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Wiesbaden
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08. April 2013

Repair Café: Gegner der Wegwerfgesellschaft

 Von Elisabeth Böker
Im Repair Café werden in gemeinsamer Tüftelarbeit Netbooks wieder zum Laufen und Fahrräder zum Fahren gebracht.  Foto: Michael Schick

Im Repair Café können kaputte Geräte unter Anleitung wieder zum Laufen gebracht werden.

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Friedlinde Wenz ist sich sicher: „Es kann nur besser werden“. In der Hand hält sie einen E-Book-Reader. Der Bildschirm ist kaputt. Nichts wird mehr angezeigt. Außerdem holt sie ein Netbook hervor. Bei dem hakt die Tastatur. Die Überreste des im Gerät zerborstenen USB-Sticks hat sie bereits eigenständig – mit Anleitungen aus dem Internet – herausgeholt. Doch nach dem Zusammenbau streikte die Tastatur. So kurz vor dem Ziel will sie das Gerät aber nicht aufgeben, sondern sich Rat im Repair Café holen. Einmal im Monat ist dieses im Volksbildungswerk Wiesbaden. Ehrenamtliche Tüftler reparieren hier gemeinsam mit den Besitzern Geräte.

In den meisten Fällen kann man mit einfachen Handgriffen Geräte wieder zum Laufen bringen. Teure Reparaturkosten oder das sofortige Wegwerfen sind oft überhaupt nicht nötig. Eben die Erfahrung hat Ingo Heidelberg, Initiator des Wiesbadener Repair Cafés, selber gemacht. Ein 600 Euro teurer Monitor gab nach drei Jahren seinen Geist auf. Nicht mehr zu retten sei der Fall, meinten Computerspezialisten. Doch damit lagen sie falsch. Der ehemalige Physiklehrer legte selber Hand an. Er kaufte sich neue Kompensatoren und lötete defekte Stellen zusammen. 8,50 Euro kostete ihn das. Weitere ähnliche Fälle weiß er zu berichten. Dann sah er im Fernsehen, dass es in Amsterdam Repair Cafés gibt. Dort können Menschen ihre kaputten Sachen unter Anleitung reparieren. Das wollte er auch in Wiesbaden aufbauen.

Menschen stehen Schlange

Seit drei Monaten besteht ein solches Café in den Räumlichkeiten des Volksbildungswerks Wiesbaden. „Hilfe zur Selbsthilfe“ lautet das Motto des Cafés. „Das Angebot hat super eingeschlagen“, sagt Johanna Domann-Hessenauer, Vorsitzende des Volksbildungswerks.

Tatsächlich stehen die Menschen an diesem Samstagmorgen schon Schlange, um Hilfe zu bekommen. An einem Tisch sitzt gerade eine Familie um einen Mixer zu reparieren, am Nachbartisch bekommen zwei Damen Hilfe, die eine Nähmaschine mitgebracht haben. Und in der Werkstatt wird nicht nur am Netbook von Friedlinde Wenz gearbeitet. Hans Pees ist ebenfalls dort und schaut zu, wie sein Fahrrad wieder flott gemacht wird – die Speichen werden ausgetauscht: „Ich hatte einen Unfall gehabt“. Das Fahrrad war völlig demoliert. „Ich bin total dagegen, dass alles weggeworfen wird“, sagt der 70-Jährige, der heute gleich in doppelter Mission im Repair Café ist: Zum einen, um endlich wieder sein Fahrrad flott machen zu lassen und zum anderen, um sein Wissen bei Reparaturen einzubringen. Selbst werkelt er an einer Lampe.

Der gelernte Nachrichtentechniker ist einer von sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern, die einmal im Monat gemeinsam mit den Besitzern der defekten Gegenstände versuchen, diese wieder zum Laufen zu bringen. Die Reparaturarbeit lassen sie sich nicht bezahlen. Nur für die Materialkosten bitten sie um eine Spende.

Das Angebot hat sich rumgesprochen. Die Menschen kommen miteinander ins Gespräch und plaudern bei Kuchen und Kaffee. Etwas traurig geht ein Vater mit seinem Sohn. Sie wollten die Wohnzimmerlampe zum Leuchten bringen: „Die ist wirklich hin“, sagt der Vater beim Rausgehen. Ebenso steht es um den E-Book-Reader von Friedlinde Wenz. „Das sieht übel aus“, sagt Heidelberg. Hoffnung macht er ihr keine mehr. Dennoch lässt sie das Gerät da, damit ein Feinmechaniker sich in Ruhe daran versuchen kann. Aber ihr Netbook läuft wieder. Es bestand nur ein Wackelkontakt zwischen Tastatur und Gerät. Nun kann es wieder störungsfrei zum Einsatz kommen.

Das Reparatur Café ist jeden ersten Samstag im Monat von 10-13 Uhr im Volksbildungswerk Wiesbaden, Geschwister-Scholl-Straße 10.

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