Deutschlands Verhalten gegenüber den nordafrikanischen Freiheitsbewegungen war und ist schändlich. Offenbar sind wir Deutschen unfähig, uns unserer Verantwortung zu stellen. Wir haben es mit Schönwetterpolitikern zu tun, die alle großen, wirklich wichtigen Probleme nur aussitzen und ansonsten wie Kleinkrämer auf den größtmöglichen Nutzen ihres eigenen Sprengels erpicht sind; alles, was darüber hinausgeht, jedwedes nachhaltige Denken und Handeln interessiert sie nicht. Ihnen gegenüber steht eine Bevölkerung, die mehrheitlich den Krieg ablehnt und auch sonst kaum bereit ist, die Kosten zu übernehmen, die mit eben jener Freiheit verbunden sind, die sie immerzu in Anspruch nimmt.
Bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat hatte Deutschland die historische Chance, die libysche Freiheitsbewegung zu unterstützen und der Völkergemeinschaft wie der eigenen Bevölkerung zu beweisen, dass sie es ernst meint mit der Freiheit. Mit der Einrichtung einer Flugverbotszone bot sich Europa die Gelegenheit, seinem zögerlichen, gegenüber dem Leid anderer Menschen in Nordafrika so gleichgültigen und gegenüber den eigenen Wertegrundlagen so vergesslichen Verhalten eine neue Richtung zu geben. Auch Deutschland hätte sich an dieser überfälligen Korrektur beteiligen, auch wir hätten etwas Wiedergutmachung für die Schande der letzten Monate versuchen können. Wir taten es nicht.
Der Informatiker (geboren 1970) leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.
Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm (geb. 1972) gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators.
Er (geb. 1973) besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi Präsident des libyschen Fußballverbandes.
Er (geb. 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.
Die Juristin (geb. 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.
Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geb. 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.
Über diesen Sohn ist wenig bekannt, selbst das Geburtsjahr. Unterschiedliche Angaben zu seinem Geburtsjahr reichen von 1979 bis 1988. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.
Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geb. 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.
Muammars Neffe (Geburtsjahr unklar) wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet. (zusammengestellt von dpa)
Erstaunlich sind die Erklärungen unserer Politiker. Die Bundeskanzlerin: „Wir wünschen unseren Bündnispartnern viel Erfolg, weil wir die gleichen politischen Ziele verfolgen. Aber wir sind halt anderer Ansicht, was die Erfolgsaussichten des Einsatzes angeht.“ Der Außenminister: „Wir sind der Überzeugung, dass die Alternative zu einem militärischen Eingreifen nicht Tatenlosigkeit ist, sondern politischer Druck und gezielte Finanz- und Wirtschaftssanktionen.“ Der Verteidigungsminister: „Wir können nicht alle Diktatoren der Welt mit einem internationalen Krieg beseitigen.“ Kurzum, was die praktische Dimension der Freiheit betrifft, wird eine umfassende Nichtzuständigkeit postuliert.
Stattdessen bleibt es beim Lippenbekenntnis und solchen Sanktionen, die, wenn überhaupt, erst dann greifen, nachdem Muammar al-Gaddafi und seine Clique das eigene Volk hingemetzelt haben werden. Das ist überaus unbefriedigend, wirft aber die Frage auf, ob sich unser Verhalten noch anders als bloß mit leichtfertiger Bequemlichkeit oder gewissenloser Gleichgültigkeit „begründen“ lässt. Gibt es also gute Gründe für unsere Enthaltsamkeit? Thomas de Maizieres Hinweis, wir könnten nicht „alle Diktatoren der Welt“ beseitigen, verfängt jedenfalls nicht, denn Gaddafi ist gerade kein Allerweltsdiktator, sondern Libyen vielmehr unser unmittelbarer Nachbar, ein Nachbar Europas.
Aber vielleicht lässt sich die auch im eigenen Interesse gebotene Nachbarschaftshilfe verweigern, weil man wie Angela Merkel glaubt, das moralisch und politisch Gebotene von seinen „Erfolgsaussichten“ abhängig machen zu können: Weil wir nicht sicher sein können, ob wir den Libyern militärisch oder strategisch zu helfen imstande sind, versuchen wir es gar nicht erst. Diese Haltung führt nicht nur zu einer normativen Entleerung, weil sie das moralische und politische Postulat zur Folgenlosigkeit verurteilt oder dem Relativismus anheim gibt, sondern steht auch in Widerspruch zu Guido Westerwelles Plädoyer für „politischen Druck“ – denn auch hier ist der Erfolg nicht gewiss.
Die Bundesregierung hat den Eindruck erweckt, ihr Ja zur Einrichtung einer Flugverbotszone hätte sie automatisch in einen Krieg verwickelt. Sie erweckte damit den Eindruck, als Friedensmahner und -bewahrer gehandelt zu haben. Doch ganz abgesehen davon, dass eine Zustimmung nicht per se bedeutet hätte, sich an kriegerischen Handlungen in Libyen zu beteiligen, und dass Deutschland ohnehin, wenn auch nur indirekt über ihre AWACS-Einsätze in Afghanistan an einem Krieg in Libyen beteiligt wäre, kann sich wohl kaum als Friedensengel in Pose werfen, wer den massenhaften Mord in einem anderen Land geschehen lässt. Unterlassene Hilfeleistung ist nicht friedlich.