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Wiesbaden
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20. Januar 2014

Obdachlos: Der Mann aus dem Wald

 Von 
Wieviele Menschen in Deutschlands Wäldern leben, weiß niemand genau.  Foto: Monika Müller

Paul H. lebt seit zwei Jahren in einem Forst bei Wiesbaden – die meiste Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt. Unsere Autorin spricht mit ihm über sein Leben im Zelt und seine ersten Schritte zurück in die Gesellschaft.

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Paul H. lebt seit zwei Jahren in einem Forst bei Wiesbaden – die meiste Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt. Unsere Autorin spricht mit ihm über sein Leben im Zelt und seine ersten Schritte zurück in die Gesellschaft.

Bis zum Frühjahr wird das Holz nicht mehr reichen. „Das ganze Unterholz ist weg. Ich habe schon fast alles verbrannt“, sagt Paul H. (Name geändert). Wenn der Frost bleibt, lassen sich die Tage ohne wärmendes Feuer nicht überstehen.

Der 52-Jährige ist obdachlos. Seit über mehr als zwei Jahren lebt er im Zelt in einem Wald bei Wiesbaden. Ganz allein auf sich gestellt und die meiste Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt.

Für dieses Gespräch ist er in die Teestube gekommen, eine Anlaufstelle der Diakonie für Wohnungslose. Paul H. ist ein schlanker Mann, der großen Wert auf sein Äußeres legt. Die gebräunte Haut und dunkle Ringe unter den Augen allein verraten ihn nicht als Obdachlosen. Sein Gesicht ist glatt rasiert, das angegraute Haar kurz geschnitten. Dort im Wald besitzt er Rasierer, Schere und Spiegel. Seine Füße stecken in weißen Tennissocken, weiß die Turnschuhe, weiß das T-Shirt, das er unter der Sweatshirt-Jacke trägt. „Mir sieht keiner an, wie ich lebe. Ich bin nicht abgesoffen“, sagt er.

Die nächsten drei Stunden wird Paul H. fast pausenlos reden. Kaum vorstellbar, dass er zwei Jahre lang mit niemand gesprochen hat. Aber Paul H. will jetzt seine Geschichte loswerden.
„Man wird nicht zum Penner geboren“, beginnt er zu erzählen. Früher, in seinem alten Leben, war er beruflich erfolgreich. „Ich war Chefkoch, habe ausgebildet“, sagt er. In einem renommierten Wiesbadener Ausflugslokal.

Das Scheitern beginnt, als seine zweite Ehe zerbricht

Paul H. erzählt von einer Frau im Kaufrausch, die Rechnungen nicht bezahlt. Von einer Räumungsklage, dem drohenden Verlust der gemeinsamen Wohnung. Von langen Arbeitstagen und zwei Nebenjobs, mit deren Hilfe er die Wohnung doch noch halten und Schulden bezahlen kann.

Ungefragt holt Paul H. Dokumente heraus, sorgfältig in einer gelben Mappe in seinem Rucksack verwahrt. Er fühlt sich verpflichtet, seine Geschichte zu belegen, will unbedingt ernst genommen werden. Auf dem Tisch verteilt er seine Papiere, sucht zuerst einen Lebenslauf, dann noch einen Brief der Krankenkasse und ein Schreiben des Sozialamts heraus, die sein Leben im Wald dokumentieren.

Paul H. berichtet von neuen Schulden seiner Frau, einer zweiten Räumungsklage. „Als sie mich dann noch mit einem Jugendfreund betrogen hat, hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Ihm wird alles zu viel, er packt seine Campingausrüstung und geht.

Seiner Frau hinterlässt er die Möbel, Bücher, Klamotten – und einen Zettel. „Ich bin weg“ steht darauf. „Ich wollte niemanden mehr sehen“, sagt Paul H.. Und: „Dieser Frau wünsche ich eine Glatze.“
Immer wieder ziehen sich Obdachlose aus den Städten in die Wälder zurück. „Ursache sind meist psychische Erkrankungen“, sagt Matthias Röhrig, Leiter der Teestube. Die Menschen brechen den Kontakt zu der Gesellschaft, mit der sie nicht zurechtkommen, ab. „Paul H. war depressiv“, glaubt Röhrig.

Paul H. sucht sich einen Platz in der Nähe eines Friedhofs. Aus einem ganz pragmatischen Grund: „Ohne Wasser geht es nicht, und das gibt es dort.“ Er geht planvoll vor, schafft sich feste Strukturen, einen geregelten Tagesablauf. „Im Sommer wecken mich frühmorgens die Vögel“, sagt er. Er besitzt aber auch einen kleinen Reisewecker, der in der dunklen Jahreszeit zum Einsatz kommt. Noch nicht ganz leere Batterien fischt er aus Sammelboxen im Supermarkt. Mit einem fünf-Liter-Kanister holt er sich jeden Morgen frisches Wasser und erhitzt es über dem Lagerfeuer. „Ich muss mich doch täglich waschen.“

Paul H. investiert viel Zeit, um den Schein zu wahren. Er ist bekannt in der Stadt, niemand soll sein Scheitern auch nur erahnen. Er erzählt, wie er im Wald seine Wäsche schrubbt, sie an Kleiderbügeln trocknet. „Nass aufgehängt, unten mit Gewichten beschwert, wird sogar mein lachsfarbenes Hemd glatt.“

Stolz erklärt er, wie er die kalten Winter überstanden hat. Von den großen Mengen Holz, die er zusammengetragen und dann zerkleinert hat. „Nur mit dem Kiel einer Axt, mit einem Ast als Hebel.“ Drei Schlafsäcke solle die Nächte auch bei 20 Grad minus noch erträglich machen.

Er hat sich eingerichtet. Ein weißer Plastikstuhl stammt vom Sperrmüll. Bücher findet er in öffentlichen Bücherschränken. Nachmittags liest er manchmal auf seinem Stuhl vor dem Zelt im Wald. Er hört im Radio die Nachrichten von der Welt, die so recht seine nicht mehr ist.

Und er denkt viel nach.

Niemand weiß, wie viele in den Wäldern leben

In Wiesbaden gibt es wohl eine Handvoll Obdachlose, die in den Wäldern leben. Sie übernachten in Schutzhütten, die sie tagsüber räumen, oder spannen sich Plastikplanen zwischen Bäume zum Schutz gegen das Wetter.

In Frankfurt ging vor vier Jahren die Geschichte des „Waldmenschen“ durch die Medien. 30 Jahre soll er völlig zurückgezogen gelebt haben, zuletzt im Stadtwald, bis er beim Überqueren einer Straße überfahren wurde. „Es ist dem Zufall überlassen, ob wir von solchen Menschen Kenntnis erhalten“, sagt Elfi Ilgmann-Weiss, Sozialarbeiterin des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten. Wie viele Obdachlose in Frankfurts Wäldern leben, wagt sie nicht zu schätzen. „Die lagern ja nicht am Wegesrand. Manchmal informieren uns Förster, dann versuchen wir zu helfen.“

Hilfe von außen und damit auch Hartz IV bekommt Paul H. erst seit einigen Monaten. Bis dahin hatte er sich Geld für sein Essen mit dem Sammeln von Leergut verdient. Er hatte eine feste Tour, jeden Tag zehn Kilometer. Vier bis fünf Euro kamen dabei zusammen. Das reichte ihm für das Leben im Wald.

"Du vergisst, wie es ist, gemocht zu werden"

Manchmal klingt es fast romantisch, wenn der 52-Jährige erzählt. „Nein“, sagt er. „Das ist furchtbar. Du weinst zwar nicht. Aber es ist schrecklich einsam. Du vergisst, wie es ist, gemocht zu werden.“
Paul H. geht sehr reflektiert mit seiner Geschichte um. Er sagt Sätze wie: „Ich hatte eine stark depressive Phase.“ Oder: „Ich habe mit meinem Verhalten der Norm nicht entsprochen.“

Eine solch klare Selbsteinschätzung sei sehr ungewöhnlich, erklärt Matthias Röhrig von der Diakonie. Typisch bei Menschen, die sich so aus der Gesellschaft verabschieden, seien schwere psychische Störungen. „Dabei halten sie den Rest der Welt für krank und nicht sich selbst.“ Das Leben innerhalb der Gesellschaft überfordert sie, und sie ziehen sich in die Einsamkeit zurück. „Bis vor etwa 20 Jahren waren es noch deutlich mehr, die deshalb im Wald gelebt haben“, sagt der Sozialarbeiter. Inzwischen gebe es ein gutes Auffangnetz.

Nein, wiederholt der Sozialarbeiter, Paul H. sei in vielerlei Hinsicht völlig untypisch. „Die meisten geben sich auf. Der Alkohol tut dann ein Übriges.“

Doch Paul H. betrinkt sich nicht, niemals. Der 52-Jährige ist als eines von sechs Kindern aufgewachsen. Der Vater war Alkoholiker, wurde im Suff gewalttätig gegen die Mutter. „So wollte ich nie werden“, sagt Paul H.

Sein Zuhause, den Unterschlupf im Wald, zeigt er niemandem. „Ich schäme mich zu sehr,“ sagt er. Dieser Satz fällt häufig bei dem Gespräch in der Teestube.

Nur zweimal hatte er dort, im Wald, Besuch von Menschen.

Beim ersten Mal sind es Jugendliche. Als sie auf sein Heim stoßen, ist er Leergut sammeln. Bei seiner Rückkehr sind die Zeltstangen zerbrochen, die Schuhe durch die Gegend geworfen. Seine Papiere, der Sozialversicherungsausweis und vor allem die Bilder der beiden Töchter aus erster Ehe – alles ist mutwillig zerstört. „Wenn du so lebst, bist du nichts wert“, sagt Paul H.. „Du bist ein Versager – wen kümmert es schon, ob du lebst oder verreckst?“

Paul H. hat sich danach einen neuen Platz für sein Zelt gesucht. Noch tiefer im Wald, noch unzugänglicher.

Beim zweiten Mal stehen mittags um zwei plötzlich Polizisten vor seiner Behausung. In der Nähe ist immer wieder in Gartenhäuschen eingebrochen worden. Der 52-Jährige kann den Verdacht ausräumen, die Beamten werden trotzdem aktiv. „Eine arme Haut“, heißt es von der Polizei später am Telefon. Sie fahren mit dem Obdachlosen zum Sozialamt. „Ich stand schon früher vor dem Gebäude, habe mich aber nicht reingetraut. Ich habe mich so geschämt“, sagt Paul H..

Die Polizisten reden für ihn mit den Sachbearbeitern, stehen neben ihm, bis alle Formulare ausgefüllt sind. Das war im Juli, seitdem bekommt er Hartz IV, 382 Euro im Monat. Dann fahren die Beamten ihn noch zur Obdachlosen-Einrichtung, wo der 52-Jährige auf Matthias Röhrig trifft.

„Der Besuch der Polizei – das hat mir den entscheidenden Schupser gegeben,“ sagt Paul H. Röhrig glaubt: „Herr H. war mit sich so weit im Reinen.“

Auf dem Rückweg in die Gesellschaft

Paul H.s Geschichte nimmt eine glückliche Wendung. Er lebt zwar noch immer im Wald, doch seit Juli hat er sich auf den Rückweg in die Gesellschaft gemacht. „Ich will so nicht mehr leben“, sagt er.
Er nimmt an einem Hauswirtschafts-Projekt der Diakonie teil, das Obdachlose wieder an Arbeit und feste Strukturen heranführen soll. Anfangs muss er nach kurzer Zeit wieder zurück in den Wald. „Ich hatte fast zwei Jahre mit niemandem geredet – da bricht zu viel über einen herein“, sagt er. Er geht zum Arbeitsamt, lernt den Umgang mit dem Computer, setzt sich mit seiner Krankenkasse in Verbindung.

Inzwischen steht er ganz oben auf der Warteliste für einen Platz in einer Wohngruppe. Als Übergang zu einer eigenen Wohnung. Paul H. glaubt, dass es nur eine Frage von wenigen Wochen ist, bis er den Wald verlassen kann.

Und – wenn er seine eigene Wohnung hat, ist dann alles wieder gut? „Nein“, sagt Paul H. entschieden. „Es wird wohl noch ein bis zwei Jahre dauern, bis ich wieder richtig in der Gesellschaft angekommen bin. Je länger man außerhalb lebt, desto schwieriger ist der Rückweg.“ Aber er ist sicher, dass er es schaffen wird. Das glaubt auch Röhrig, der schon viele Obdachlose hat kommen und gehen sehen.

Morgen hat Paul H. seinen ersten Arbeitstag in einem Restaurant als Koch. Er hat eine Anzeige in der Zeitung gelesen, sich vorgestellt und den Job bekommen. Er hat Glück, Köche werden händeringend gesucht. „Bayerische Küche“, sagt er. Ab morgen wird er tagsüber in der Küche stehen und Haxen mit Sauerkraut oder Schweinsbraten mit Knödeln zubereiten. Nach Feierabend geht er dann heim – in das Zelt im Wald.

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