kalaydo.de Anzeigen

Zentrum Bizeps: Wege aus der Gewalt

Sich stark fühlen ohne gleich zuzuschlagen: Seit zwei Jahren berät das Zentrum "Bizeps" in Wiesbaden Männer. Von Mirjam Ulrich

Gewalt ist ein Kommunikationsproblem. So erklären zumindest viele Theorien, warum Konflikte in Partnerschaften eskalieren und Hiebe statt Liebe den Alltag bestimmen. Männer seien oft unfähig, über ihre Gefühle zu reden - besonders über die negativen, sagt der Therapeut Bernd Seifried. Stattdessen unterdrückten sie sie lange Zeit. "Häufig bedarf es dann nur einer kleinen Provokation seitens der Frau, dass sie explodieren und versuchen, das vermeintliche Machtgleichgewicht mit Gewalt wieder herzustellen."

Seifried arbeitet im Wiesbadener Beratungs- und Informationszentrum für Männer und Jungen (Bizeps). Das Zentrum wurde 2006 von Pro Familia und dem Institut für Erziehungshilfe gegründet. Es bietet Veranstaltungen für Jungen und Männer an, geht in Schulen und macht Freizeitangebote für Väter mit ihren Kindern. Und es arbeitet mit Tätern: mit sexuell gewalttätigen Jungen wie auch mit Männern, die ihre Partnerinnen misshandeln.

Häusliche Gewalt

In Wiesbaden registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 937 Fälle häuslicher Gewalt. Entgegen dem Trend im Bundesland Hessen stieg die Zahl in der Landeshauptstadt deutlich: Im Jahr 2007 hatte die Zahl noch bei 715 Fällen gelegen.

Stalking - Nachstellung - ist seit Mitte 2007 strafbar, entsprechend nahm die Zahl der Anzeigen in Wiesbaden von 61 auf 205 im Jahr 2008 zu. In 95 bis 98 Prozent der Fälle hatten Täter und Opfer zuvor eine Beziehung, schätzt die Wiesbadener Polizei.

Nachbarn sollten bei häuslicher Gewalt die Polizei rufen. Verwandten und Freunden rät die Polizei, bei Verdacht die Betroffenen anzusprechen, dass sie eine der Beratungsstellen aufsuchen.

Hilfe für Täter gibt es anonym und vertraulich bei Bizeps - dem Beratungszentrum für Jungen und Männer in Wiesbaden, Adelheidstraße 28, Telefon 0611/ 6097606. Die telefonischen Sprechzeiten sind montags bis donnerstags 8.30 bis 11.30 Uhr und 13 bis 16 Uhr). (miu)

www.bizeps-wiesbaden.de

Die Männer, die sich an Bizeps wenden, sind zwischen 18 und 65 Jahre alt, die meisten zwischen 30 und 40. Etliche werden von der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht geschickt, sie haben wegen Gewalttätigkeiten in der Partnerschaft die Auflage bekommen, an einer Therapie teilzunehmen. Andere kommen wegen ihres Gewaltproblems freiwillig. Familie oder Freunde übten häufig auch sanften Zwang aus, weil es so wie bisher nicht mehr weiterginge, sagt Seifried.

"Viele Männer kommen zu uns, wenn sie zum ersten Mal geschlagen haben", erzählt er. Oft seien sie sehr betroffen. "Wenn Männer aber schon öfter Gewalt angewandt haben, dann verschwindet dieses Phänomen wieder." Dann kämen sie erst auf Druck von außen. Sie hielten die Gewalttätigkeiten für ihre Privatsache und behaupteten, die Beziehung funktioniere ja. Es etabliere sich ein Gewaltsystem, da sei es sehr wichtig, dass jemand einschreite.

Die Zahl der Männer, die eine Therapie bei Bizeps auferlegt bekommen, steigt. Inzwischen zählt jeder fünfte Klient dazu, schätzt Seifried. Im Jahr 2007 verzeichnete Bizeps 47 abgeschlossene Beratungen, im ersten Halbjahr 2009 haben schon 50 Männer eine Beratung begonnen.

Die schlagenden Männer stammen aus allen sozialen Schichten und Berufen. Doch bei allen Unterschieden haben die beiden Therapeuten von Bizeps auch ein paar Gemeinsamkeiten festgestellt: Viele dieser Männer hatten einen autoritären Vater und selbst Gewalt erlebt. Sie haben oft ein traditionelles Männerbild - und ein geringes Selbstwertgefühl. "Eigentlich kommen sie hierher und erwarten, dass wir sie verurteilen", erzählt Seifried. Manchen fällt es anfangs schwer, Vertrauen zu den Therapeuten zu fassen.

An den Gruppentreffen alle zwei Wochen nehmen nur Männer teil. Sie kennen voneinander nur die Vornamen, alles, was sie besprechen, bleibt vertraulich. An zehn Abenden reden sie über ihre Enttäuschungen, Erwartungen und Bedürfnisse. Als Therapeuten versuchten sie dabei auch, ihnen die Furcht vor Streits zu nehmen, erzählt Seifried. Viele Männer sagten, sie wollten nie mehr streiten - dabei gehöre es zu einer Partnerschaft dazu, sich auch einmal zu streiten. Es gehe darum zu lernen, sich nach bestimmten Regeln zu streiten.

Die Bizeps-Therapeuten unterscheiden zwischen einer Streitsituation und einer Gewaltsituation. Zu einem Streit trügen beide Partner bei, legten sich gegenseitig die Finger in die Wunde, erläutert Seifried. Da könnten die Beteiligten sich aber immer noch steuern. "Bei der Gewaltdynamik gibt es einen Verantwortlichen. Derjenige, der diese Wut spürt, ist verantwortlich, dass es nicht zur Ausübung von Gewalt kommt."

Diesen Punkt, an dem Streit in Gewalt umkippt, arbeiten die Therapeuten mit den Gruppenteilnehmern heraus. Sie führen die Männer an ihre Grenzen, konfrontieren sie mit deren eigenen Strukturen. Die Männer sollen ein Gespür dafür bekommen, ab wann sie nur noch rot sehen und nicht mehr steuerungsfähig sind. Damit sie kurz vor einem Gewaltausbruch "Stopp" sagen und ihre Frauen dann wissen, dass sie sie nun besser in Ruhe lassen. "Das ist keine Problemlösung, aber es verhindert Gewalt." Die Probleme ließen sich nur längerfristig lösen, etwa durch eine Paartherapie.

Seifried hat gute Erfahrung damit gemacht, die Frauen hinzuzuziehen. Sofern die Partnerschaft noch existiert und die Frau nicht ins Frauenhaus flüchten musste, bieten die Therapeuten ihr ein gemeinsames Gespräch mit dem Mann an. Denn auch Frauen räumten mitunter ein Gewaltproblem ein, sagt Seifried. "Gerade bei temperamentvollen Paaren schlagen häufig beide Partner."

Autor:  Mirjam Ulrich
Datum:  20 | 10 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Auf dieser Seite lesen Sie Nachrichten aus Wiesbaden. Aus der Nachbarschaft informieren wir auf den Seiten über die Stadt Mainz und den Main-Taunus-Kreis.

Regionale Startseite

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Spezial

Die heiße Phase: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
Migrantenverbände kritisieren offen die Personalpolitik des Hessischen Rundfunks
Umstrittene Büttenrede 
Der Umzug ist vorbei. Doch kein Grund zu trauern. Denn nächstes Jahr heißt es wieder Klaa Paris!
Fastnachtsumzug in Heddernheim 
Die Narren sind los!
Fastnachtszug in Jügesheim 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

 
Spezial

Filmhaus, Filmarchiv und Festivals wie "GoEast" und "Exground" - Wiesbaden mausert sich wieder zur Kinostadt.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Spezial
Alexander Kraft

Raus - und aufs Bike! Alexander Kraft präsentiert die FR-Mountainbike-Routen abseits der berüchtigten "Biker-Autobahnen".

 

 

Spezial

Hat Volker Bouffier als Innenminister einen Parteifreund begünstigt? Ein Untersuchungsausschuss sucht Antworten.

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande