Der Tod der 31 Jahre alten Türkin Nurdan E. bewegt die Wiesbadener in besonderer Weise. Die zweifache Mutter hatte das Schlimmste hinter sich, war nach jahrelangen Misshandlungen ihrem gewalttätigen Mann entkommen und hatte es geschafft, mit ihren beiden Töchtern ein neues Leben anzufangen. Doch vor zehn Tagen, am 30. September, fanden die elf und 13 Jahre alten Mädchen ihre Mutter in ihrer kleinen Wohnung: Sie lag erstochen in der neuen Wohnung - kurz nach ihrer Scheidung. Der 38 Jahre alte Ex-Mann hat nach Angaben der Polizei "wasserdichtes Alibi".
Im Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt Wiesbaden, wo Nurdan E. und ihre Töchter über ein Jahr Zuflucht vor dem despotischen Ehemann gefunden hatten, herrscht Fassungslosigkeit, Trauer und Entsetzen: "Wir sind zutiefst geschockt", sagt die Leiterin des Frauenhauses, Brigitte Beuter. "Sie war mutig und hat anderen Frauen Mut gemacht." Obwohl das Leben der jungen Frau, die aus Ostanatolien stammte, einem Martyrium geglichen habe, habe sie nicht aufgegeben. Im Frauenhaus habe die anfangs verängstigte Frau ihre eigene Stärke entdeckt. Dieses Selbstbewusstsein habe sie dann anderen Opfern häuslicher Gewalt zu vermitteln versucht. Ihr gewaltsamer Tod löse nun "neue Ängste" aus.
Nurdan E. wollte an die Öffentlichkeit, wollte mit ihrer Geschichte anderen misshandelten Frauen Mut machen, sich zu wehren. Ihr Gesicht ziert daher auch die Einladungskarte zu einer Foto-Ausstellung der Awo mit dem Titel "Frauenhaus - Zuflucht und Chance", die ab 25. November im Wiesbadener Frauenmuseum zu sehen ist. Die Wiesbadener Fotografin Andrea Diefenbach hat neun Bewohnerinnen des Frauenhauses mehrere Monate lang begleitet und immer wieder fotografiert. Die Porträtaufnahmen zeigen laut Beuter Frauengesichter, die das Erlebte gezeichnet hat, die aber zugleich auch Kraft und Zuversicht ausstrahlen.
"Nurdan war sehr stolz, dass ihr Porträt als Motiv für die Einladung ausgewählt wurde", erzählt Beuter. Die Ausstellung werde trotz des tragisches Todes nicht gestoppt. "Das wäre nicht in ihrem Sinne." Die Awo widmet die Ausstellung nun Nurdan E. und hat die Einladungskarte um ihr Todesdatum ergänzt.
Schon im Januar stand die junge Türkin einmal im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Der Wiesbadener Kurier hatte ausführlich ihre Lebensgeschichte dargestellt. Das Leid der zierlichen Frau aus Ost-Anatolien begann nicht erst mit ihrer zweiten Ehe, sondern schon im Kindesalter. Ihr despotischer Vater hatte sie nach der fünften Klasse von der Schule abgemeldet, Unterricht sei für Mädchen "reine Zeitverschwendung", zudem standen Schläge an der Tagesordnung.
Mit 16 Jahren heiratet sie ihre große Liebe, das Paar bekommt zwei Töchter. Doch das Glück währt nur kurz: Als Nurdan 21 ist, stirbt ihr Mann an Krebs.
Als Nurdans Mutter wieder heiratet, arrangiert ihr Stiefvater die Ehe mit seinem in Deutschland lebenden Sohn. Nurdan fügt sich - eine Frau ohne Mann gilt in ihrer Heimat als Makel. Die beiden heiraten in der Türkei und leben dort zunächst auch. Doch der Muslim macht seiner neuen Frau schon bald das Leben zu Hölle. Regelmäßig schlägt er Nurdan E. grün und blau, auch die Mädchen verschont er nicht. Der Umzug nach Wiesbaden ändert nichts an seiner Gewalttätigkeit. Nurdan E., die kein Wort deutsch spricht, nimmt er den Pass ab.
Auf den Rat einer Nachbarin flüchtet Nurdan E. ins Frauenhaus. Mit Liebesschwüren und Rosen kann ihr Mann sie nach vier Tagen zur Rückkehr überreden. Doch zu Hause setzt es wieder Schläge. Der 38-Jährige betrachtet seine Frau und die Kinder als Eigentum. Vor ihren Augen schlägt er in der Küche einen Hundewelpen tot, weil das Tier auf Nurdans Zuruf reagiert habe. Zu gehorchen hätte der Hund - wie die gesamte Familie - aber nur ihm.
Im Mai 2007 schafft die Mutter noch mal die Flucht ins Frauenhaus der Awo. Sie zeigt ihren Mann an, er wird verurteilt: Neun Monate auf Bewährung. Nurdan E. zieht im Sommer 2008 in eine kleine Wohnung in der Hellmundstraße im Wiesbadener Westend. Sie baut sich ein neues Leben auf, reicht die Scheidung ein. Kurz nachdem diese rechtsgültig ist, wurde Nurdan E. ermordet.
Einen Verdächtigen hat die Polizei derweil noch nicht. Der Ex-Ehemann hatte sich freiwillig im Präsidium gemeldet, wurde angesichts seines "eindeutigen und wasserdichten Alibis" wieder auf freien Fuß gesetzt, sagt Polizeisprecher Markus Hoffmann. Das "massiv verstärkte" Ermittlerteam versucht nun, den Tattag zu rekonstruieren. "Wir suchen Zeugen, die das Opfer am Vormittag noch gesehen haben." Das Türschloss sei unbeschädigt, Nachbarn haben nichts bemerkt. Aus ermittlungstaktischen Gründen macht die Polizei keine Angaben zur Tatwaffe oder sonstigen Tatortspuren.
Auf die Frage, ob sie glaube, dass der Ex-Mann hinter der Tat steckt, sagt Frauenhaus-Leiterin Beuter: "Ich beteilige mich nicht an Spekulationen, sondern vertraue auf die Arbeit der Polizei." Unter Schutz habe Nurdan E. nach dem Auszug aus dem Frauenhaus nicht gestanden, "aber wir hielten die ganze Zeit Kontakt." Von Belästigungen sei keine Rede gewesen.
Nurdan E. wird derzeit in ihrer Heimat beerdigt, ihre Töchter befinden sich in der Obhut von Nurdan E.s Mutter. Ob sie zurückkehren, ist ungewiss. Die Awo Wiesbaden sammelt derweil Spenden für eine Ausbildung der Mädchen.
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