Verschönerungs- und Verkehrsverein Biebrich am Rhein seit 1870 - bei diesem Namen schwingt ein Hauch von Angestaubtheit mit. Das klingt nach Vergangenheit, auf die sich eine dicke Schicht Patina gelegt hat. Doch da meldet der Vereinsvorsitzende Klaus E. Zengerle Widerspruch an. Von Verstaubtheit könne nicht die Rede sein, denn der Verein habe sich seit 140 Jahren dem Ansehen von Biebrich, einst eigenständige Stadt, verschrieben. "Man könnte uns auch eine Bürgerinitiative nennen, aber den Begriff gab es vor 140 Jahren noch nicht", sagt Zengerle. Die Idee schon.
Es war am 7. Februar 1870 - also vor fast genau 140 Jahren, als sich "einflussreiche und engagierte Männer", wie es in der Festschrift heißt, in der Stadt Biebrich zusammenfanden, um einen Verschönerungsverein ins Leben zu rufen. "128 der angesehensten Bewohner unserer Stadt haben sich sofort als Pathen dieses Kindes der Zeit und des Gemeinwohls einzeichnen lassen", hieß es in einem zeitgenössischen Bericht, der am 16. Februar 1870 in der "Biebricher Tagespost" erschien. Von Frauen war damals bei Vereinsgründungen noch keine Rede. Sie hatten ja noch nicht einmal das Wahlrecht.
Die Gründungsliste liest sich wie ein "Who´s who" der noblen und großbürgerlichen Stadtbevölkerung am Standort der Nassauischen Residenz. Mit dabei der Hofkammermeister, der Hofglasermeister, der Hoflieferant, der Hofgärtner, der Sanitätsrat und die Fabrikanten Dyckerhoff und Albert, die die Stadtgesellschaft prägten. "Es waren einflussreiche und engagierte Männer, die es gewohnt waren, Probleme zu erkennen, anzupacken und umzusetzen", schreibt Zengerle in seinem Grußwort zum Jubiläum.
Die Vereinsziele sind und waren es, die Attraktivität der Stadt Biebrich, die seit Oktober 1926 ein Stadtteil von Wiesbaden ist, zu fördern und weiterzuentwickeln, die Kultur zur pflegen und den Wohn- und Freizeitwert zu erhalten. "Daran hat sich in 140 Jahren Verschönerungs- und Verkehrsverein nicht viel geändert", ist Zengerles Überzeugung.
Voll des Lobes für die Vereinsaktivitäten ist auch Wiesbadens Rathauschef, Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU). Das umgestaltete Biebricher Rheinufer, das er "Rheintor zur hessischen Landeshauptstadt" nennt, sei ein Beispiel für die Aktivitäten des Vereins vor dem "beeindruckenden Panorama des Biebricher Schlosses". Dem Verein sei es in den 140 Jahren seines Bestehens immer gelungen, "Menschen für seine Arbeit zu begeistern".
Für Dezernentin Rita Thies (Grüne) hat der Verschönerungsverein "in weiten Teilen das Gesicht seiner Stadt geprägt". Sie würdigt, dass dieser die Identität "seiner Stadt" bewahrt habe. Die Gründung vor 140 Jahren kam für Thies gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass Biebrich bei den rasanten Veränderungen der Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert sein Gesicht verlor. Denn damals wandelte sich das "beschauliche Residenzstädtchen durch die Ansiedlung zahlreicher Fabriken und Firmen in eine Arbeiterstadt", ruft Thies in Erinnerung.
Gefeiert wird das Jubiläum am Sonntag, 7. Februar, ab 11 Uhr in der Rotunde des Schlosses mit dem Streicher-Quartett der Musikakademie und einem Festvortrag des Historikers Rolf Faber. Ein Festakt, bei dem auch das hundertjährige Jubiläum des Museums Biebrich für Heimat- und Industriegeschichte gewürdigt werden soll. Denn es gibt zwei Jubiläen zu feiern in dem Stadtteil, der sich sein Eigenleben und sein Selbstbewusstsein dank eines über 140 Jahre gewachsenen Bürgerbewusstseins bewahrt hat.
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