Kein Regisseur hätte die Szene besser inszenieren können: Anwalt Mark Stephens stand vor einer Woche auf den Stufen des Gerichtsgebäudes in Westminster und hielt vor der versammelten Presse eine kurze Verteidigungsrede für seinen Klienten Julian Assange – mit ungezähmter Lockenmähne, ausladenden Gesten und dem wie nebensächlich eingestreuten Halbsatz, dass „viele Menschen Assange für unschuldig halten“. Es war ein Auftritt wie in einem Stück von William Shakespeare. Stephens ist nicht nur ein ausgezeichneter Jurist, er hat auch dramatisches Talent. Als Jugendlicher war er an einer Schauspielschule eingeschrieben.
Einen besseren britischen Rechtsbeistand hätte Wikileaks-Mitgründer Assange kaum finden können. Der 53-jährige Stephens heißt in juristischen Kreisen schlicht „Mister Medien-Anwalt“. Er ist ein Experte für grenzüberschreitende Fälle und ein leidenschaftlicher Verfechter der Pressefreiheit, der seine Fälle auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vertritt. Dass erklärt, warum er sich für Assange interessiert, der sich in Schweden wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung verantworten soll und dem die Auslieferung droht: Der Anwalt hält die Vorwürfe gegen den Internet-Enthüller, der wegen der Offenlegung geheimer Depeschen den Zorn der USA auf sich zog, für „politisch motiviert“. Ein solcher Klient braucht weniger einen Strafrechtler als einen Menschenrechtsanwalt.
Unbeirrbar, unbändig und unerschütterlich
Vor einer Woche scheiterte Stephens vor dem Magistrates’ Court in Westminster mit dem Antrag, Assange gegen Kaution freizubringen; immerhin hatte sich der freiwillig gestellt. Heute wird in der Sache erneut verhandelt. Dass bereits über die Auslieferung befunden wird, hält die britische Anklagebehörde für unwahrscheinlich. Eine solche Entscheidung kann Monate dauern, und Stephens ist zuzutrauen, dass er durch die Instanzen zieht. Denn er ist unbeirrbar, unbändig und unerschütterlich, wenn es um das Recht auf freie Meinungsäußerung geht. So kanzelte er jüngst die schwedischen Behörden ab: „Ich habe mit Ländern der Dritten Welt und autoritären Regimen gearbeitet, wo es mehr Bemühen um einen fairen Prozess gab.“
Mit der Londoner Kanzlei Finers Stephens Innocent, deren Leiter für Medienrecht er ist und zu der 170 Mitarbeiter zählen, hat er CNN und Bloomberg beraten. Die Rolling Stones und Led Zeppelin vertrauten sich ihm an, und er hat die Rechtehalter für Matisse, Picasso und Chagall vertreten. Denn es waren Künstler, für die er sich zu Beginn seiner Laufbahn einsetzte. Das lag vermutlich nahe für einen Juristen, der beinahe Schauspieler geworden wäre und noch immer mit Shakespear’schen Auftritten für Erstaunen sorgt.
Das Wiener Abkommen regelt die diplomatischen Beziehungen, die der jüngste WikiLeaks-Coup durcheinander gewirbelt hat.