Freudestrahlend hält Leonie Dessauer das schwarze Blasinstrument mit den vielen silbernen Klappen in ihren Händen. Und ganz behutsam, als sei es ihr allergrößter Schatz. Schließlich spielt es die zentrale Rolle in dem Leben dieser jungen Frau, die so ruhig und zurückhaltend wirkt. "Meine Oboe."
Leonie Dessauer ist zweimalige Gewinnerin des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" und seit 2007 Stimmführerin im Bundesjugendorchester (BJO). Mitte Januar erst ist die Achtzehnjährige, die sich momentan aufs Abitur am Leibnitz-Gymnasium vorbereitet, von einer "Arbeitsphase" zurückgekehrt. So nennen sich die Proben des Orchesters, zu denen sich mehrmals im Jahr, immer während der Schulferien, einhundert begabte Musiker zwischen 14 und 20 Jahren treffen - "in schönen, kleinen Städten mit viel Ruhe", wie Dessauer sagt, wie zuletzt in Blossin bei Berlin. Da sich die Ferien der Bundesländer aber nicht immer überschneiden, komme es auch mal vor, dass sie eine Woche Schule verpasse.
Was besonders jetzt, so kurz vor den Abiturprüfungen, nicht unproblematisch sei: "Eigentlich muss ich jeden Tag lernen." Hinzu kommen ein bis zwei Stunden Proben am Tag, damit sie ihre Kondition nicht verliert, und - "das Rohrebauen", Grundhandwerk eines jeden Oboespielers. Denn das Mundstück ist individuell angepasst: Jeder Oboespieler muss selbst mit einem kleinen Messer die dünnen, empfindlichen Doppelrohrblätter aus Riesenschilf, einer Bambusart, schnitzen. Eine Arbeit für Geduldige, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. "Es kommt vor, dass ich 20 Rohre baue und am Ende ist keins davon brauchbar", erklärt Dessauer mit einer beeindruckenden Gelassenheit. Und erzählt von ihrem peinlichsten Erlebnis auf der Bühne: "Ich habe mal mein Kistchen mit den Rohrblättern hinter der Bühne vergessen, und musste dann meine Kollegin anpumpen." Ihre Darbietung sei an diesem Abend entsprechend "nicht so toll" gewesen.
Im elterlichen Wohnzimmer, das zugleich ihr Proberaum ist, steht ein Klavier, daneben ihr Notenständer, und ein CD-Regal fast ausschließlich mit klassischer Musik. Die Symphonien von Mahler und Schostakowitsch höre sie am liebsten, sagt sie, ab und zu auch mal Jazz - Pop und Rock hingegen weniger, "höchstens mal die Beatles".
Viel Zeit zum Freunde treffen bleibt bei all den Proben und Konzerten nicht mehr. "Aber das wusste ich ja schon, als ich mit 15 Jahren beschlossen habe, Oboe zu studieren. Und es macht ja auch Spaß". Wenn sie über die Arbeit im Orchester spricht, ist das Ruhige, in sich Gekehrte plötzlich weg, und sie zeigt eine Begeisterung und Energie, die zu einer 18-Jährigen passt.
Als Tochter des Organisten der Wiesbadener St. Bonifatius-Kirche, Gabriel Dessauer, kam sie früh zur klassischen Musik: Sie spielte von klein auf erfolgreich Blockflöte und Klavier, bis ihre damalige Lehrerin sie darauf brachte, auf ein anderes Instrument umzusteigen. "Dabei wollte ich erst Klarinette lernen - ich fand es so furchtbar, dass Oboespieler im Fernsehen immer einen knallroten Kopf bekamen", erzählt Dessauer schmunzelnd. Doch die Warteliste für den Klarinettenunterricht an der Wiesbadener Kunst- und Musikschule war zu lang, und so kam die damals Zehnjährige zur Oboe - "Schicksal", wie sie sagt. Heute sei sie froh drum, nicht nur, weil für sie die Oboe den schönsten Klang der Welt habe - allenfalls die Trompete komme da ran. Im Gegensatz zu Flötisten oder Violinisten sind gute Oboespieler Mangelware in vielen Philharmonien. "Und ich wünsche mir natürlich, später in einem guten A-Orchester zu spielen und von der Musik leben zu können."
Doch für ihre unmittelbare Zukunft hat sie einen ganz bescheidenen, weniger musischen Wunsch: "Ich will nach dem Abi-Stress erst mal meinen Führerschein machen." Und, ergänzt Leonie Dessauer, vielleicht auch einfach ein bisschen Pause.
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