kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Nestlé-Verwaltungsratschef: "Biokraftstoffe bringen Millionen extreme Armut"

Nestlé-Verwaltungsratschef Peter Brabeck-Letmathe über den Hunger in der Welt, weiter steigende Nahrungsmittelpreise und politische Fehlentscheidungen.

        

Wasser ist knapp. Dabei werden nur 1,5 Prozent des weltweit verbrauchten Wassers zum Trinken und für die     Hygiene genutzt. Mit dem Rest werden  unter anderem    Pools gefüllt und Golfplätze bewässert.
Wasser ist knapp. Dabei werden nur 1,5 Prozent des weltweit verbrauchten Wassers zum Trinken und für die     Hygiene genutzt. Mit dem Rest werden unter anderem Pools gefüllt und Golfplätze bewässert.
Foto: dpa

Peter Brabeck-Letmathe ist einer der mächtigsten Männer im internationalen Lebensmittelhandel. Der Verwaltungsratsvorsitzende von Nestlé bestimmt über die Strategie des größten Lebensmittelkonzerns der Welt. Im Interview spricht er über Verteilungskämpfe um Nahrungsmittel, höhere Preise fürs Wasser, die Staatsschuldenkrise und warum Nestlé immer größer werden muss.

Herr Brabeck, wir treffen uns zum Interview hier bei den Salzburger Festspielen, wo Nestlé seit vielen Jahren Hauptsponsor ist. Haben Sie die nicht-gehaltene Eröffnungsrede des wieder ausgeladenen Schweizer Soziologen Jean Ziegler gelesen?

Nein, das habe ich nicht. Ich wüsste auch nicht, wo es die gibt. Keine Ahnung.

Zur Person

Peter Brabeck-Letmathe ist ein Nestlé-Urgestein. Der heute 66-jährige Österreicher begann 1968 nach Abschluss seines Wirtschaftsstudiums in Wien in der österreichischen Niederlassung als Verkäufer. Nach Stationen in Südamerika wechselte er 1987 an den Konzernsitz Vevey am Genfersee , wo er zehn Jahre später Chef (CEO) des Unternehmens wurde. 2001 Jahre zog der passionierte Bergsteiger zudem in der Verwaltungsrat ein. Ab 2005 war er gleichzeitig Chef des operativen Geschäfts und Verwaltungsratspräsident. 2008 zog er sich schließlich aus dem Tagesgeschäft zurück.

Nestlé stellt unter anderem bekannte Produkte wie den Kaffee Nespresso, den Joghurt LC1, Maggi-Suppen, Mövenpick-, Schöller und Häagen Dasz-Eis, Buitoni-Nudeln, Schokoladen wie Smarties, KitKat oder Cailler her und verkauft Mineralwasser wie Perrier, Vittel oder S. Pellegrino. Außerdem hält der Konzern eine Beteiligung und Vorkaufsrechte am weltgrößten Kosmetikkonzern L’Oréal und ist damit auch Teilhaber an Marken wie Giorgio Armani, Yves Saint Laurent und Lancôme.

Der 1866 gegründete Konzern setzte im vergangenen Jahr 107 Milliarden Schweizer Franken (95 Milliarden Euro) um und erzielte dabei einen Gewinn von fast zwölf Milliarden Schweizer Franken. Dabei gilt der Konzern als eines der meistboykottierten Unternehmen der Welt. Er gerät immer wieder ins Visier von Nichtregierungsorganisationen. Zum Tagesgeschäft jedoch äußert sich Peter Brabeck Letmathe als Verwaltungsratsvorsitzender nicht mehr.



Sie wurde in verschiedenen Zeitungen abgedruckt...

...das war für mich in keiner Art und Weise von Belang. Ich wusste nicht mal, dass Jean Ziegler als Redner vorgesehen war. Dabei handelt es sich um künstlerische Entscheidungen der Festspiele, in die wir uns nicht einmischen.

Herr Ziegler geht in der Rede auf die Hungerkatastrophe in Somalia ein. Und er fordert die großen und mächtigen Konzerne zum Umdenken auf. Sie seien die Verursacher dieser Not. Fühlen Sie sich von ihm angesprochen?

Sehen Sie, Herr Ziegler nutzt Nestlé, um sich auf unsere Kosten als soziales Gewissen dieser Welt zu profilieren.

Hilft Nestlé denn?

Selbstverständlich, mit Hilfslieferungen und Geldspenden. Wir sind am Horn von Afrika seit Jahren tätig. Und es ist unsere Verpflichtung in Ländern zu helfen, wo wir auch unsere Geschäfte machen. Unternehmerische und soziale Verantwortung schließen sich nicht aus, im Gegenteil.

Wir sehen weltweit einen Verteilungskampf um Nahrungsmittel. Wie kann die Weltbevölkerung zukünftig noch ernährt werden?

Indem wir als erstes richtige Prioritäten setzen. Das heißt, dass Lebensmittel als Mittel fürs Leben eingesetzt werden und nicht als Mittel für die Fortbewegung von Autos. Es ist ein Unding, dass heute über die Hälfte des amerikanischen Mais und ein Fünftel des ganzen Zuckeranbaus in Biotreibstoffe umgesetzt wird, während es gleichzeitig nicht genügend Lebensmittel gibt, um die Menschheit zu ernähren.

Was muss getan werden?

Ganz einfach, wir brauchen ein Verbot. No food for fuel! Da könnten die Europäer sich wirklich mal profilieren und Initiative zeigen.

Von einem Verbot sind wir doch weit entfernt.

Das verrückte ist doch, dass die Politik diese blödsinnige Nachfrage nach Biotreibstoffen und damit die Verknappung des Nahrungsmitteangebots selbst kreiert hat. Hierin liegt unter anderem der Grund für die immensen Preissteigerungen und die Unruhen in Entwicklungsländern. Wir haben durch die Biotreibstoffe Hunderte von Millionen von Menschen wieder in die extreme Armut geschickt. Ich finde das unverantwortlich.

In Brasilien werden sehr große Agrarflächen aufgekauft. Man vermutet, dass China oder Saudi-Arabien dahinterstecken. Müssen die westlichen Länder darauf reagieren?

Die westlichen Länder haben doch schon früher reagiert, damals durch die Aneignung von Kolonien. Das haben nicht die Chinesen erfunden, sondern die Europäer. Heute versuchen vor allem Länder, die Wasserprobleme haben, Land zu erwerben, um die landwirtschaftliche Produktion für ihre Bevölkerung sicherzustellen. Das geschieht noch mehr in Afrika als in Südamerika.

Und das geht zu Lasten der Einheimischen.

Das hat positive und negative Effekte. Positiv ist, dass dadurch in Afrika eine Infrastruktur, Arbeitsplätze und eine moderne Agrartechnologie entstehen. Negativ ist, dass die Kleinbauern ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Felder verlieren und in die Städte verdrängt werden. Das ist ein soziales Problem, das meiner Meinung nach Regulierung verlangt. Ansonsten kann dieses sogenannte Landgrabbing sehr unangenehme Folgen haben.

Wird sich der Preisanstieg bei Nahrungsmittel nochmal umdrehen?

Die Zeit billiger Rohstoffe ist vorbei. Langfristig geht der Trend klar nach oben, die Nachfrage steigt steil an. Das schließt kurzfristige Preisrückgänge nicht aus.

Zu den Preisanstiegen trägt auch die Spekulation bei. Wie sehen Sie sie?

Irritierend, aber nicht ausschlaggebend. Sie macht die Fluktuationen kurzfristiger und akzentuierter. Aber selbst wenn man sie verbieten würde, würde das am langfristigen Trend nichts ändern.

Sie haben die Verknappung des Wassers schon angesprochen. Sie fordern, dass Wasser teurer werden muss. Warum?

Weil wir deutlich mehr Wasser verbrauchen, als die Menschheit zur Verfügung hat. Wir gehen zu sorglos damit um. Wir verbrauchen zum Beispiel 9 100 Liter Wasser, um einen Liter Biodiesel herzustellen. Dieser Irrsinn hätte dann ein Ende.

Hungerkatastrophe am Horn von Afrika

Bildergalerie ( 22 Bilder )

Und diejenigen, die kein Geld haben, verdursten?

Das Wasser, das der Mensch zum Trinken und für die Hygiene benötigt, ist meiner Meinung nach ein Menschenrecht. Es ist die Verantwortung der Regierungen, dass jeder Mensch Zugang zu diesem Wasser hat. Nur: Dafür brauchen wir nur 1,5 Prozent des derzeit weltweit verbrauchten Wassers. That’s it! Die 98,5 Prozent brauchen wir, um Maschinen zu waschen, Schwimmbecken zu füllen, Golfplätze zu bewässern oder für die Landwirtschaft. Dort sollte das Wasser mehr kosten.

Wie wird dann sichergestellt, dass jedes Individuum sein benötigtes Wasser bekommt?

Südafrika ist das beste Beispiel dafür. Dort bekommt jeder Haushalt 6 000 Liter gratis pro Monat und was darüber hinaus verwendet wird, hat einen Preis. Das ist nicht so schwierig.

Was antworten Sie denjenigen, die ihnen vorwerfen, dass es nur wieder darum gehe, dass die großen Konzerne sich einen neuen Markt erschließen können?

Was hat das jetzt wieder mit uns zu tun? Wer ist verantwortlich für die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser?

Öffentliche und private Wasserbetriebe.

96 Prozent der Wasserversorgung weltweit sind in der öffentlichen Hand. Wir haben davon gar nichts, und wir wollen auch nichts davon haben. Warum ist das so in den Köpfen der Menschen? Warum wollen sie keine Fakten hören? Hier geht es nicht um das Problem der Privatisierung des Wassers, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Sie sagen, dass Nestlé immer weiter wachsen müsse. Warum eigentlich?

Wenn Du aufhörst zu wachsen, fängst du als Unternehmen an langsam abzusterben. Wir wollen um fünf bis sechs Prozent pro Jahr wachsen und gleichzeitig unsere Marge verbessern. Das ist anspruchsvoll und erfordert Innovation. Dieses Modell haben wir die letzten 15 Jahre durchgehalten und fühlen uns damit sehr gut.

Der Wert des Franken steigt und steigt. Wie lange hält das die Schweizer Wirtschaft noch aus?

Die Aufwertung ist ein Phänomen der ganzen letzten Jahre. Neu ist die Brutalität des Abfalls vor allem des Dollars, aber natürlich auch des Euros. Das bringt einen unglaublichen Druck auf die Schweizer Wirtschaft. Sie muss jetzt noch innovativer werden und vielleicht müssen auch die Arbeitszeiten verlängert werden. Dadurch wird die Schweizer Wirtschaft nach der schwierigen Übergangszeit noch wettbewerbsfähiger sein.

Wie sieht denn die schwierige Übergangszeit aus?

Die Margen werden runtergehen, vielleicht gibt es einige Einbußen im Export.

Keine Firmenpleiten, keine massenhaften Entlassungen?

Massenhafte Entlassungen? Das glaube ich nicht. Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz war selbst in den schwierigsten Zeiten nicht sehr hoch. Aber es wird weniger Ansiedlungen, insbesondere im Dienstleistungssektor, geben.

Kann Nestlé weiter in der Schweiz produzieren?

Wir produzieren ja Nespresso für den weltweiten Markt in der Schweiz. Da der Dollar weniger Wert ist, können wir Kaffee günstiger einkaufen. Und die Löhne schlagen bei einem so hochwertigen Produkt nicht so sehr durch. Wir glauben deshalb weiterhin, dass wir aus der Schweiz heraus den Weltmarkt mit Nespresso bedienen können.

Das Gespräch führte Daniel Baumann.

Datum:  22 | 8 | 2011
Kommentare:  10
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.


Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Fotostrecke
Forum Entwicklung
Das Forum Entwicklung ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Anzeige

Tops und Flops in der Wirtschaft

Anzeige

 

Video

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...

 Mehr...

Brutto / Netto Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige

Finden Sie jetzt gezielt den richtigen Partner für eine glückliche Beziehung. So wird Ihre Partnersuche ganz einfach.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!