Schramberg ist ein Städtchen im Schwarzwald, das sich seiner Kirchenorgeln rühmt, ansonsten gibt es Schnee und einen großen Uhrenhersteller. Sie könne sich das ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, sagt die freundliche Dame am Telefon bei Junghans, mit internationalem Terrorismus habe man ja eher nichts zu tun. Ganz bestimmt nicht.
Genau so aber steht es im Internet. In der Nacht zu Montag sind unter den bei Wikileaks veröffentlichten Diplomaten-Depeschen neue Dokumente aufgetaucht, darunter eine Liste mit Objekten in aller Welt, deren Zerstörung die öffentliche Gesundheit, Wirtschaft oder nationale Sicherheit der USA beeinflussen könnte, wie es in der Depesche heißt. Etwa ein Dutzend deutsche Unternehmen finden sich auf der Liste, die auf dem Stand von 2008 sein soll und sich wie eine Aufstellung potenzieller Terrorziele liest: das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen als „weltgrößter zusammenhängender Chemie-Komplex“, der Siemens-Sitz in Erlangen als wichtiger Hersteller von Transformatoren und Turbinen, das Aventis-Werk in Frankfurt als bedeutender Insulin-Hersteller. Und: Junghans Feinwerktechnik in Schramberg, „entscheidend bei der Herstellung von Minenwerfern“.
Alle Texte. Fotostrecken und Videos zur spektakulären Veröffentlichung vertraulicher Dokumente aus dem Auswärtigen Amt der USA finden Sie im FR-Spezial zum Thema.
Es dauert ein wenig, bis ein Ansprechpartner gefunden ist, der über die Terrorgefahren im Schwarzwald informieren kann. Er sitzt bei Diehl Defense, einem Rüstungskonzern in Überlingen am Bodensee, und möchte lieber nicht namentlich zitiert werden. Die Depesche, sagt er, müsse mindestens vier Jahre alt sein, seit damals halte man Anteile an der Junghans-Sparte Microsystems, seit damals sitze diese nicht mehr in Schramberg, sondern in Dunningen. „Die haben auch nichts mit Minenwerfern zu tun, die stellen Zünder für Munition her.“
Über die eigene Relevanz für die nationale Sicherheit der USA sei man nicht informiert gewesen, auch nicht über Terrorgefahren. „Unsere Sicherheitsstandards sind ohnehin sehr hoch.“
So oder ähnlich äußern sich sämtliche aufgeführten Unternehmen am Montag. Es gebe keine Notwendigkeit, die Sicherheitsmaßnahmen in Ludwigshafen zu verändern, sagt eine BASF-Sprecherin. Ein Siemens-Sprecher lehnt einen Kommentar zu der Veröffentlichung ab.
Unerwartete Fragen
Während Wikileaks-Gründer Julian Assange neue Enthüllungen über Russland ankündigt, sehen sich in Deutschland vor allem kleinere Orte und Firmen mit Fragen konfrontiert, auf die sie nicht eingestellt sind. Dreieich im Kreis Offenbach etwa mit der Pharma-Firma Biotest oder Sylt, wo ein Transatlantikkabel endet.
Und Lübeck, Sitz der Drägerwerk AG, Hersteller für Gasmesstechnik. Auch dort ist man überfordert mit der unerwarteten Rolle im Enthüllungsstück. „Wir müssen uns da selbst erst einmal schlaumachen“, sagt eine Sprecherin. Nach einer Weile schickt das Unternehmen eine Stellungnahme, man nehme die Hinweise sehr ernst, stehe „mit allen wichtigen Behörden“ in Verbindung. Im Betreff der E-Mail steht, worum es geht: „Wikileads“.
Das Wiener Abkommen regelt die diplomatischen Beziehungen, die der jüngste WikiLeaks-Coup durcheinander gewirbelt hat.