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Julian Assange, Bradley Manning und Wikileaks
Wikileaks: Hintergründe und Analysen

11. Februar 2011

Präsentation im Netz veröffentlicht: Masterplan gegen Wikileaks

 Von Andreas Kraft
Die Veröffentlichung der US-Depeschen hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt.  Foto: dapd

Drei IT-Sicherheitsfirmen haben einen Plan entwickelt, wie Wikileaks wirksam bekämpft werden könnte. Angeblicher Auftraggeber war eine Anwaltskanzlei, die für die Bank of America arbeitet.

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Im „Herrn der Ringe“ ist ein Palantir eine Art Glaskugel, mit dem sich in die Zukunft, in die Vergangenheit oder an weit entfernte Orte blicken lässt. In der wirklichen Welt ist Palantir eine Softwarefirma für Spionageprogramme. Zusammen mit den IT-Sicherheitsfirmen HBGary Federal und Berico Technologies hat das Unternehmen aus dem Silicon Valley im Dezember 2010 einen Plan entwickelt, wie Wikileaks wirksam bekämpft werden könnte. Das geht aus einer gemeinsamen Präsentation der Firmen hervor, die Wikileaks in der Nacht zu Donnerstag veröffentlichte. Laut dem Online-Magazin The Tech Herald kam der Auftrag dazu von einer Anwaltskanzlei, die für die Bank of America arbeitet. Das Magazin beruft sich auf eine Reihe von E-Mails zwischen den Firmen.

Der nun öffentlich gewordene Plan passt perfekt zum Streit zwischen Wikileaks-Frontmann Julien Assange und dem ehemaligen Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg. So sieht er vor, interne Auseinandersetzungen zwischen Wikileaks-Aktivisten zu befeuern und Unterstützer der Plattform einzuschüchtern. Namentlich erwähnt wird etwa der US-Journalist Glenn Greenwald, der unter anderem die schlechten Haftbedingungen des mutmaßlichen Wikileaks-Informaten Bradley Manning aufgedeckt hatte.

Die Angst der Banker

Zudem schlagen die Firmen vor, Wikileaks gefälschte Dokumente zuzuspielen und sie als Fälschungen zu entlarven oder die Server der Plattform zu attackieren, um Informanten aufzudecken. Eine Medienkampagne sollte, so der Plan, die „radikale und rücksichtlose Natur“ der Wikileaks-Aktivisten offenlegen. Ziel aller Aktionen ist es, das Vertrauen in Wikileaks zu untergraben.

Doch warum könnte die Bank of America ein Interesse daran haben? Am 29. November hatte Assange angekündigt, demnächst interne Dokumente einer großen amerikanischen Bank zu veröffentlichen und so ein „Ökosystem der Korruption“ offenzulegen. Einen Tag später sprachen die Top-Manager der Bank of America laut einem Bericht der New York Times in einer Konferenz über die Drohung. In den folgenden Tagen sei ein 20-köpfiges Team installiert und eine Unternehmensberatung angeheuert worden, um sich vor einer möglichen Veröffentlichung zu schützen. Laut den E-Mails trafen sich die Banker auf Empfehlung des US-Justizministeriums Anfang Dezember mit Anwälten von Hunton and Williams. Dafür soll die Kanzlei die Sicherheitsfirmen um ein Angebot gebeten haben. Laut den Mails hofften die Firmen auf ein Geschäft, dass ihnen zwei Millionen Dollar pro Monat einbringen würde. Ob sie den Auftrag bekamen, sei den Mails aber nicht zu entnehmen.

Seit Anfang der Woche kursiert in Internet-Tauschbörsen eine etwa fünf Gigabyte große Datei, in der rund 50.000 E-Mails desGeschäftsführers von HBGary Federal, Aaron Barr, zusammengefasst sind. Den Internetaktivisten von Anonymous war es gelungen in das Firmennetzwerk des Unternehmens einzudringen. Sie nahmen die Online-Seite des Unternehmens vom Netz, knackten Barrs Twitter-Account und kopierten seine Mails. Bekannt wurde Anonymous mit Attacken auf Firmen wie Mastercard und Paypal, die auf Druck der US-Regierung Wikileaks-Konten sperrten. Zuletzt konzentrierten die Aktivisten ihre Attacken auf Regierungsseiten in Tunesien und Ägypten.

Partner der Geheimdienste

Barr hatte sich vergangene Woche im Gespräch mit der Financial Times gerühmt, die führende Köpfe von Anonymous identifiziert zu haben. Dafür habe er verdeckt per Chat oder über gefälschte Facebook-Profile Kontakt zu einzelnen Aktivisten aufgenommen, um über private Details auf echte Namen hinter den Online-Identitäten zu schließen. Möglicherweise wollte er seine Informationen an das FBI verkaufen.

Seit den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich in den USA ein riesiges Netz aus 1200 Regierungsorganisationen und fast 2000 Privatfirmen entwickelt, die laut Washington Post auf der Suche nach Terroristen im Verborgenen die US-Bevölkerung überwachen. Zu diesem Komplex gehören auch Palantir, HBGary und Berico. Das Software-Programm Palantir Government etwa ist dafür konzipiert, Informationen aus großen Datenmengen auszulesen und zu verknüpfen. Damit lassen sich zum Beispiel die Strukturen einer kriminellen Vereinigung rekonstruieren. Mit den Twitter-Daten der Wikileaks-Mitarbeiter ließe sich damit herausfinden, wer neben Assange für die Plattform derzeit besonders wichtig ist. Kommende Woche soll ein US-Gericht entscheiden, ob Twitter die Daten den Ermittlungsbehörden übergeben muss.

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Spezial: Wikileaks
Quellen im Internet
Die Internetseite von Wikileaks mit vertraulichen Depeschen des US-Außenministeriums.

Nachlesen, was Wikileaks im Spiegel, beim Guardian oder auf der eigenen Website über deutsche Politiker oder den Irakkrieg schreibt.

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Bevor Wikileaks brisante Dokumente veröffentlicht, werden ausgewählte Medien zur Analyse der Daten aufgefordert und erhalten die Story dafür.

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