Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wiesbaden
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Wiesbaden

16. Februar 2015

Wiesbaden: Ziemlich beste Kollegen

 Von Hannah Weiner
Läuft bei Stephan Vokuhl (links) und Stan Albers.  Foto: Michael Schick

Gelebte Inklusion: Stan Albers und Stephan Vokuhl treten gemeinsam bei den Wiesbadener und Rüsselsheimer Stadtläufen an. Vokuhl (46) ist schwerbehindert und sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl.

Drucken per Mail

Sie werden nicht gewinnen. Viel wahrscheinlicher ist sogar, dass sie als letzte die Ziellinie überqueren. Aber das spielt für Stan Albers und Stephan Vokuhl keine Rolle. Wichtig ist nämlich, dass sie überhaupt bei den Wiesbadener und Rüsselsheimer Stadtläufen mitmachen dürfen.

Vokuhl (46) ist schwerbehindert, sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl und Langstreckenläufer auf Rädern gab es bisher noch nicht so oft. Die zwei Männer mit großen Ambitionen sitzen im hellen Besprechungsraum des Vereins Inklusion durch Förderung und Betreuung (IFB) in Schierstein und erzählen von ihren Plänen. Um Vokuhls eisblaue Augen liegen feine Lachfältchen, der Dreitagebart ist frisch gestutzt, seine Beine festgeschnallt im schwarz-blauen 200-Kilogramm-Rolli. Er und Albers, der 53-jährige Heilpädagoge mit grauem Rollkragenpulli und leichtem holländischen Akzent, haben große Ziele für 2015: den Opel-Firmenlauf in Rüsselsheim und den Charity-Walk & Run in Wiesbaden. Albers in seinen Turnschuhen wird Vokuhl im Rollstuhl schieben. Das tun sie einerseits für sich selbst und andererseits als Zeichen für Inklusion und Menschenrechte.

Albers und Vokuhl sind seit 15 Jahren Kollegen, ziemlich beste Kollegen sogar, wie sie sagen. Beide arbeiten für den IFB. Albers ist Referent des Geschäftsführers, Vokuhl Systemadministrator.

Als der IT-Fachmann am 9. Februar 1969 geboren wird, wickelt sich die Nabelschnur um seinen Hals und schnürt die Sauerstoffzufuhr ab. Vokuhls Hirn wird geschädigt. Frühkindliche Hirnschädigung nennen das die Ärzte. Er hat eine Tetraspastik, seine Arme und Beine sind gelähmt und verkrampft. Das Sprechen macht ihm große Mühe. Auch in der Konversation mit seinem Kollegen gibt es Probleme.

Spenden

Stan Albers und Stephan Vokuhl suchen nach Förderern, Sponsoren und privaten Spendern, um einen Sportrollstuhl kaufen zu können.

Infos zum Projekt „Running Rhinos“ gibt es unter der Telefonnummer 0 61 29 / 50 29 760 oder über stan.albers@ifb-stiftung.de

Wer direkt spenden will: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE79 5502 0500 0000 0019 59, BIC: BFSWDE33MNZ. (haw)

„Manchmal sagt er sechs Mal etwas und ich verstehe sechs Mal nichts“, erklärt der Heilpädagoge. Aber man müsse sich ja auch nicht immer unterhalten. Für die ziemlich besten Kollegen gibt es Wichtigeres als Worte, so wie gemeinsame Aktivitäten.

Auch der Verein für den sie arbeiten sieht besonders im Sport eine Möglichkeit zur Inklusion. Er hat ein Rollstuhlbasketballteam und bietet gemeinsames Boccia-spielen an. Sport sei zwar ein „Individualistending“, aber eben auch soziales Geschehen, findet Albers, der schon seit Jahren mit dem IFB-Verein Running Rhinos für den guten Zweck läuft.

Vokuhl war oft dabei, stand mit seinem Rollstuhl an der Strecke und feuerte ihn an. Manchmal habe er sich auch rein gemogelt bei den Läufen, habe „wild eine Runde mitgedreht“, erzählt Albers. Vokuhl lacht laut auf, wirft den Kopf in den Nacken. Doch das sei nun wirklich keine Inklusion gewesen, bedauert Albers heute und greift sich an den Kopf. „Ich schäme mich ein bisschen dafür, dass keiner auf die Idee gekommen ist, dass Stephan mitmacht.“

Erst im vergangenen Jahr sei der Groschen gefallen. Albers fragte Vokuhl und dieser hat sofort zugesagt. Das Vorhaben ist nicht ganz ohne. Die beiden müssen einander vertrauen. „Stephan hat dann nicht die Chance zu sagen: ‚Na gut, diese Bordsteinkante würde ich anders nehmen‘“, erklärt Albers. „Aber ich glaube, das klappt.“

Doch schon bei der Planung müssen sie noch ganz andere Hürden nehmen. Während der Anmeldungen hat Albers die Diskriminierung gegenüber Behinderten gespürt. Manche Lauf-Organisatoren hätten gar nicht reagiert, andere Bedenken geäußert, die Strecke gebe das nicht her, es könne gefährlich werden, besonders beim Gewusel am Start.

„Ich war so sauer“, sagt Albers und ballt kurz die Faust. „Es ist nicht in Ordnung, Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft auszuschließen“. Sie würden so um notwendige Entwicklungschancen gebracht. „Das ist eine ganz klare Menschenrechtsverletzung“, betont er. Doch während Albers sich ärgerte, sah Vokuhl das Positive „Ha, wir sind drin“, habe er gesagt, als zwei Organisatoren einwilligten. Die Kollegen dürfen starten, als letzte mit den verkleideten Spaßläufern.

Doch das findet Vokuhl nicht schlimm. Er ist Optimist. „Ich lebe nur einmal und werde das genießen“, sagt er und muss dann los zum Boccia. Vokuhl holt mit dem Arm aus zu einer großen Bewegung und winkt, lacht breit und fährt mit dem Rollstuhl davon. Boccia kann er schon mit Hilfe und einer speziellen Technik spielen. Für die beiden Läufe trainieren Albers und Vokuhl noch nicht. Denn es fehlt etwas sehr Wichtiges: ein Sportrollstuhl. Dafür sammeln sie jetzt Spenden. Doch eines ist klar: „Wir laufen mit – so oder so.“

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Auf dieser Seite lesen Sie Nachrichten aus Wiesbaden. Aus der Nachbarschaft informieren wir auf den Seiten über die Stadt Mainz und den Main-Taunus-Kreis.

Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie bitte auf das orange Symbol.

Regionale Startseite

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Twitter
Mainz

Anzeige

Anzeige

Spezial

Filmhaus, Filmarchiv und Festivals wie "GoEast" und "Exground" - Wiesbaden mausert sich wieder zur Kinostadt.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

ANZEIGE
- Partner