Alt – fast niemand wird das gerne. Ins Altenheim – fast niemand will da mal hin. Gängige Vorstellungen müssen Besucher im Appartement von Marie-Luise Budzinski (80) im Evim-Seniorenzentrum schnell über Bord werfen. Hier öffnet eine lebenslustige, kluge und offene Frau die Tür. Seit zehn Jahren wohnt sie hier schon. Und sie will etwas gegen das Bild tun, das viele von alten Menschen haben. „Heimbewohner sind nicht nur alt und gebrechlich“, sagt sie. „Sie haben eine Lebensgeschichte, sie sind Persönlichkeiten.“
Deshalb hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder Bewohner des Pflegeheims zu sich aufs Sofa eingeladen und lange mit ihnen geredet. Ihnen lange zugehört. 18 Bewohner haben ihr bisher aus ihrem Leben erzählt.
Und Marie-Luise Budzinski hat alles aufgeschrieben. „Damit ihre Geschichten nicht verloren gehen“, sagt sie. In der Hauszeitung des im Komponistenviertel gelegenen Alten- und Pflegeheims werden die Berichte veröffentlicht.
Marie-Luise Budzinski ist beeindruckt vom Lebensmut und der Bescheidenheit der Menschen. Von ihren Geschichten, die sie aufgeschrieben hat. Die meisten sind geprägt durch die Kriegsjahre. Eines eint alle Menschen, mit denen Budzinski gesprochen hat: „Sie haben nie den Mut verloren und sich trotz aller Schicksalsschläge immer wieder etwas aufgebaut.“ Auch, wenn sie selbst erst einmal meinen, ihr Leben sei nichts Besonderes: „Sie sind einmalig, ihr Leben ist nicht übertragbar“, findet die Marie-Luise Budzinski.
Da ist etwa die Frau, deren Mutter nach dem Aufenthalt in einem Flüchtlingslager neben ihr tot zusammenbricht. Da ist die Dame, deren Vater in der Wirtschaftskrise 1929 sein Geschäft verlor und deren Haus bei der Bombardierung Wiesbadens völlig zerstört wurde. Da ist der Präsident des Statistischen Landesamts, der 101 Jahre alt wurde. Von Verlusten und lebenslangem Zusammenhalt handeln die Geschichten. Von Schicksalsschlägen und von Liebe.
Auch Marie-Luise Budzinskis eigenes Leben ist durch den Krieg geprägt worden. Flucht und Kinderlandverschickung, später hungerte ihre Mutter, damit die Tochter ihren Beruf erlernen kann. Marie-Luise Budzinski wird staatlich geprüfte Wohlfahrtspflegerin und arbeitete zuletzt 17 Jahre lang im Sozialdienst eines Krankenhauses. Auch das Schlechte in ihrem Leben möchte sie nicht missen: „Sonst wäre ich nicht die, die ich bin. Auch das hat mich geprägt.“
Ihre eigene Geschichte hat sie kürzlich für ihr Patenkind zum 50. Geburtstag aufgeschrieben. Dass sie überhaupt gut schreiben kann, hat sie erst hier in der Wohnanlage gemerkt. Seit 2006 tippt sie nun vier Lebensläufe im Jahr auf ihrer Schreibmaschine.
Alle Menschen, die sie interviewt habe, blickten zufrieden auf ihr Leben zurück, erzählt Budzinski. „So wie es war, war’s gut“ – das sei die Ansicht der meisten. Das findet sie auch selbst. Und wer Budzinski zuhört, wie sie begeistert die Geschichten wiedergibt und selbst zurückblickt, ist überzeugt: Sie hat Recht. Die Geschichten der Alten sollten nicht verloren gehen. Für die Zeit eines Kaffeetrinkens sollte man ihnen mindestens zuhören.
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