gerontologin Petra Schönemann-Gieck den Ursachen auf den Grund und fand unter anderem heraus, dass Hausärzte die Diagnose Demenz oft spät stellen und ihre Patienten selten an Fachstellen für Demenz vermitteln.

Frau Schönemann-Gieck, die Ergebnisse Ihrer Studie sind ja eine ganz schöne Watsche für die Wiesbadener Hausärzte.

Das darf auf keinen Fall so rüberkommen. Es stimmt zwar, dass die Diagnose oft sehr spät gestellt wird. Das liegt aber auch daran, dass es viele Patienten und deren Angehörige oft eine lange Zeit kostet sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt. Für Hausärzte ist es schwierig, diese Menschen zu begleiten und zu animieren, Hilfe anzunehmen.

Hat man Krebs, wird die Diagnose gestellt und der Patient akzeptiert sie. Bei Demenz muss erst Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Ja, es bleibt nicht nur bei einem Gespräch. Die Bereitschaft, die Symptome etwa in einer Gedächtnisklinik abklären zu lassen, besteht in den meisten Fällen nicht von vornherein.

Weshalb ist das so?

Viele haben sehr große Angst vor dem was kommt. Stellen Sie sich ein älteres Ehepaar vor. Der Mann ist an Demenz erkrankt, und auf einmal soll die pflegende Ehefrau ihn in eine Tagespflegeeinrichtung geben. Es ist schwierig, ihr zu erklären, dass sie ihn nicht im Stich lässt. Und dass sie sich Hilfe holen muss: Pflege kann ein Knochenjob werden. Ein weiterer Grund für die langwierige Überzeugungsarbeit ist das negative Bild der Krankheit in unserer Gesellschaft.

Inwiefern?

Es wird meist nur das Negative gesehen. Viele Menschen denken, mit einer Demenzdiagnose wäre das Leben vorbei. Klar ist Demenz eine lebensbedrohende Krankheit. Aber es kann auch eine erfüllende Aufgabe sein, einen Kranken zu begleiten. Und auch Erkrankte können ein zufriedenes Leben führen.

Warum ist eine frühe Diagnose so wichtig?

Demenz ist nicht gleich Demenz. Der Hausarzt kann in den meisten Fällen nicht die Ursachen für die Erkrankung feststellen. In Fachkliniken muss geklärt werden, ob andere Ursachen für die Symptome verantwortlich ist. Zudem ist eine klare Diagnose wichtig, um weitere Schritte einzuleiten. Ist die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten, kann der Patient selbst entscheiden, wie er sein Leben weiter gestalten will.

Wenn Ärzte es nicht leisten können, einen Demenzkranken so lange zu begleiten, bis er sich eingesteht, dass er Hilfe braucht, wer dann?

Hausärzte sollten gezielt Beratungsstellen einschalten. Deren Mitarbeiter kommen zu den Patienten nach Hause, sind speziell geschult. In Wiesbaden gibt es acht dieser Beratungsstellen, die von der Stadt getragen werden. Das ist bundesweit einzigartig.

Und was machen Ärzte in Städten, die keine Beratungsstellen haben?

Die haben tatsächlich ein riesiges Problem und sind oft überlastet. Für sie sind diese langwierigen Aufklärungs- und Beratungsgespräche oft ein Minusgeschäft, da die Krankenkassen lediglich zehn Minuten pro Fall vorsehen.

Was war das Überraschendste an Ihrer Studie?

Am meisten hat mich überrascht, dass die 44 an der Studie beteiligten Hausärzte der Koordination und Organisation eine größere Bedeutung zugemessen haben, als beispielsweise der medizinischen Betreuung und der Diagnostik. Das bedeutet, dass Hausärzte unbedingt entlastet werden sollten.

Wodurch denn?

Hausärzte haben in den meisten Fällen einen extrem guten Draht und ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu den Patienten und Angehörigen. Sie brauchen allerdings Strukturen, damit sie die zeitaufwendigen Beratungsgespräche delegieren können. In Wiesbaden klappt das eigentlich schon ganz gut.

Was muss in der Landeshauptstadt noch verbessert werden?

Die Hausärzte müssen erfahren, welche Entlastungsmöglichkeiten ihnen die Beratungsstellen bieten. Sie müssen lernen, dass sie sich auf diese verlassen können. Zudem müssen die Ärzte regelmäßig geschult werden, was aber in Wiesbaden auch schon passiert.

Wiesbaden scheint ja im Bezug auf das Thema Demenz gut aufgestellt.

Auf jeden Fall. Die Kooperation zwischen Gesundheits- und Altenhilfe geht von der Kommune aus, die Beratungsstellen sind dort angesiedelt. Das bietet enorm viele Vorteile.

Sind die Ergebnisse Ihrer Studie auch auf andere Städte übertragbar?

Was die grundsätzlichen Probleme der Hausärzte mit dieser Patientengruppe betrifft sicherlich. Doch sind die Unterstützungsstrukturen in den Städten unterschiedlich.

Was passiert nun mit den eindeutigen Ergebnissen Ihrer Studie?

Die Ergebnisse werden im Beirat des Wiesbadener Netzwerks diskutiert und Konsequenzen daraus gezogen. Welche praktischen Maßnahmen das sein werden, ist jetzt natürlich noch nicht klar. Meine Aufgabe ist es, die Ergebnisse in die Fachöffentlichkeit zu tragen. Vielleicht können sie auch von anderen Kommunen genutzt werden.

Das Gespräch führte Ute Fiedler

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