Herr Schneider, wird denn der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus von den Menschen überhaupt wahrgenommen?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass die allermeisten Bürger nicht genau wissen, was das für ein Tag ist und wofür er steht.
Karlheinz Schneider (67) ist seit dem Jahr 2006 Vorsitzender des Vereins Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden. Er lehrt Soziologe an der Hochschule Rhein-Main und an der Universität Heidelberg und lebt seit mehr als 30 Jahren in der Landeshauptstadt. ( rmu)
In Wiesbaden gibt es ein umfangreiches Programm aus Anlass des Tages, der bundesweit seit 1996 am 27. Januar begangen wird. Ist das ausreichend?
Ja - der 27. Januar lebt, wenn sich in den Kommunen Menschen bereit erklären, diesen Tag mit Inhalt zu füllen. Wiesbaden steht damit vorbildlich da. Hier gibt es Jahr für Jahr ein hervorragendes Programm. Dafür gebührt insbesondere dem Organisator Axel Ulrich vom Stadtarchiv Dank.
Hat die Stadt denn genug für die Erforschung ihrer jüdische Geschichte getan?
Bei der Erforschung von Verfolgung und Widerstand während der NS-Zeit ist tatsächlich viel, sogar Vorbildliches passiert. Die Erforschung der Jüdischen Geschichte der Stadt ist allerdings weitgehend ein Brachfeld. Da gibt es einen ganz großen Handlungsbedarf. Man muss es so sagen: Wiesbaden ist eine Stadt, die bisher nur wenig über ihre jüdische Geschichte geforscht hat. Die jüngst gegründete Paul-Lazarus-Stiftung sieht gerade in dieser Geschichtsforschung eine ihrer zentralen Aufgaben.
Jahrelang haben die Diskussionen und Planungen um den Gedenkort Schlachthof und die dortige Rampe gedauert - zu lange?
Nein, nicht zu lange. Es ist ganz, ganz schwierig mit historischen Orten. Es gibt Fraktionen, die einem "Authentizitismus" frönen und meinen, jeder erhaltene Stein sei ein historischer Ort. Was nützt mir eine vollständige, 300 Meter lange Rampe, die infolge der Bombenangriffe von 1944/45 zerstört worden ist? In Abstimmung mit der Stadt und uns ist unter engagiertem Einsatz der Kulturdezernentin, Rita Thies, eine Konzeption zur Erinnerung für die heutige Zeit und die dritte und vierte Generation nach dem Krieg entstanden. Der Entwurf des Künstlers Vollrad Kutscher sieht vor, die Fautsche Wand samt Deportations-Graffiti zu belassen, eine neue Kastanienallee soll Spaziergänger darauf zuführen. Ein Teil der Verladerampe bleibt ebenfalls. Alle waren davon angetan: die Jüdische Gemeinde, Stadthistoriker, Kulturamt und wir.
Kritiker sagten, die Stadt brauche einen neuen Diskurs darüber, wie der Ort weiterentwickelt werden könnte.
Das ist absoluter Quatsch. Die Gespräche waren und sind doch ständig am laufen. Es hieße eines der Lebenswerke der verstorbenen Stadtverordnetenvorsteherin, Angelika Thiels, völlig verschlafen zu haben. Unter ihrem großen und viele Partner stets von neuem einbindenden Einsatz ist über viele Jahre ein sogenannter Lenkungsausschuss entstanden. Alle, die es wollen, waren und sind eingebunden. Jeder Privataktionismus schadet dagegen dem Diskurs.
Heute wird die Stele zur Erinnerung an die von den Nazis zerstörte Synagoge der jüdischen Gemeinde Biebrich enthüllt. Wie finden Sie sie?
Bombastisch - im Sinne eines wirklichen Denk-Mals. Vor allem freut mich, dass ein breites Bündnis vom Ortsbeirat über Ausländerbeirat bis zur türkischen und griechischen Gemeinde mitgemacht und sich dafür eingesetzt hat.
Interview: Ralf Munser
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