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Interview mit Soziologin Kavemann: "Gewalt von Frauen war kein Thema"

Frau schlägt Mann - das gab es zwar schon immer, doch geredet wird darüber erst seit Kurzem. Warum, erklärt die Soziologin Barbara Kavemann im FR-Interview.

Die Soziologin Barbara Kavemann ist Experin für Gewalt in der Ehe.
Die Soziologin Barbara Kavemann ist Experin für Gewalt in der Ehe.
Foto: Privat

Beim Thema häuslicher Gewalt dachte man lange Zeit, nur Männer seien die Täter und Frauen immer die Opfer. Wie kommt es, dass gewalttätige Frauen früher übersehen wurden? Das war irgendwie kein Thema der Frauenbewegung. Man hat sich da lange Zeit auf den Füßen gestanden, um Gewalt von Frauen auch in diesem Kontext wahrnehmen zu können. Aber das ist nur die halbe Erklärung. Die andere Hälfte ist: Wenn man Gewalt in den Geschlechterbeziehungen in die Politik bringen, also als Thema setzen will, dann muss man es relativ polarisierend tun. Anders funktioniert es nicht. Hinzu kommt, dass Männer deutlich seltener von schwerer, verletzungsträchtiger Gewalt betroffen sind als Frauen. Wenn es so wäre, dass wir es mit dem gleichen Bild von Gewalt zu tun hätten, dann hätten wir auch eine Menge von verletzten Männern. Und dann wäre es gar nicht möglich gewesen, dass dieses Problem nicht gesellschaftlich sichtbar geworden wäre.

Oft heißt es auch, Männer schämten sich zu sagen, dass ihre Frau sie schlägt. Man argumentiert immer und ausschließlich damit, aber das ist auch wiederum nur eine Seite der Problematik. Denn wenn die Schläge der Partnerin nur geringfügige Folgen hinterlassen und nur in den seltensten Fällen schwere Verletzungen, dann ist es auch nicht leicht, das als gesellschaftlich relevantes Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

Zur Person

Barbara Kavemann ist Soziologin und arbeitet seit 1978 zu Fragen der Gewalt im Geschlechterverhältnis und der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Sie lehrt an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes sowie des Berliner Frauenpreises 2005.

Wie häufig erleben denn Männer in ihren Liebesbeziehungen Gewalt? Wenn es um das Vorkommen von Gewalt geht - also das, was von Männern so eingestuft wird - haben wir es statistisch gesehen immer mit einer Gleichverteilung zu tun. In den bundesdeutschen Untersuchungen antworten sowohl 25 Prozent der befragten Frauen als auch 25 Prozent der Männer mit "Ja", wenn sie danach gefragt werden, ob sie schon einmal Gewalt in einer Beziehung erlebt haben. Auch bei hetero- und homosexuellen Beziehungen ergeben sich die gleichen Prozentsätze. Wenn wir dann darauf schauen, um welche Art von Gewalt es sich handelt, wie gefährlich und verletzungsträchtig sie ist und wie häufig sie vorkommt, dann sehen wir deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede.

Und welche sind das? Wir haben bei beiden Geschlechtern die Kombination von körperlicher und psychischer Gewalt. Aber wir haben bei der Gewalt, die Männer ausüben, eben diese Häufigkeit von gravierenden Verletzungsfolgen. Außerdem geht sie stark mit sexueller Gewalt einher, was wir bei Frauen vergleichbar nicht finden.

Wird die Gewalttätigkeit auch unterschiedlich bewertet? Grundsätzlich wird gewalttätiges Handeln von Frauen in der Gesellschaft stärker verurteilt als das von Männern. Das sieht man bis in die Arbeit der Justiz: Gewaltverbrechen von Frauen werden schärfer geahndet als von Männern - vor allem, wenn es um Tötungsdelikte geht. Wenn Männer und Frauen jedoch befragt werden, wie sie das Gewalthandeln des anderen Geschlechts in der Partnerschaft bewerten, dann richtet sich der verurteilende Blick eher auf die Männer. Das heißt, ihnen wird eher unterstellt, dass sie das Ganze in der Absicht getan haben, die Partnerin zu knechten und ihr zu schaden. Bei Frauen wird dagegen eher angenommen, dass sie zum Teil in Selbstverteidigung handeln, dass sie also einen anderen Grund haben, sich mit Gewalt gegen den Partner zu stellen.

Ziehen von häuslicher Gewalt betroffene Männer eigentlich andere Grenzen? Das muss noch erforscht werden. Es gibt Hinweise darauf, dass Männer früher als Frauen aggressives Verhalten als unangemessen empfinden und von daher als gewaltförmig einstufen als das Frauen mit Blick auf ihre männlichen Partner tun.

Von welchen Formen psychischer Gewalt sprechen Männer dann eher? Männer beklagen sich, wenn die Partnerin sie kontrolliert. Das beklagen die Frauen auch - aber es scheint so zu sein, dass Männer ein eifersüchtiges oder kontrollierendes Verhalten der Partnerin schneller als unangemessen empfinden.

Misshandelte Frauen können auf Unterstützung hoffen. Wie ergeht es den Männern, die Gewalt durch Frauen erleiden? Man kann nicht generell sagen, dass Frauen auf Unterstützung hoffen können. Es ist aber ein Unterstützungsangebot aufgebaut worden, das die gesellschaftliche Situation wirklich verändert hat. Und es ist sehr viel Kompetenz und Kenntnis auch in der Breite des sozialen Unterstützungssystems angekommen, so dass misshandelte Frauen auch dort auf Rat und Hilfe stoßen, wo sie nicht zu spezialisierten Einrichtungen gehen. Für misshandelte Männer gibt es keine vergleichbare Unterstützung. Es ist noch nicht in dem Maße Thema, dass Männer auch durch ihre Partnerinnen Gewalt erleiden können.

Interview: Mirjam Ulrich

Datum:  20 | 10 | 2009
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