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Wiesbaden
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26. Januar 2016

Wiesbaden: Wenn das Grauen die Vorstellung übertrifft

 Von Oliver Beckhoff
Antje Havemann reiste durch Europa.  Foto: Privatarchiv Sibylle Kopf, Solz

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ist eine der letzten Gelegenheiten, mit Überlebenden von Auschwitz zu sprechen. Die Stadt Wiesbaden bietet bis Mitte Februar ein umfassendes Kulturprogramm zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte.

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Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes.“ Mit diesen Worten richtete sich Bundespräsident Joachim Gauck im vergangenen Jahr in einer Sondersitzung des Bundestages an die Parlamentarier. Es war der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Heute jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers erneut. Gaucks Ausspruch ist unverändert aktuell – und wird es bleiben. Auschwitz ist längst zum Symbol für den präzedenzlosen Massenmord des NS-Regimes geworden.

Zum heutigen bundesweiten Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wird auch in Wiesbaden die Erinnerung wachgehalten. Seit dem Wochenende können Interessierte Schicksale wie das von Antje Havemann erkunden. Vor dem Krieg hatte sie Europa auf dem Motorrad bereist, zusammen mit ihrem Mann Robert. Später unterstützte sie seine Arbeit für die Widerstandsgruppe „Neu beginnen“, um der drohenden Zerstörung des Kontinents entgegenzutreten, dessen Vielfalt sie auf ihren Reisen kennen – und lieben gelernt hatte.

Denn genau dieser Vielfalt hatten die Nationalsozialisten den Kampf angesagt. Antje Havemann ist eine von vielen starken Widerstandskämpferinnen, deren Geschichten die Autorin Frauke Geyken in ihrem Buch „Wir standen nicht abseits“ aufgeschrieben hat. Wie sich Frauen gegen die völkische Ideologie stellten, gehört zu den weniger weit ausgetretenen Pfaden der Geschichtswissenschaft. In Wiesbaden bekommt das Thema besondere Beachtung, wenn die Autorin am Donnerstag im Frauenmuseum zum Gespräch lädt.

Lesungen und Filme

Bis Mitte Februar bietet die Stadt ein umfassendes Kulturprogramm, das zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte einlädt. Bei Lesungen, Theater- und Filmvorführungen können Interessierte in dieses Kapitel der Geschichte eintauchen. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es eine Lesung – am Sonntag in der Villa Clementine.

Zwei Tage später gibt es die rare Möglichkeit, mit Zeitzeugen zu sprechen. Als eine der letzten Überlebenden, die von der Realität des Konzentrationslagers Theresienstadt berichten kann, kommt am 2. Februar die 94-jährige Trude Simonsohn ins Rathaus. Auch in Auschwitz war die damals junge Frau interniert. Doch ihre Erinnerung an das Vernichtungslager ist ausgelöscht. „Nach Auschwitz brauchen Sie mich nicht fragen“, sagte sie 2015 der FAZ. Denn was Simonsohn dort erlebte, war mit keiner Alltagserfahrung in Einklang zu bringen: ein Grauen, das das Vorstellungsvermögen zu stark überforderte, um als kohärente Erinnerung gespeichert zu werden.

Das Verhältnis von Zeugenschaft und Trauma hat Claude Lanzmann in seinem Jahrhundertfilm „Shoa“ adressiert, der im Programm nicht vertreten ist. Doch auch ohne das filmische Monument hat der Förderkreis ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt. Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz (CDU) hebt besonders die Bedeutung der Zeitzeugenbesuche hervor: „Bei Schulklassen habe ich erlebt, wie Zeitzeugen für einen Aha-Effekt sorgen können, der durch keinen Unterricht zu erreichen ist.“

Auch wenn der Holocaust für sich stehe, ermögliche die Auseinandersetzung mit dem NS-Terror einen schärferen Blick für heutige Probleme: „Gerade jetzt kommen viele traumatisierte Menschen nach Europa.“ Für ein menschliches Miteinander einzustehen, sei zu jeder Zeit geboten.

Das Programm zum Tag des Gedenkens findet sich auf www.wiesbaden.de

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