Herr Strack, der Täter des Reizgas-Anschlags wurde binnen 24 Stunden ermittelt. Sind Sie froh?
Natürlich. Das glättet viele Wogen und beruhigt Ängste, dass sich so was wiederholt. Zudem sind Nachahmer gewarnt, weil der Täter so schnell ergriffen wurde. Außerdem sind wir natürlich froh, dass es niemand von außerhalb war.
Rainer Strack (56) leitet seit einem Jahr die Schulze-Delitzsch-Schule in Wiesbaden. Die Berufliche Schule für Wirtschaft und Verwaltung besuchen 2500 Schülerinnen und Schüler aus Wiesbaden und Umgebung.
Ein 20-jähriger Schüler hatte am Dienstag in der Schule stark reizendes Pfefferspray versprüht. 55 Lehrer und Schüler wurden leicht verletzt, 18 in Krankenhäuser gebracht. Sieben von ihnen waren gestern noch in der Klinik. Ihr Zustand sei stabil, hieß es. (sab)
Wie kam es zu der schnellen Ermittlung des Täters?
Zwei Schülerinnen kamen zu mir und sagten, sie wüssten, wer das Reizgas versprüht habe. Und da ich ein gutes Verhältnis zu den Schülern habe und Kontakte zu ihnen pflege, haben sie sich mir anvertraut und den Namen genannt. Die AG Januar der Polizei hat dann den 20-Jährigen verhört.
Was passiert jetzt mit dem Schüler, der den Anschlag inzwischen auch gestanden und als "Scherz" eingestuft hat?
Unsere Schule wird er verlassen müssen. Ich kann es weder den Lehrern noch den Schülern zumuten, dass er bleibt. Außerdem schlügen ihm hier zuviele Ressentiments entgegen. Wenn er Reue für seine Tat zeigt, werde ich mich bemühen, ihm eine Perspektive zu geben und an einer anderen Berufsschule unterzukriegen. Dann kann er wenigstens seinen Abschluss noch machen. Im Sommer hätte er seine Fachhochschulreife gehabt.
Ist der Schüler vorher schon mal auffällig geworden?
Solche extremen Verhaltensauffälligkeiten gab es vorher keine.
Der Reizgas-Anschlag am Dienstag hat Ihren Schulbetrieb einen Nachmittag lang völlig auf den Kopf gestellt. War am Tag nach dem Großeinsatz schon wieder normaler Unterricht möglich?
Die Kollegen haben gestern den Schülern angeboten, über den Anschlag zu sprechen. Sie haben informiert, wie alles genau abgelaufen ist, welche Gefahren bestanden haben, wie das mit der Evakuierung lief und so fort. Wir müssen das Geschehen aufarbeiten, dabei werden auch unsere Religionslehrer helfen.
Gibt es Traumatisierungen?
Sagen wir so: Das Vertrauen der Schüler, Eltern und Lehrer in ihre Schule ist erschüttert. Ich musste am Dienstag und auch am Mittwoch viele Telefongespräche führen und versuchen, das Vertrauen wieder herzustellen. Wenn so was mit Verletzten passiert, ist die heile Welt erstmal erschüttert. Aber dass der Täter so schnell gefasst wurde, wirkt schon beruhigend.
Wie fühlten Sie sich, als Sie am Tag danach Ihr Büro betraten?
Nicht mehr so sicher. Das ist so, als wenn in Ihre Wohnung eingebrochen wurde: Es dauert lange, bis Sie sich wieder richtig wohl in den vier Wänden fühlen.
Der Reizgas-Anschlag ist mit 55 Leichtverletzten relativ glimpflich ausgegangen, hat aber einen Großeinsatz von Feuerwehr und Rettungskräften fast wie bei einem Amoklauf ausgelöst. Hat das die Ängste verstärkt?
Das Szenario, das hier ablief, glich dem bei einer Amok-Situation, ohne Zweifel. Lehrer und Schüler kamen mit starken Kopfschmerzen, Hustenanfällen, Schwindel und Übelkeit zu mir, das Gas verbreitete sich vom Online-Schülerzeitungsraum in andere Klassenräume. Ich bin dankbar, dass die Rettungskräfte und die Feuerwehr auf meinen Notruf hin so reagiert haben und alles so toll geklappt hat.
Haben auch Ihre internen Notfallpläne gegriffen?
Ich habe zusammen mit den Kollegen den betroffenen Gebäudeteil mit 400 Schülerinnen und Schülern in weniger als zehn Minuten evakuiert. Es gab keine Panik. Ob wir noch etwas verbessern können und wie, und ob wir die Schüler noch besser schützen können, werden wir in Konferenzen besprechen.
Ist etwas Ähnliches schon mal an Ihrer Berufsschule vorgekommen?
Unsere Schule gibt es seit 108 Jahren. Meines Wissens hat sich in der Vergangenheit nichts Vergleichbares ereignet. Die Schule blieb bisher von Gewaltakten unbeleckt. Wir sind eine kaufmännische Berufsschule. Unser Klientel praktiziert so etwas in der Regel nicht.
Interview: Sabine Müller und Gaby Buschlinger
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