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29. Juni 2010

FR: Wie alles begann: Unabhängigkeit fängt im Kopf an

 Von Roderich Reifenrath
Im Kellergeschoss des Hauses zwischen Schillerstraße und Großer Eschenheimer Straße: In einem schlichten Festakt überreichte General Roger McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee, sieben Männern die Zulassungsurkunde, mit denen sie als Lizenzträger die Frankfurter Rundschau herausgeben durften. Von links nach rechts: General McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee (mit Lizenz), Arno Rudert, Paul Rodemann, Wilhelm Knothe, Otto Grossmann, Wilhelm Karl Gerst, Hans Etzkorn und Emil Carlebach. Foto: FR-Archiv

Wie es mit der "Rundschau" begann, was langsam wurde und daraus geworden ist.

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Wie es mit der "Rundschau" begann, was langsam wurde und daraus geworden ist.

Der Gründungsakt erfolgte, zeitungsgeschichtlich gesehen, auf historischem Boden. Im Kellergeschoss des Hauses zwischen Schillerstrasse und Großer Eschenheimer Strasse, in dem am 1. August 1943 die Frankfurter Zeitung auf Anordnung der Nationalsozialisten ihr Erscheinen einstellen musste, kam es genau zwei Jahre später zur "Geburt einer deutschen Zeitung", wie es in der Publikation "heute" damals hieß. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, das Propagandageschrei des Dritten Reiches verstummt, und im Kernbereich der schwer zerstörten Stadt begann am 1. August 1945 das, was General McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee, ein "Wagnis" nannte. In einem schlichten Festakt, so berichten Zeitzeugen, überreichte der hohe Offizier sieben Männern die Zulassungsurkunde, mit denen sie als Lizenzträger die Frankfurter Rundschau herausgeben durften.

Bevor jedoch in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August '45 die von Druckereiexperten der US-Armee reparierten Rotationsmaschinen der ehrwürdigen, 1856 von Leopold Sonnemann gegründeten Frankfurter Zeitung wieder auf Touren kamen, um den ersten Exemplaren der FR auf die Beine zu helfen, gab McClure den sieben Journalisten noch folgende Mahnung mit auf den Weg: "Ich rate Ihnen, sich der Größe der Aufgabe, die Sie auf sich genommen haben, bewusst zu sein. Sie können im wahrsten Sinne des Wortes Fackelträger sein, die den Weg in eine bessere Zukunft erhellen. . . . Sie haben Verantwortung gegenüber den amerikanischen Besatzungsstreitkräften, gegenüber den durch sie repräsentierten freien Bürgern der Vereinigten Staaten und gegenüber der deutschen Bevölkerung, deren Sprecher Sie sind. Auch gegen sich selbst haben Sie Verantwortung, die Sie jetzt einen langen Weg beschreiten, an dessen Ende eines Tages die Schaffung einer freien und demokratischen Presse in Deutschland liegen wird."

Wer in den Besatzungszonen eine Zeitung herausgeben wollte, brauchte dafür die Genehmigung der jeweiligen Militär-Regierung. Die erste Lizenz in der amerikanischen Zone ging an die sieben Herausgeber der Frankfurter Rundschau. Die Lizenz Nr.2 der US-Kontrollbehörde für die Frankfurter Rundschau wurde auf deutsch und englisch abgefasst.
Wer in den Besatzungszonen eine Zeitung herausgeben wollte, brauchte dafür die Genehmigung der jeweiligen Militär-Regierung. Die erste Lizenz in der amerikanischen Zone ging an die sieben Herausgeber der Frankfurter Rundschau. Die Lizenz Nr.2 der US-Kontrollbehörde für die Frankfurter Rundschau wurde auf deutsch und englisch abgefasst.

Sätze, in denen auch Skepsis mitschwang. Die frühe Zulassung der von Hitler und seinen Gehilfen brutal unterdrückten Meinungsfreiheit geschah rund drei Jahre vor der ersten Sitzung des Parlamentarischen Rates am 1. September 1948 und knapp vier Jahre vor der Verabschiedung des Grundgesetzes am 8. Mai 1949 mit dem für die Pressefreiheit unabdingbaren Artikel 5. Dieser Gründungstermin verschaffte der Rundschau so etwas wie eine publizistische Vorreiterrolle im Nachkriegsdeutschland. Die Legitimation zur Herausgabe einer Tageszeitung, die für die FR Emil Carlebach, Hans Etzkorn, Wilhelm Karl Gerst, Otto Grossmann, Wilhelm Knothe, Paul Rodemann und Arno Rudert anvertraut wurde, basierte auf der Lizenz Nr. 2 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung, war jedoch die erste im amerikanisch besetzten Gebiet. Lizenz Nr. 1 erhielten in der britischen Zone die Aachener Nachrichten.

Die Männer, unter anderem damit beauftragt, den Gedanken der freiheitlichen, parlamentarischen Demokratie populär zu machen, gehörten zur politischen Linken und hatten während der NS-Zeit mehr oder weniger aktiv im Widerstand gegen die Nazis gestanden. Bis auf Rudert blieb jedoch keiner von ihnen länger als zwei Jahre im Team der Lizenzträger. Vier waren sogar bereits bis April '46 schon wieder ausgeschieden. Während also die Zahl der Zertifikats-Besitzer aus vielen, zum Teil auch politischen Gründen schnell schrumpfte, stieg am 15. April 1946 jener Mann in die FR ein, der das Blatt eine weite Strecke lang entscheidend geprägt hat: Karl Gerold.

Das Geburtshaus der Frankfurter Rundschau in der Innenstadt. Hier war die Frankfurter Zeitung zu Hause, bis sie 1943 auf Anordnung der Nazis nicht mehr erscheinen durfte. Die FR zog in den Keller des stark beschädigten Baus.
Das "Geburtshaus" der Frankfurter Rundschau in der Innenstadt. Hier war die "Frankfurter Zeitung" zu Hause, bis sie 1943 auf Anordnung der Nazis nicht mehr erscheinen durfte. Die FR zog in den Keller des stark beschädigten Baus.
Foto: FR-Archiv

Die Aufbruchzeiten waren vor allem Jahre knapper Ressourcen. Papier, das Produktionsmittel jeder Zeitung, fehlte an allen Ecken und Enden. Bereits in der ersten Nummer beklagte "DIE REDAKTION" diesen Mangel. Wenigstens zehn Seiten seien nötig, um mit der "Fülle von Stoff fertig zu werden, den die Weltchronik zur Zeit bietet". Doch die nach Informationsvermittlung und Publizität dürstenden Kollegen, die nur zweimal die Woche ihre leicht verderbliche Ware auf den Markt bringen konnten, mussten erst einmal Schmalhans zum Küchenmeister machen - mittwochs mit vier und samstags mit sechs Seiten. Die Auflage lag bei 400 000 bis 500 000. Gedrucktes fand, da multifunktional, reißenden Absatz.

Vom 1. Oktober 1946 an kam die FR dann dreimal wöchentlich heraus. Bereits im dritten Jahrgang jedoch (August '47) wurde schon eine Deutschland-Ausgabe ins Leben gerufen. Das war eine Abendausgabe mit dem Datum des folgenden Tages, bestimmt für den Versand außerhalb Frankfurts und ins Ausland. Erst vom 21. Juli 1948 an konnte das Blatt täglich erscheinen, jetzt bereits in Konkurrenz zur Frankfurter Neuen Presse (seit 15. April '46), aber noch nicht zur FAZ, die erst vom 1. November 1949 an das bis heute noch vorhandene Main-Trio komplettierte.

Die Neue Presse, deren Gründung auch von den Amerikanern beschlossen ward, um mit einem konservativen Gegengewicht das FR-Monopol zu brechen, trat nicht nur als Mitbewerber um die Gunst der Leser auf, sondern zugleich und mit Macht auch um die Zuteilung des Papiers. Das blieb nicht ohne Folgen. Im Sommer '46 hieß es daher in einer Mitteilung des FR-Vertriebs: "Auf Anordnung der amerikanischen Nachrichtenkontrolle haben wir in den letzten Wochen die Auflage der Frankfurter Rundschau ganz erheblich herabsetzen müssen. Zum 1. August '46 ist uns ein erneuter Kürzungsauftrag von 65 000 Exemplaren erteilt worden. Die Ursache dieser Maßnahme ist in der starken Papierverknappung zu suchen. Leider müssen wir auf Grund dieser Tatsache die Lieferung der Frankfurter Rundschau an Sie zum 1. August '46 einstellen." Lesern, kaum vorstellbar, wurde gekündigt. Reaktionen kamen postwendend. Eine war vielleicht sogar typisch: "Viele Ihrer Kronberger Abonnenten bitten Sie, Ihre Zeitung lieber in kleinerem Umfang erscheinen zu lassen, statt aus Gründen der Papierersparnis wieder Abonnenten zu streichen. Ihre Zeitung ist uns ein Halt in dieser Zeit." Das Blatt blieb, entgegen diesem Wunsch, bei seinem Format, von dem hierzulande nach wie vor verständlicherweise mancher glaubt, nur so könne man im Tageszeitungsgeschäft ein Qualitätsprodukt verkaufen.

Im August '47 waren Karl Gerold und Arno Rudert (er starb 1954) als alleinige Lizenzträger übriggeblieben. Es begannen die Jahre, in denen sich die Konturen der Zeitung als linksliberale Publikation schärften. Die Wortführer in der Redaktion fühlten sich dem Sozialstaatsgedanken und den Bürgerrechten verpflichtet. Gerold stand für diesen Weg und verhalf der FR damit zu ihrem Profil.

Karl Gerold stammte aus kleinen schwäbischen Verhältnissen (Giengen an der Brenz), war sozialdemokratisch orientiert und hatte eine Lehre als Schlosser- und Werkzeugmacher absolviert. Nach der Machtübernahme Hitlers geriet er wie zwangsläufig mit dem Regime in Konflikt, kam in "Schutzhaft", verteilte danach Flugblätter und floh - bevor man ihn festnehmen konnte - im Herbst 1933 in die Schweiz. Dort erhielt er Asyl.

Ohne Komplikationen verlief das Leben aber auch hier nicht. 1943 verfolgte ihn die eidgenössische Justiz wegen "verbotener illegaler Tätigkeit gegen einen kriegführenden Staat" und internierte ihn in einem Arbeitslager. Ein Militärgericht verhängte ein Jahr Gefängnis, setzte den Vollzug der Strafe jedoch zur Bewährung aus, weil man ihm "idealistisch-politische Motive" zubilligte. Als der NS-Staat zusammengebrochen war, schickten Schweizer Zeitungen Karl Gerold als Korrespondenten nach Wiesbaden, in die politische Hauptstadt des Landes Hessen. Dort entdeckten ihn die Amerikaner.

Ein besonderes Kennzeichen dieses eigenwilligen Mannes, der von 1954 an neunzehn Jahre lang in der Dreifachfunktion als Verleger, Herausgeber und Chefredakteur ("Dreifaltigkeit", wie in der Redaktion schon mal gespöttelt wurde) die Zeitung leitete, war sein erfolgreiches Bemühen um Unabhängigkeit. Im Nachruf auf Arno Rudert schrieb er 1954 und hatte dabei die ersten Jahre nach '45 im Blick: "Damals wogten die Parteileidenschaften hoch. Natürlich musste sich das auch in dem Bild einer Zeitung niederschlagen. Der eigentliche Kampf um die Unabhängigkeit hatte begonnen. Und es war Arno Rudert, der mit dem Schreibenden zusammen die Fackel der unabhängigen Meinung durch die Menge trug. Wir konnten dies freilich nicht tun, ohne da und dort jemand den Bart zu versengen."

Und etwa ein Jahr später, die FR feierte ihren zehnten Geburtstag, sprach Gerold in einem Beitrag mit dem Titel "Unabhängig - aber nicht neutral" wieder zur Sache: "Sollte einmal die Geschichte der Frankfurter Rundschau geschrieben werden, so kann sie unter dem Motto stehen: Es war von Anbeginn ein unablässiges Bemühen um Unabhängigkeit in einer Zeit, in der Parteien aller Art versuchten, öffentlich Einfluss zu pachten. Und es war nicht nur ein Bemühen, sondern ein schwerer Kampf. Es gab keine Partei, keinen Parteiführer und keine Regierung, mit denen wir uns nicht, wo wir die Notwendigkeit sahen, auseinandersetzten."

In der Beilage zum 25. FR-Jubiläum unterstrich er noch einmal: "Diese Zeitung ist strikt nach dem Grundsatz, von dem sie angetreten ist, eine unabhängige Tageszeitung. Unabhängig von allen und jeglichen Parteien und Interessengruppen. Geistig und finanziell frei von jeder Einflussnahme." Wie sonst, möchte man ergänzend einfügen, ließe sich auch guter Journalismus machen?

Gerolds Drang nach Freiheit von Zensur durch die Militärbehörden, seine stets funktionierenden Abwehrreflexe auf Interventionsversuche von Großorganisationen und Gralshütern reiner Lehren entsprachen seiner Persönlichkeitsstruktur, gegen Vormundschaften jedweder Art zu rebellieren. Für das Binnenklima der FR hatte dieser Charakterzug positive Folgen. Zwangsläufig entstanden wichtige, unverzichtbare Freiräume auch für die Redaktion, Chancen für ein Team, dessen Mitglieder sich nicht an Beschlüssen von Parteitagen oder gewerkschaftlichen Gruppen orientieren mussten, sondern ihrem Gewissen, ihrer Einschätzung der Lage folgen konnten.

In den ersten beiden Dezennien nach dem Ende der Nazi-Diktatur herrschte in der politischen Auseinandersetzung sowohl in den Parlamenten als auch in den Medien ein scharfer Ton, der heute manchmal befremdend wirkt. Leitartikel-Schlagzeilen Gerolds, zugespitzt oder pathetisch wie "Die Mörder von oben" oder "Steh auf, mein Volk"! (Kommentare über die serienweisen Starfighter-Abstürze der Bundesluftwaffe), erklären sich durch die relative Nähe der fünfziger und sechziger Jahre zur NS-Ära - und aus der polemischen Ader des Lyrikers Gerold.

Die Frankfurter Rundschau beobachtete von Anfang an besonders aufmerksam, wie die junge Republik mit der schrecklichen Vergangenheit und den Lehren daraus umging. Wie die Rechtsprechung einer Justiz ausfiel, deren belastete Vertreter nie wegen Rechtsbeugung belangt wurden. Wie Konrad Adenauer, vom Dritten Reich selbst kaltgestellt, einst hochkarätige Diener der Nazis in die Verantwortung holte (Globke, Oberlaender) und auf skandalöse Art den Schlussstrich zu ziehen versuchte. Skeptisch analysiert wurde der Einstieg in die militärische Normalität, die von Korruption (Onkel Aloys, Schützenpanzer HS 30, Fibag) und Großmachtsucht (Franz Josef Strauss und seine Atomwaffen-Ambitionen) begleitet war. Wachsam blieb die FR, wenn Regierungen oder Bürokratien die Gebote des Sozialstaats missachteten. Deutschlandpolitik, die in den Regularien und Verlogenheiten des Kalten Krieges steckenblieb, fand keine Gnade. Das gleiche galt für die Verantwortlichen der Spiegel-Affäre, für den ersten zentralen Angriff auf die Pressefreiheit und damit auf die bis dato erreichte Substanz der zweiten Republik.

Über einen dauerhaft-kritischen Reflex aufs Dritte Reich und beseelt von dem Wunsch, der erneute deutsche Anlauf zur Demokratie möge diesmal unbeschadet von allen Einmischungen totalitärer Gesinnungen gelingen, entstand innerredaktionell eine starke Klammer und streckenweise eine familiäre Atmosphäre. Fruchtbare Arbeit wurde geleistet, mögen die handelnden Personen auch noch so verschieden und die Tonlagen im Alltag, völlig normal, nicht immer zwischen allen gleichermaßen freundlich gewesen sein. Man wusste jedoch gemeinsam, wofür und wogegen man einstand, publizistisch nicht selten allein, aber unverdrossen.

Viele sorgten für den kontinuierlichen Reputations-Zuwachs des Blattes. Die Namen Werner Holzer (nach Karl Gerold ebenfalls 19 Jahre lang Chefredakteur und zuvor als Reporter weltweit unterwegs), Hans-Herbert Gaebel und Horst Wolf (beide Mitglieder der Redaktionsleitung), die jeder auf andere Art vielen Mitarbeitern die notwendigen Freiräume sicherten, sollen hier stellvertretend für die Bemühungen um Aufstieg und Substanz des publizistischen Teils des Unternehmens stehen. Sie bauten aus und bauten an - die Seite 3, das weltweite Korrespondentennetz, lokale Brückenköpfe rund um Frankfurt.

Im Jahre 1962 tauchte dann ein Mann am Main auf, den es ohne Erich Mende, damals Chef der Freien Demokratischen Partei, bei der FR wohl nicht gegeben hätte: Karl-Hermann Flach. Dem einstigen Bundesgeschäftsführer der FDP, ein über den konservativen Kurs seiner Organisation schwer Enttäuschter gelang dann etwas, was meist die Ausnahme bleibt: Er wechselte die Front und stieg ohne Prestigeverlust von der Politik auf den Journalismus um.

Flach zählte später zu den Wegbereitern der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel. Er gehörte zu den Vordenkern im Lande, die das langsam wachsende, umkämpfte "historische Bündnis" (Werner Maihofer) mit Inhalten füllten. In der Redaktion sorgte er für Ausgleich während der Aufbruchphase, Zeiten, in denen von Berlin bis Frankfurt scharfe und erregte Diskussionen stattfanden - vor allem in den universitären Arenen der 68er Revolutionäre. Deren Rolle und Funktion für die gesellschaftliche Entwicklung wurde von der Rundschau früh erkannt. Der eher sanfte, zum druckreifen Vortrag befähigte Liberale konnte auch in schwierigen Momenten wirkungsvoll sachlich bleiben und bestimmte damit letzten Endes nicht nur im kleinen Zirkel das Klima der Auseinandersetzungen, sondern häufig auch die Stossrichtung in hektischen hausgemachten Vollversammlungen.

Karl-Hermann Flach ("die Jahre bei der Rundschau waren die schönsten meines Lebens") hat der Redaktion ein geistiges Vermächtnis hinterlassen. Vor allem ihm und Hans-Herbert Gaebel verdanken wir die Endfassung der publizistischen Grundhaltung, die heute noch die Prinzipien der Redaktionsarbeit bestimmt. Unter der Firmierung sozial-liberal und links-liberal werden darin Gebote eines auf Minderheitenschutz und Gewaltverzicht, auf Frieden und Rechtsstaatlichkeit, auf europäische Einigung oder Reform des Gemeinwesens pochenden Journalismus formuliert. Sie sind Teil der Arbeitsverträge und zugleich in der Satzung der Karl-Gerold-Stiftung niedergelegt, deren Errichtung der Erblasser für die Zeit nach seinem Tod (er starb 1973) als Sicherung der FR vorgesehen hatte.

Fünfzig Jahre Frankfurter Rundschau! Fünfzig Jahre deutsche Zeitungsgeschichte mit Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, Gereimtem und Ungereimtem. Das Unternehmen wuchs, und das Blatt erreichte den festen Status der Überregionalität. Parallel dazu gewann die eigene Druckerei in Neu-Isenburg größere Dimensionen, ein zuverlässiger Partner renommierter Verlage. Woche für Woche laufen dort Millionen Zeitungsexemplare vom Band.

Wie viele Wünsche, Hoffnungen, Ansichten von den durch Krieg und Entbehrung geformten Redakteuren auf die Nachgekommenen übergegangen sind und weiter übergehen, lässt sich schwer abschätzen. Tempora mutantur - die Zeiten ändern sich. Nos et mutamur in illis - und wir verändern uns in ihnen. Heute bewegen die Öffentlichkeit Fragen, die nach 1945 keiner stellte. Umweltschutz zum Beispiel. Oder Nord-Süd-Konflikt. Aber auch jetzt geht es weiterhin um zeitlose Grundsätze - um Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit, Fairness, um Mut zum Unpopulären, Verlässlichkeit, Standhaftigkeit.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es häufig Bedrohungen der Meinungsfreiheit durch direkten politischen Zugriff. Nun findet der Kampf um Unabhängigkeit erst einmal im Kopf eines jeden einzelnen statt. Die Gefährdungen sind subtiler geworden, Opportunismus kommt raffinierter daher, oft ruft das Metier dies alles selbst hervor. "Haltet die Ohren steif", hatte uns Willy Brandt zum 20jährigen Jubiläum empfohlen. Haben wir getan, werden wir tun. Und wir hoffen, unsere Leserinnen und Leser respektieren - gegen den Zeitgeist - auch in Zukunft unser Bemühen um eine Zeitung, die als engagiertes, differenzierendes Angebot beachtet werden möchte.

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