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Porträt: Der Subversive

Was ist dran an den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Julian Assange? Der Wikileaks-Gründer ist ein Mann mit vielen Gesichtern - und einer Mission.

Julian Assange hat viele Gesichter.
Julian Assange hat viele Gesichter.
Foto: REUTERS

An sich ist an der Geschichte nichts Außergewöhnliches, es ist ein Familiendrama, wie es sich überall und ständig abspielt. Ein Elternpaar trennt sich im Zorn, man kann nicht mehr miteinander kommunizieren, ein hässlicher Streit um das Sorgerecht entbrennt. Im Fall der Familie Assange wurde jedoch aus der ordinären Scheidungsgeschichte ein Polit-Thriller, komplett mit jahrelanger Flucht, falschen Identitäten, verdeckten Adressen und komplizierten Tarnungsmanövern.

Julian Assange, der gerade verhaftete Gründer von Wikileaks, war acht Jahre alt, als seine Mutter sich von seinem Vater trennte und sich einem neuen Mann zuwandte. Doch die neue Beziehung lief ebenfalls bald schief, der Stiefvater war gewalttätig und zornig. So packte Claire Assange Julian und seinen kleinen Halbbruder und machte sich erneut aus dem Staub. Gewöhnlich hätte die Kleinfamilie nun einen neuen Wohnsitz bezogen und sich einen Anwalt genommen, um die Scheidung zu bestreiten. Doch Claire Assange war der Meinung, sie müsse mit ihren beiden Kindern untertauchen. Der Grund, von dessen Plausibilität Julian Assange bis heute überzeugt ist: Sein Stiefvater gehörte vermeintlich einem australischen Kult an, der sich „die Familie“ nannte, einem unsichtbaren Netzwerk, das von den weiblichen Kultmitgliedern verlangt, ihre neugeborenen Kinder dem Anführer zu opfern.

Julian Assange hat eine Mission.
Julian Assange hat eine Mission.
Foto: dpa

Der Kult, das berichtete Assange noch im vergangenen Sommer allen Ernstes einem Reporter der Zeitschrift New Yorker, hatte einflussreiche Mitglieder auf entscheidenden Regierungsposten, die seinen Stiefvater ständig mit Informationen über seinen Aufenthalt und den seiner Mutter und seines Halbbruders versorgte. Fünf Jahre lang lebte die Familie Assange deshalb im Untergrund, versteckte sich bei Bekannten, zog immer wieder um, verwendete falsche Namen und Adressen. Es waren prägende Jahre für Julian Assange, er war 16, als dieser paranoide Albtraum zu Ende ging.

Ein Leben auf der Flucht

Und im Grunde hat Assange diese Lebensweise auf der Flucht nie ganz aufgegeben. Bis er gestern verhaftet wurde, verbrachte er nie mehr als ein paar Tage an einem Ort. Seine Organisation Wikileaks schlug für jedes neue Projekt ein neues geheimes Hauptquartier auf. „Ich lebe in der Hauptsache auf Flughäfen“, sagte Assange im Sommer einem Reporter. Nach seinem eigenen Bekunden hat es jedoch nicht das Geringste mit seiner Jugend zu tun, dass Assange zum einsamen Kreuzzügler gegen vermeintliche und tatsächliche Regierungsverschwörungen geworden ist – und mit einer Geheimoperation Sand in das Getriebe der Mächtigen der Welt streut. „Es gibt insbesondere in den USA eine Tendenz“, sagte er jüngst in einem Interview mit Time Magazine, „alles auf die Kindheit zurück zu führen. Ich sehe die Dinge nicht so.“ Doch es fällt ausgesprochen schwer, in seinem Fall die klaren Parallelen zu ignorieren, die von der Art, in der er aufwuchs, zu seinem Weltbild als Erwachsener führen. Assanges Eltern waren antiautoritäre Aussteiger, seine Mutter verbrannte mit 17 alle ihre Schulbücher und floh auf dem Motorrad von zu Hause. Sie lebten als Theaterschaffende in einem kleinen Ort am Strand von New South Wales, ein festes Heim gab es nicht, die Familie zog ständig um. „Ich bin aufgewachsen wie Tom Sawyer“, sagte Assange einmal.

Wikileaks und die Finanzen

Die Kreditkartenunternehmen
Mastercard und Visa haben Zahlungen an die Enthüllungsplattform Wikileaks gesperrt. Visa Europe habe alle
Zahlungen ausgesetzt, um einen
möglichen Verstoß gegen die Geschäftsbedingungen zu prüfen, erklärte die
Firma am Dienstag. Ein Mastercard-Sprecher sagte, Grund für das Vorgehen sei die Regel, wonach Kunden gesperrt würden, die „illegale Handlungen
direkt oder indirekt unterstützen oder erleichtern“.
Das Internet-Bezahlsystem Paypal hat ebenfalls Zahlungen an Wikileaks
gesperrt. Wikileaks kann nun noch über Banküberweisungen oder auf dem
altmodischen Postweg Geld erhalten.
Die Schweizer Bank Postfinance hatte am Montag ebenfalls die Schließung des Kontos von Wikileaks-Gründer Julian Assange bekanntgegeben. Als Grund nannte die Bank falsche Adressangaben. Hacker und Sympathisanten von Wiki-leaks-Gründer Julian Assange griffen daraufhin offenbar die Postfinance-Webseite an – diese war dadurch stark verlangsamt.
In Deutschland muss Wikileaks derzeit keine Einschränkungen fürchten. Ein Sprecher des Regierungspräsidiums in Kassel relativierte am Dienstag einen
Bericht des Handelsblatts, dem zufolge der Wau-Holland-Stiftung als weltweit größtem Geldgeber von Wikileaks die Aberkennung ihres Steuerprivilegs
drohe. Zwar sei an die Stiftung eine Mahnung wegen eines fehlenden Geschäftsberichts geschickt worden – dies habe aber nichts mit Wikileaks zu tun. Die Wau-Holland-Stiftung bezeichnet sich selbst als Stiftung im Umfeld des Chaos Computer Clubs. Sie soll laut Medienberichten rund 750000 Euro an Spendengeld eingenommen haben. Assange hat angeblich eine „Lebensversicherung“: Mehr als 100000 Unterstützer weltweit haben eine verschlüsselte Datei erhalten. Laut Medienberichten ist „insurance.aes256“ 1,5 Gigabyte groß und enthält alle 250000 US-Depeschen. Demnach enthält das Paket die Original-Unterlagen ohne Auslassungen, darunter unveröffentlichte Dokumente zum US-Gefängnis Guantanamo. Auch explosive Papiere der Bank of America sollen dabei sein. afp/dpa

Dann kam die Trennung – und die Jahre auf der Flucht. Schon zu jener Zeit im Untergrund begann Assange sich mit Computernetzwerken zu beschäftigen, obwohl es das Internet in seiner heutigen Form noch nicht gab. Assange legte sich den Decknamen „Mendax“ zu, was so viel bedeutet wie der edle Unwahrhaftige, und drang in Systeme wie das US Verteidigungsministerium und das Atomwaffen-Labor von Los Alamos ein. Assange war der Prototyp des Teenage-Hackers, wie man ihn etwa aus dem 80er-Jahre Film „War Games“ kennt.

Doch für Assange war das Hacken von Anfang an mehr als bloß der lausbubenhafte Drang auszuprobieren, was man mit seinen Programmierkünsten so alles anstellen kann. Für Assange war das Hacken von Anfang an ein politisches Programm. Er nannte sich und seine Genossen, die „International Subversives“, die schon damals ein vage anarchistisches Programm hatten. „Er hatte ein altruistisches Motiv“, sagt ein australischer Beamter, der damals gegen ihn ermittelte, nachdem Assange als knapp 20-Jähriger in den Hauptcomputer der kanadischen Telekommunikationsfirma Nortel eingebrochen war. „Er glaubte fest daran, dass jeder Zugang zu allem haben sollte.“

Wachsende Paranoia

Die Nortel-Geschichte förderte indes nicht nur seine sich formierenden politischen Überzeugungen zutage, sondern auch seine wachsende Paranoia. In seinem Buch „Underground“ gesteht Assange, dass er damals ständig von Polizeirazzien träumte. Als die Polizisten dann tatsächlich kamen, hatte er sein Telefon mit seiner Stereoanlage verdrahtet und hörte sich das Besetztzeichen an.

Die Furcht vor der Verhaftung und der Strafe stellte sich jedoch als unbegründet heraus – Assange kam mit einer milden Geldstrafe davon. Doch die nächste paranoide Episode folgte auf dem Fuß. Seine junge Frau hatte ihn mit ihrem Baby verlassen und Assange kämpfte gemeinsam mit seiner Mutter um das Sorgerecht für den Kleinen. Allerdings begnügten die beiden sich nicht mit dem Gang durch die Institutionen. Stattdessen verwandelten sie die Sorgerechtsklage in einen Feldzug gegen die gesamte australische Gesundheits- und Familienbürokratie. Die Assanges gründeten eine Organisation zum Schutz von Kindern gegen den Staat, sie nahmen Gespräche mit Beamten insgeheim auf und forderten Mitarbeiter der Behörden auf, anonym gegen ihre Arbeitgeber auszusagen. Assange einigte sich schließlich auf einen Kompromiss mit seiner Frau. Doch der Kampf hatte ihn mitgenommen, er war ausgebrannt. Er nahm eine Auszeit, fuhr mit dem Motorrad durch Vietnam und begann Physik zu studieren. Vor allem aber begann er durch die Lektüre von Kafka, Koestler und Solschenizyn, sein Weltbild auszudifferenzieren.

Im Jahr 2006 schrieb er dann einen Aufsatz mit dem Namen „Conspiracy as Governance“, der heute auch als das Wikileaks-Manifest gilt. Das Dokument, das Assange zuerst auf seinem Blog iq.org veröffentlichte, ist keine sechs DIN-A4-Seiten lang. Doch es enthält nicht weniger als eine umfassende Theorie der Macht sowie präzise Handlungsanweisungen, wie man die Mechanismen der Macht torpedieren kann. Jedes autoritäre Regime, schreibt Assange in dem Pamphlet – und damit meint er unzweifelhaft auch westliche Staaten – hat die Struktur einer Verschwörung. Die Konspiration bestehe aus einem geheimen System von Mechanismen zur Machterhaltung, Mechanismen, die „sich gegen den Wunsch des Volkes nach Wahrheit, Liebe und Selbstverwirklichung“ wenden.

Festnahme als Genugtuung

Dieses System funktioniere durch ein Netz von verdeckter und verschlüsselter Kommunikation. Und die effektivste Art, die Verschwörung zu unterwandern sei, diese Kommunikation zu entschlüsseln und zu veröffentlichen. „Wenn wir eine autoritäre Verschwörung sehen“, schreibt Assange, „ein Biest mit Arterien und Adern, dessen Blut man verdicken kann, bis es gelähmt ist und anfängt zu torkeln.“

Kurz nach der Veröffentlichung des Manifestes stellte Wikileaks sein erstes Dokument ins Netz – ein zensierter Aufruf des somalischen Rebellenanführers Sheikh Hassan Dahir, Anschläge auf Regierungsmitglieder zu verüben. Assange kommentierte das Dokument mit der Frage: „Ist es ein gewagtes Manifest eines militanten Islamisten mit Verbindungen zu Bin Laden oder ist es ein cleverer Versuch des CIA, den somalischen Widerstand zu unterlaufen?“

Nun hat Julian Assange es mit der Veröffentlichung Tausender diplomatischer Depeschen der USA geschafft, dass die Behörden gleich mehrerer Länder händeringend nach Wegen suchen, ihn zu stoppen. Gestern wurde der 39-Jährige in London in Polizeigewahrsam genommen.

Die Verfolgung dürfte dem Verschwörungstheoretiker wohl insgeheim Genugtuung verschaffen. Er wird das als Beleg dafür nehmen, dass seine Theorie der Macht richtig ist – und dass er mit Wikileaks an genau der richtigen Stelle angesetzt hat.

Autor:  Sebastian Moll
Datum:  7 | 12 | 2010
Kommentare:  9
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Quellen im Internet
Die Internetseite von Wikileaks mit vertraulichen Depeschen des US-Außenministeriums.

Nachlesen, was Wikileaks im Spiegel, beim Guardian oder auf der eigenen Website über deutsche Politiker oder den Irakkrieg schreibt.

Video
Wikileaks-Aktivisten haben angekündigt, das sie neues Material veröffentlichen werden.

Bevor Wikileaks brisante Dokumente veröffentlicht, werden ausgewählte Medien zur Analyse der Daten aufgefordert und erhalten die Story dafür.

Das Gesicht von Wikileaks
Der Wikileaks-Chef und Gründer, Julian Assange, bei den New Media Days in Kopenhagen, Dänemark. Assange gründete 2007 das Enthüllungsnetzwerk Wikileaks.

Julian Assange, australischer Internet-Aktivist, ärgert weltweit Behörden, Geheimdienste, Militärs und Diplomaten.

Debatte
Das US-Außenministerium und das Pentagon fürchten die Sprengkraft der Geheimdokumente, die Wikileaks in Kürze veröffentlichen will.

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