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Wiesbaden
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21. Dezember 2011

Integration in Wiesbaden: Ankunft im neuen Leben

 Von Mirjam Ulrich
Jede Woche treffen sich Larisa Ber und Linda Becker und üben Deutsch.  Foto: Michael Schick

Bei „Willkommen!“ begleiten Deutsche ehrenamtlich Flüchtlinge im Alltag.

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Bei „Willkommen!“ begleiten Deutsche ehrenamtlich Flüchtlinge im Alltag.

Sie lebt schon seit drei Jahren in Wiesbaden, richtig angekommen ist Larisa Ber aus dem südrussischen Krasnodar hier jedoch noch nicht. Die Lehrerin, die aus derselben Großstadt stammt wie die weltberühmte Sopranistin Anna Netrebko, spricht nur mühsam Deutsch. Bis sie Linda Becker traf, bewegte sie sich auch in Wiesbaden nur unter Russen. Deutsche kamen in ihrem Leben bislang nur am Rande vor.

Das Projekt

Mehr Kontakte zwischen Deutschen und Flüchtlingen will das Projekt Willkommen! herstellen, um die Ausländer gesellschaftlich zu integrieren.

Weitere Ehrenamtliche werden gesucht, die bereit sind, als Mentoren Flüchtlinge regelmäßig einmal wöchentlich im Alltag zu unterstützen: beim Umgang mit Ämtern, beim Deutschlernen und durch gemeinsame Aktivitäten.

Die Tätigkeit der Mentoren wird durch Gespräche und kostenfreie Fortbildungen vorbereitet und begleitet. Als Vorbild dient das Mentorenprogramm von Xenion in Berlin, einem Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge.

Das Projekt verfügt nicht über eigenes Geld, sondern wird finanziell vom Flüchtlingsrat Wiesbaden unterstützt. Der ist auf Spenden angewiesen.

Treffpunkt ist mittwochs von 17 bis 20 Uhr im Büro des Flüchtlingsrats, Blücherstraße 32, Telefon 0611/ 495249, E-Mail: willkommenwiesbaden@ googlemail.com.

Die beiden Frauen sitzen an einem Nachmittag im Advent in einem Café und stecken die Köpfe über einem Buch zusammen. Es ist Linda Beckers alte Schulfibel „Tausend Bilder und tausend Worte in Deutsch“. Das Bild zeigt eine Szene im Park, Larisa Ber ordnet Begriffe und Artikel zu. Der Baum, die Bank, das Wasser, die Wolke. Zwischendurch macht sie sich Notizen in einem Heft. Linda Becker buchstabiert und korrigiert geduldig, lobt und nickt, wenn es auf Anhieb stimmt.

Die 29-jährige Wiesbadenerin und die 44-jährige Russin haben sich über das Projekt „Willkommen!“ des Flüchtlingsrats kennengelernt. Einheimische begleiten und unterstützen dabei ehrenamtlich Flüchtlinge und Migranten im Alltag. Seit dem Herbst verabreden sich Larisa Ber und Linda Becker einmal in der Woche. Sie besuchen sich zu Hause, kauften neue Stiefel und suchten beim Optiker eine Brille für Larisa aus.

„Linda ist meiner einzige deutsche Bekannte“, sagt Larisa. „Ich habe sonst nur russische Freunde.“ Vor vier Jahren heiratete sie in zweiter Ehe einen Russlanddeutschen und zog mit ihrem halbwüchsigen Sohn im Oktober 2008 nach Wiesbaden. Zwei Wochen nach ihrer Ankunft fand sie einen Job als Reinigungskraft. Anfangs putzte sie nur einige Stunden in einer russischen Firma. Auch in ihrer Freizeit sprach sie nur Russisch. Die Ehe ging schief, seit der Scheidung arbeitet sie ganztags als Putzfrau. Sie muss den Anwalt bezahlen, außerdem unterstützt sie ihre erwachsene Tochter in Russland.

Viele Gemeinsamkeiten

Über die Rechtsberatung des Flüchtlingsbüros erfuhr sie von „Willkommen!“. In einem Vorbereitungsgespräch gab sie ihre Interessen an, denn die Zweier-Teams sollen sich nicht nur vom Alter her möglichst ähneln. Immerhin treffen sich die beiden ein halbes Jahr lang einmal in der Woche. „Flüchtlinge haben nur ganz selten Kontakte zu Einheimischen“, hat Projektleiterin Lisa Friedmann beobachtet. Dadurch seien Integration und Teilhabe für sie nur schwer möglich. „Willkommen!“ soll ihnen die Ankunft in der Stadt erleichtern. „Die Flüchtlinge sollen auch einmal etwas Schönes erleben, nicht nur Bürokratie“, sagt Lisa Friedmann.

Wie es ist, in der Fremde zu leben, kennt Linda Becker aus eigener Erfahrung. Nachdem sie zehn Jahre lang als Buchhalterin in einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet hatte, nahm sie sich eine Auszeit, um herauszufinden, was sie beruflich anders machen will. Sie ging für ein Jahr nach Australien, im vergangenen Juni kehrte sie nach Wiesbaden zurück. „Richtig angekommen bin ich hier noch nicht wieder“, erzählt die lebhafte junge Frau. Ihr fehle das Meer, außerdem vermisse sie die offene, freundliche Art der Australier. Seither hält sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser und engagiert sich in sozialen Projekten und Einrichtungen.

Ab dem kommenden Jahr will sie in Hamburg Soziale Arbeit studieren. Sie hofft, bis zum Studienbeginn herauszufinden, wohin es beruflich für sie gehen könnte. Auch durch ihr soziales Engagement bei „Willkommen!“. „Aber es ist nicht nur, um den Nachweis für meine Studienplatzbewerbung zu bekommen.“ Sie helfe gern, könne aber kein Geld, jedoch Zeit spenden.

Wie Linda Becker wünscht sich auch Larisa Ber, beruflich anzukommen. Am liebsten würde sie wieder wie früher mit Kindern arbeiten, erzählt sie. Sie weiß, dass sie dafür erst die deutsche Sprache beherrschen muss. Seit Oktober nimmt sie jetzt wöchentlichen Deutschunterricht, übt Vokabeln und übersetzen. „Ich verstehe mehr, als ich sprechen kann.“

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