In einer Stadt, die so friedlich und adrett ist wie Wiesbaden, kann man keinen Krimi schreiben. Das war der erste Gedanke von Tatjana Krause, als sie im Mai in die Landeshauptstadt kam, um einen Monat lang in der Villa Clementine zu wohnen. Genau das, nämlich eine Kriminalgeschichte zu schreiben, war die Aufgabe der Autorin. Gemeinsam mit Mitra Devi und Michael Kibler war sie der Einladung des Literaturhauses gefolgt, das die drei Schriftsteller in der Gründerzeitvilla beherbergt hat.
Gelegenheit zum Austausch
Trio Mortale - Wiesbadener Kriminalgeschichten, herausgegeben von Susanne Lewalter, Brücken-Verlag, 116 Seiten, ISBN 978-3-935136-31-0; Preis 7,90 Euro.
Das Stipendium für Krimiautoren wurde erstmals vergeben: Künftig sollen sie einmal im Jahr für vier Wochen in die Stipendiatenwohnung der Villa Clementine einziehen, die Stadt kennenlernen und in der Zeit eine Geschichte schreiben, deren Handlung natürlich in Wiesbaden spielt. Gedacht ist das Stipendium vor allem als Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.
"Wer schreibt, sitzt doch die meiste Zeit alleine am Computer", stellte Tatjana Kruse bei einer Lesung am Mittwoch fest, die das Ergebnis der literarischen Wohngemeinschaft - das Buch "Trio mortale" - vorstellte. So sei es "ein großer Luxus", einmal ausführlich mit Kollegen über die Arbeit reden zu können. "Wenn ich abends mit Freunden beim Bier über mein neues Buch spreche, dann ist das ganz etwas Anderes als der Austausch von Autor zu Autor", sagte Michael Kibler. Schließlich könne ein Maurer mit einem Maurer auch besser über seine Arbeit reden als etwa mit einem Bäcker.
Mit seinen "Darmstadt-Krimis" hat Kibler bereits mehrere Romane mit lokalem Bezug veröffentlicht. Zu seiner in Wiesbaden entstandenen Erzählung "Prinzessinnenraub" hat er sich durch eine Episode der Stadt- und Weltgeschichte inspirieren lassen, die sich in der Villa Clementine ereignet hat - die Entführung des serbischen Kronprinzen Aleksandar durch seine Mutter, Königin Natalija, im Sommer 1888. Auf der Flucht vor ihrem Mann hatte sie sich in dem herrschaftlichen Gebäude eingemietet. Michael Kibler lässt in "Prinzessinnenraub" den Obdachlosen Richard Berger im Keller der Villa hausen und eine Russin, die in Deutschland zur Prostitution gezwungen wurde, vor ihren Peinigern retten. Trotz des gesellschaftskritischen Themas, versteht sich Kibler keineswegs als Schreiber mit erhobenem Zeigefinger. Er beschäftige sich mit "Fragen, die mich interessieren", wie er erklärt. Triviale Lösungen für komplizierte Probleme anzubieten sei nicht sein Fall.
Drastische Todesarten
Mitra Devi hatte die Idee zu ihrer Geschichte "Blaues Gift" bei einem Besuch der Kaiser-Friedrich-Therme. Im Dampfbad ermordet die Protagonistin ihren ehemaligen Professor mit einer giftigen Haarnadel. Weniger subtil sind die Todesarten, die sich Tatjana Kruse für die Opfer in ihrer Story ausgedacht hat: Der Kopf einer enthaupteten Galeristin baumelt zu Beginn der Erzählung am Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Warmen Damm. Ein weiteres Mordopfer wird mit einem Brieföffner erstochen.
Alle drei Stipendiaten haben den Aufenthalt in der Kurstadt genossen. "Schöner als in Flensburg" sei es in Wiesbaden, merkte Tatjana Kruse an. Sie muss es wissen: Schließlich war sie auch dort Stipendiatin - als Krimi-Stadtschreiberin 2005.
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