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Wiesbaden
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02. November 2015

Wiesbaden: Versorgt ohne Versicherung

 Von Irmela Heß
Auch Zahnärzte praktizieren in der Teestube.  Foto: Michael Schick

Die humanitäre Sprechstunde in der Wiesbadener Teestube ist Anlaufstelle für Illegale und Wohnsitzlose, die sich nicht trauen, zum Arzt zu gehen.

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Sie halten sich illegal in Deutschland auf, haben keine Papiere, keinen Anspruch auf soziale Leistungen, keine Krankenversicherung. Und wenn sie krank werden, trauen sie sich oft nicht zum Arzt zu gehen. In Wiesbaden können sie die humanitäre Sprechstunde in der Teestube besuchen. Immer mittwochs erhalten sie hier medizinische Hilfe. Über die Situation der Menschen, die ohne Krankenversicherungsschutz in Deutschland leben, hat Nele Kleinehanding, Absolventin der Hochschule Rhein-Main, ihre Bachelorarbeit in Sozialer Arbeit geschrieben – und wurde dafür vom Wiesbadener Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt mit dem Philipp-Holl-Preis ausgezeichnet.

In Wiesbaden haben das Diakonische Werk, die Stadt und pro familia eine Kooperationsgemeinschaft gebildet, um Menschen ohne Krankenversicherung einen Zugang zur ärztlichen Versorgung zu ermöglichen.

Nicht nur Obdachlose kommen vorbei

Das Diakonische Werk bietet allgemeinärztliche und zahnärztliche Behandlungen an, immer mittwochs von 14 bis 16 Uhr in den Räumen der Teestube in der Dotzheimer Straße 9. Impfungen für Kinder und Jugendliche und die Vermittlung von Kinderärzten übernimmt das Gesundheitsamt, Schwangere können sich bei pro familia in der Langgasse 3 melden.

Es sind längst nicht nur Wohnungslose, die die humanitäre Sprechstunde in der Teestube aufsuchen: Von Mitte 2011 bis August diesen Jahres nahmen 462 Menschen dieses Angebot an, und es waren überwiegend Menschen aus Rumänien, Polen und Bulgarien, die hier unbürokratisch und auf Wunsch anonym Hilfe erhielten, wie Teestubenleiter Matthias Röhrig sagt.

Sie kommen aus Mitgliedstaaten der Europäischen Union und haben somit das Recht, vorübergehend in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Finden sie jedoch auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, fehlt ihnen oft das Geld für die Krankenversicherung. Verdienen sie weniger als 450 Euro, sind sie zudem nicht versicherungspflichtig. Die EU-Bürger sind laut Nele Kleinehanding eine der Gruppen, die medizinische Ambulanzen aufsuchen – neben Wohnungslosen, Haftentlassenen, Menschen ohne gültige Papiere, Asylbewerbern, bei denen das Asylverfahren andauert oder abgelehnt wurde, und Menschen, die älter als 55 Jahre und privat krankenversichert sind, sich die hohen Beiträge aber nicht mehr leisten können.

Die 37-Jährige, die zehn Jahre als Ergotherapeutin mit körperbehinderten Kindern und Jugendlichen gearbeitet hat, bevor sie mit einem Stipendium das Studium an der Hochschule Rhein-Main begann, hat den möglichen und unmöglichen Krankenversicherungsschutz für alle diese Gruppen genau unter die Lupe genommen.

Ihr Fazit: Zwar sei die adäquate Gesundheitsversorgung ein von Deutschland anerkanntes Menschenrecht, das allen Personen zustehen sollte, das vorhandene System werde diesem Anspruch allerdings nicht gerecht, „da ein Teil der Bevölkerung zeitweise oder auch dauerhaft keinen Zugang zu den vorhandenen medizinischen Leistungen hat und deshalb auf Angebote außerhalb des regulären Gesundheitssystems angewiesen ist“.

Flyer mit verschiedenen Ambulanzen der Region

Die Idee für ihre Abschlussarbeit kam ihr während ihres Praxissemesters in der „Ambulanz ohne Grenzen“ in Mainz. Dort musste sie sich in das Thema einarbeiten, als sie Menschen beriet, wie sie wieder in die Krankenversicherung kommen. Sie ist überzeugt, dass Medizin und Sozialarbeit in diesen Fällen zusammen arbeiten müssen: „Wir müssen Menschen in der Not helfen, aber wir müssen auch eine Perspektive schaffen, wie wir sie wieder ins Sozialsystem integrieren.“

Kleinehanding arbeitet beim Mainzer Verein „Armut und Gesundheit Deutschland“, dem Trägerverein von „Ambulanz ohne Grenzen“.

Und weil das Thema medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung weiter beschäftigt, hat sie ein Faltblatt erstellt, in dem die medizinischen Ambulanzen in der Region Rhein-Main-Neckar-Saar kurz vorgestellt werden. Auch die Mainzer „Ambulanz ohne Grenzen“ und die humanitäre Sprechstunde in der Wiesbadener Teestube der Diakonie sind erwähnt.

Der Flyer soll sowohl Betroffenen als auch Multiplikatoren eine Hilfe bieten, schneller Zugang zu einer gesundheitlichen Versorgung zu erhalten. Dass die viele Menschen nötig haben, zeigt das Zitat eines Wohnungslosen im Faltblatt: „Uns fällt es schwer, zu Ärzten zu gehen. Dort werden wir oft übel behandelt, manchmal wie Aussätzige. Deshalb ist es gut, wenn jemand auf uns zukommt.“

Den Flyer gibt es in der Teestube der Diakonie, Dotzheimer Straße 9, oder unter www.armut-gesundheit.de.

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