Das Schlachthof-Areal am Bahnhof hat eine lange Geschichte. Hier standen die Fauthsche Ölmühle, die Spedition Adrian und der städtische Schlachthof. Inzwischen ist der Schlachthof ein Kulturzentrum geworden, das seinen Besuchern Konzerte mit Top-Bands wie "The Hives" oder "Sportfreunde Stiller" bietet.
Schon zur Römerzeit verlief östlich des Salzbachtales eine Straße, die heutige Mainzer Straße. Das zu tief liegende Flussbett des Salzbachs wurde für den Bau des Wiesbadener Hauptbahnhofes zum Teil aufgefüllt, überbaut und unterirdisch verlegt. Heute erinnert nur noch der Name des Tales an den acht Meter unter der Erde kanalisierten Salzbach.
Um 1700 entstand am Salzbach die erste Mühle, die Neumühle. 1872 wurde sie von der Hessischen Ludwigseisenbahn übernommen und nach dem Bau des Hauptbahnhofes abgebrochen.
Unterhalb der späteren Schlachthausanlage entstand im Jahr 1704 die Steinmühle. Philipp Lorenz Fauth übernahm die Mühle, nachdem seine Wiesbadener Ölmühle am Dotzheimer Bahnhof bei einem Explosionsunglück 1921 vollständig zerstört worden war. Bei dem Unglück kamen sieben Arbeiter ums Leben und es gab 150 Verletzte. Die Speiseöl- und Speisefettfabrik im Salzbachtal bestand bis 1954.
Die Fauthsche Ölmühle wurde 2003 abgerissen. Von der Fabrik steht nur noch ein niedriger Sockel mit drei im rechten Winkel zueinander stehenden, sieben Meter hohen Mauern direkt an den Bahngleisen. Der Graffiti-Künstler Yorkar hat hier eine fotorealistische Darstellung von der ersten großen Deportation der Wiesbadener Juden am 1. September 1942 auf die Wände gesprüht. Der Abtransport der Menschen erfolgte an der ehemaligen Viehverladerampe des Schlachthofes in Konzentrations- und Vernichtungslager. Die Gedenkstätte soll noch weiter ausgebaut werden.
Ebenso wurde trotz massiver Proteste die "Adrianhalle" 2003 abgerissen. Am 1. September 1868 hatten die Brüder Jacob und Georg Adrian ihr Speditionsgeschäft J. & G. Adrian gegründet. Um 1884 bezogen sie den Neubau an der Schlachthausstraße 1 (später umbenannt in Gartenfeldstraße, seit kurzem Murnaustraße), mit Lagerhaus und Möbelspeicher.
Zehn Jahre später wurde die Spedition verkauft, behielt aber ihren Namen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges nutzte sie die Häuser Gartenfeldstraße 11, 13 und 25 für Möbellager sowie für ein Roll- und Lastfuhrwerk. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben den größten Teil der Hallen. Das Gelände übernahm die Stadt Wiesbaden und die Firma erhielt ein Ausweich-Gelände im Bereich des ehemaligen Fauthschen Terrains an der Mainzer Straße. Die Speditionsfirma war neben dem Schlachthaus die zweite Ansiedlung an der Schlachthausstraße.
Von 1882 bis 1884 errichtete Stadtbaumeister Lemcke die städtische Schlachthaus- und Viehhof-Anlage an der verlängerten Schlachthausstraße. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt sie den Namen Gartenfeldstraße.
Im Jahr 1880 hatte Wiesbaden ungefähr 50 000 und nur 20 Jahre später rund 86 000 Einwohner. Durch diesen großen Bevölkerungszuwachs wurde der alte Schlachthof zu klein. Unter der Leitung von Stadtbaumeister Felix Genzmer entstanden von 1897 bis 1899 die Kühl- und Maschinenhausanlage und der Wasserturm, 1898 die Fleischverkaufshalle und 1899 bis 1900 die Kuttlerei und die Kleinviehmarkthalle.
Mit dem 36 Meter hohen Wasserturm hat Genzmer ein baukünstlerisches Gebäude erschaffen, das heute Wahrzeichencharakter hat. Im Untergeschoss war ein Kühlraum und im Erdgeschoss ein Eisausgaberaum. In den Stockwerken darüber waren die Baderäume für das Schlachthofpersonal und das Untersuchungszimmer für die Trichinenbeschau. In den oberen Etagen gab es ein Reservoir für heißes Wasser und unter dem Turm die Kaltwasserbehälter mit insgesamt 240 Kubikmetern Fassungsvermögen. Durch seine Monumentalität und das Glockendach erscheint er wie ein mächtiger mittelalterlicher Stadtbefestigungsturm.
Das Maschinen-, Kessel- und Vorkühlhaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und anschließend in einfacher Form wieder aufgebaut. Der Wasserturm und die Kleinviehmarkthalle überstanden unbeschadet die Bombenangriffe auf Wiesbaden.
1991/92 schlossen sich die Tore des Wiesbadener Vieh- und Schlachthofes. Seine Einrichtungen entsprachen nicht mehr den neuen EG-Hygiene-Richtlinien und ein Umbau wäre zu teuer geworden. Massive Proteste von Jugendlichen und Kulturschaffenden retteten die Gemäuer vor der Abrissbirne. Sie haben hier das Kulturzentrum Schlachthof geschaffen.
Arbeitsplätze für Initiativen
Die Kleinviehmarkthalle und Räucherkammer ist heute als großer Konzertsaal bekannt. Hier finden auf insgesamt 1200 Quadratmetern Konzerte für bis zu 2000 Gäste statt. Außerdem sind hier Proberäume für Bands, zwei Künstlerateliers, ein Cateringservice und ein Bistro untergebracht. Das Kulturzentrum hat von der Stadt eine Bestandsgarantie bis zum Jahr 2013.
Das Gebäude für den Fleischereinkauf wurde in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut und nach Schließung des Vieh- und Schlachthofes nicht mehr benötigt. Vor fünf Jahren hat der Verein Kreativfabrik dort im Obergeschoss ein Internetcafe und Arbeitsplätze für Initiativen untergebracht. Außerdem können Räume für Veranstaltungen angemietet werden. Im Erdgeschoss befindet sich die Skaterhalle Colosseum.
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