kalaydo.de Anzeigen

Zug der Erinnerungen: Die Türen bleiben offen

Während an den Nachbarbahnsteigen Züge ein- und ausfahren, steht am Wiesbadener Hauptbahnhof auf Gleis 5 ein Zug still: der Zug der Erinnerung. Von Elisabeth Böker

Während an den Nachbarbahnsteigen Züge ein- und ausfahren und die Reisenden an ihr Ziel bringen, steht am Wiesbadener Hauptbahnhof auf Gleis 5 bis zum Mittwoch, 27. Mai, ein Zug still: der Zug der Erinnerung. Er macht bewusst, dass eine Million Kinder während der NS-Zeit mit dem Zug in den Tod gefahren worden sind.

Am Sonntag wurde die Ausstellung mit einer Gedenkfeier eröffnet. Gut 60 Menschen aller Altersgruppen kamen, um Anteil zu nehmen. Unter den Gästen war auch Edith Erbrich. Als Siebenjährige wurde sie am Frankfurter Bahnhof in einen Viehwagon gepfercht und nach Theresienstadt deportiert. Edith Erbrich hat das Lager überlebt, die Erinnerungen an die grausame Fahrt aber bis heute nicht vergessen können: "Vorhin hatte ich Probleme, in den Zug zu steigen. Bleiben die Türen zu oder offen?", habe sie sich gefragt. Die Türen bleiben offen, damit alle Menschen sich an diese Grausamkeit erinnern können.

In Wiesbaden hält der Zug mit Dampflok nur wenige Gleise von der Schlachthoframpe, dem Ort, von dem im März, Juni und September 1942 rund 1000 Wiesbadener Juden in Waggons gepfercht und nach Theresienstadt deportiert worden sind, darunter auch 72 Kinder.

Leo Kahn fuhr in den Tod

Eines der Kinder war Leo Kahn, der die Gutenbergschule besuchte. Seine Familie hatte die Ausreisegenehmigung in die USA erhalten und die Koffer gepackt. Es kam anders: Am 1. September 1942 wurde Leo Kahn nach Theresienstatt deportiert, später nach Auschwitz, wo sein Leben endete. Beim Lesen dieser Schicksale und beim Betrachten der Bilder von den Kindern sind die Besucher in sich gekehrt. Jeder nimmt das Gesehene auf seine Weise mit. Durch die Ausstellung in drei Waggons werden die Schrecken der Kinder vorstellbarer.

Seit 2007 rollt die Gedenkstätte durch Deutschland. Es ist eine Bürgerinitiative, die diesen Zug auf die Reise schickt. Bis heute entzieht sich die Bahn ihrer Verantwortung. Auch die Politik schweigt: Die Landeszentrale für politische Bildung in Hessen hat für das Unternehmen "keine Ressourcen." Allerdings unterstützte die Stadt Wiesbaden den Zug mit 4000 Euro. Grund für den Einsatz: "Es ist wichtig, die Erinnerungen weiterzugeben und den Hass zu vertreiben", wie Helga Skolok, Ehrenamtliche Stadträtin, bei der Gedenkfeier sagte. Doch das Geld reicht nur für einen Tag. 10 000 Euro für den Aufenthalt sind unbezahlt.

Autor:  Elisabeth Böker
Datum:  25 | 5 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Auf dieser Seite lesen Sie Nachrichten aus Wiesbaden. Aus der Nachbarschaft informieren wir auf den Seiten über die Stadt Mainz und den Main-Taunus-Kreis.

Regionale Startseite

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Spezial

Die heiße Phase: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
Migrantenverbände kritisieren offen die Personalpolitik des Hessischen Rundfunks
Umstrittene Büttenrede 
Der Umzug ist vorbei. Doch kein Grund zu trauern. Denn nächstes Jahr heißt es wieder Klaa Paris!
Fastnachtsumzug in Heddernheim 
Die Narren sind los!
Fastnachtszug in Jügesheim 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

 
Spezial

Filmhaus, Filmarchiv und Festivals wie "GoEast" und "Exground" - Wiesbaden mausert sich wieder zur Kinostadt.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Spezial
Alexander Kraft

Raus - und aufs Bike! Alexander Kraft präsentiert die FR-Mountainbike-Routen abseits der berüchtigten "Biker-Autobahnen".

 

 

Spezial

Hat Volker Bouffier als Innenminister einen Parteifreund begünstigt? Ein Untersuchungsausschuss sucht Antworten.

Meistgeklickt
Im März 2010 war Bastian Oczipka von Bayer zum FC St. Pauli ausgeliehen.
Linksverteidiger 
IG BCE-Kundgebung im Industriepark Höchst, in Frankfurt (M).
4,5 Prozent mehr Lohn für Chemie-Beschäftigte 
Schimmel kann in Wohnungen durch Kondenswasser an Fenstern und Wänden entstehen.
Schimmel in der Wohnung  
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Interview Organspende-Regelung