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Film-Projekt in Wiesbaden: Im Zug der Hoffnung

Langzeitarbeitslose in Wiesbaden sind die Darsteller einer Filmtrilogie. Für sie sind die Dreharbeiten ein Schritt zurück ins Leben.

        

Dreharbeiten in vollem Gang.
Dreharbeiten in vollem Gang.
Foto: Rolf Oeser

Gerhard Binder lehnt am offenen Fenster des Zugs. Wind fährt durch seinen grauen Haarkranz. Als der Schaffner die grüne Kelle schwingt, schauen zusammen mit Binder 16 über 50-Jährige in nostalgischen Klamotten sehnsüchtig in Fahrtrichtung, als führe der Zug in ihren zweiten Frühling. „Und cut, super“, ruft Regisseur Arne Dechow.

Am Heimatbahnhof der Nassauischen Touristikbahn in Dotzheim drehen Dechow und sein Team die letzten Einstellungen einer Filmtrilogie. Die Schauspieler, darunter Gerhard Binder, sind aus Wiesbaden, über 50 Jahre alt und seit langer Zeit arbeitslos.

Der Filmdreh ist Teil des bundesweiten Projekts „ComeBack 50plus“ und wird in Wiesbaden seit April 2010 von den BauHaus Werkstätten im Auftrag des Jobcenters im Amt für Soziale Arbeit durchgeführt.

„ComeBack 50plus“ bietet freiwillige Beschäftigungsmöglichkeiten für insgesamt 250 schwer vermittelbare Arbeitslose über 50 Jahre aus Wiesbaden. „Die Teilnehmer haben unterschiedliche Hemmnisse“, sagt Teamleiterin Christiane Erhard vom Jobcenter Wiesbaden. „Manche sind alkohol- oder drogensüchtig oder gesundheitlich angeschlagen und haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.“

Das erste Ziel sei, die Teilnehmer wieder ins Leben zu locken: „Sie sollen freiwillig etwas tun und dabei Wertschätzung erfahren“, sagt die Projektleiterin Andrea Bunn von den BauHaus Werkstätten. Eine Art „Resozialisierung“ also, für die zum Teil seit Jahrzehnten Arbeitslosen.

Bestenfalls können Teilnehmer in einen Job vermittelt werden. Bis jetzt bekamen 46 Teilnehmer eine Anstellung und 22 einen Mini-Job. Finanziert wird das Projekt durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit rund 350000 Euro.

Da springt für das professionelle Filmteam von Arne Dechow nicht viel Honorar heraus: „Für mich und meine Kollegen ist es die Gelegenheit, etwas zu realisieren, weswegen wir damals unseren Beruf erlernt haben. Wir drehen einen spannenden Film und können unseren Ideen freien Lauf lassen, das Geld spielt da keine große Rolle“, sagt Dechow.

Außerdem reizt den Regisseur, der meist Imagefilme für Firmen dreht, das Reale an der Arbeit. Das Team hörte sich die Lebensgeschichten der Arbeitslosen an und entwarf ein Drehbuch mit echten Episoden aus den Erzählungen.

Die Lebensgeschichte von Gerhard Binder beschreibt den ersten Teil der Trilogie, „Tote Söhne“. Binder spielt darin sich selbst: „Tanner“ ist ein Obdachloser, so wie Binder, als er noch in Wien lebte: „Mit 16 bin ich von zu Hause abgehauen“, sagt er. Kurze Zeit später erfuhr Binder, dass sein Vater ihn für tot erklären ließ. Das brach ihm das Herz. Im Film wird Binder als alter Mann von einem einsamen alten Syrier, der in jungen Jahren ein Kind verloren hat, adoptiert. So helfen sie sich gegenseitig, ihr Trauma zu überwinden.

„Die Arbeit am Film hat mir geholfen, meine alte Wunde zu heilen“, sagt Binder. Vor 22 Jahren kam der Österreicher nach Wiesbaden. Hier arbeitete er als Koch und wurde durch einen schweren Autounfall arbeitsunfähig.

Jetzt steht er im blauen Jackett, mit gepunktetem Halstuch und grauem Bart, der in zwei Spitzen endet wie bei einem Gentleman aus den fünfziger Jahren, im Zug am Dotzheimer Bahnhof. Der wurde übrigens auch durch Arbeitslose über 50 restauriert.

Als die Filmklappe wieder geschlagen wird, steht Binder im Zug am Fenster und schaut sehnsüchtig in die Zukunft. In Wirklichkeit schaut er jedoch in seine eigene Vergangenheit.

Autor:  Christina Franzisket
Datum:  15 | 12 | 2011
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