Elf Ärzte sind in Wiesbaden berechtigt, Methadon oder Bubrenorphien an Drogensüchtige zu vergeben. Vier von ihnen tun dies aber nicht in ihrer Praxis, sondern gehen ins Suchthilfezentrum in der Schiersteiner Straße und geben die Drogenersatzstoffe dort aus.
Denn die Betroffenen kämen nicht nur mit ihren Ärzten ins Gespräch, sondern automatisch auch mit Suchthelfern und Sozialarbeitern, zählt der Leiter des Suchthilfezentrums, Cetin Upcin, die Vorteile dieser bundesweit einmaligen Kooperation auf. Schließlich sei das Loskommen von der Droge nicht das einzige Problem, dass die Junkies hätten. Sie benötigten psychiatrische und psychosoziale Begleitung, hätten oft Krankheiten wie Hepatitis C oder Aids sowie Depressionen und Ängste, stünden vor einem Schuldenberg, warteten auf Gerichtsprozesse wegen Beschaffungskriminalität oder Dealerei, und vielen fehlten ein Dach überm Kopf, ein Job und ein stabiles Umfeld. Und die Substitutions-Ärzte erführen, ob ihre Klienten vielleicht verbotenerweise nebenher Alkohol konsumierten.
Seit 25 Jahren gibt es die Substitution in Deutschland. In Wiesbaden gibt es elf Substitutions-Ärzte, die rund 500 Süchtige mit Opiatersatzmitteln behandeln.
Seit 2000 kooperieren das Wiesbadener Suchthilfezentrum und inzwischen vier Psychiater. Sie vergeben an 138 Süchtige das Methadon in der Suchthilfe, wo die Patienten auch psychosoziale Betreuung erhalten.
Kontakt: Suchthilfezentrum, Schiersteiner Straße 4, Telefon 0611/9004870
Allein mit der Ausgabe des täglichen Methadons sei den Drogenabhängigen nicht geholfen, betont Upcin. Dabei komme die psychosoziale Begleitung der Substituierten zu kurz. Zusammen mit dem Psychiater Carsten Sievers hat die Suchthilfe daher vor neun Jahren die Kooperation gestartet. Inzwischen sind auch die Psychiaterinnen Heike Pape und Marina Rosenburg dabei, vor einem halben Jahr hat Stephan Helfrich das Team erweitert. Einmal im Monat trifft sich das Psychiater-Quartett und tauscht sich über die insgesamt 138 Süchtigen aus.
Hans Müller (Name geändert) jedenfalls ist seit fast zwei Jahren clean, braucht nach über zehnjähriger Heroinabhängigkeit auch den Ersatzstoff Subutex nicht mehr. Die Betreuung und Hilfe rund um die Substitution in der Suchthilfe und dem dortigen Kontaktcafé hatte ihm - nach mehreren Entgiftungen, Therapien und Rückfällen - geholfen, sagt der 41-Jährige.
"Sucht ist kein Spaß", stellt Sievers klar. Wer sich Heroin spritze, der mache es nicht wegen des Rausches, "sondern um auf ein normales Level zu kommen". Auch ein normaler Tagesrhythmus sei unmöglich: "Heroin muss man alle sechs Stunden nachladen." Sucht sei keine Charakterschwäche, sondern eine chronische Erkrankung, die über Jahre behandelt werden müsse.
Sein Ex-Patient Hans Müller nickt ernst. Jahrelang gelang es dem gelernten Maler und Lackierer aus Taunusstein, seine Sucht zu verbergen. Doch Ende 1999 schaffte er dieses Doppelleben nicht mehr, er verlor seinen Job. Seine Sucht finanzierte er mit Dealen und Kleinkriminalität. Sein einziger Antrieb war die Frage, woher er das Geld für den nächsten Schuss bekomme. Heute genießt er jeden Tag: "Endlich frei", sagt er. Und traut sich sogar zu, wieder einer geregelten Arbeit nachzugehen.
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