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Interview mit Wisag-Chef: "Es führt kein Weg am Mindestlohn vorbei"

Der Chef des Frankfurter Dienstleistungsunternehmens Wisag, Michael C. Wisser, warnt vor den Folgen der neuen Konkurrenz aus der EU für den deutschen Arbeitsmarkt und fordert einen flächendeckenden Mindestlohn.

Fensterputzer der Wisag-Gebäudereinigung (Archivbild)  Foto: dpa
Frankfurt –  

Deutsche Arbeitnehmer erhalten ab Mai kommenden Jahres neue Konkurrenz aus den osteuropäischen EU-Ländern. Dann gilt auch für Menschen aus Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit. Der Chef des Frankfurter Dienstleistungsunternehmens Wisag, Michael C. Wisser, warnt vor den Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt und fordert einen flächendeckenden Mindestlohn.

Herr Wisser, die Beschäftigten ihres Unternehmens bewachen Geschäfte, fertigen das Gepäck von Fluggäste ab und reinigen Gebäude. Müssen sie befürchten, dass deutlich schlechter bezahlte Kollegen aus Polen oder der Slowakei ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, wenn im Mai nächsten Jahres die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für diese Länder gilt?

Michael C. Wisser, Chef des Wisag-Unternehmens
Michael C. Wisser, Chef des Wisag-Unternehmens
Foto: pr

Das kommt darauf an, in welchem Bereich sie tätig sind. Für die Gebäudereiniger gilt ja bereits ein Mindestlohn, an den sich auch Unternehmen aus den Beitrittsländern halten müssen. Für alle Branchen, in denen kein Mindestlohn gilt, ist diese Gefahr sehr real. In der Dienstleistungsbranche entfallen 60 bis 80 Prozent der Gesamtkosten auf das Gehalt und die Sozialabgaben für die Mitarbeiter. In den Beitrittsländern ist nicht nur das Lohnniveau dramatisch niedriger, sondern die Arbeitgeber müssen auch sehr viel weniger in die Sozialversicherung einzahlen. Sobald ein Unternehmen beginnt, diesen Standortvorteil zu nutzen, werden alle Wettbewerber nachziehen müssen, um keine Aufträge zu verlieren oder um neue Aufträge zu gewinnen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass künftig polnische Arbeiter an westdeutschen Flughäfen zu Billiglöhnen das Gepäck verladen?

Was spricht dagegen? In der Baubranche haben wir diese Situation doch schon längst.  In den Beitrittsländern ist die Arbeitslosigkeit hoch und sehr viele Menschen sprechen gut deutsch. Da liegt es doch nahe, dass sie nach Deutschland kommen und zu Löhnen arbeiten, die für dortige Verhältnisse völlig in Ordnung sind.

Wisag

Obwohl die Wisag erst 1965 vom BWL-Studenten Claus Wisser gegründet wurde, ist sie heute mit mehreren zehntausend Mitarbeitern eines der größten Dienstleistungsunternehmen Deutschlands. Sie erbringt Dienstleistungen für Gewerbe-, Infrastruktur- und Wohnimmobilien, Industrie und bodennahe Verkehrsdienste. Die Wisag ist auch in Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Polen vertreten.

Und bei den deutschen Unternehmen sind diese Jobs dann verloren.

Das ist die Gefahr, ja. Ich glaube, einige Politiker machen sich gar nicht klar, was das nicht nur für die Betroffenen sondern auch für die Sozialkassen bedeuten würde. Denn aus den Einzahlern von heute würden dann Leistungsbezieher werden. Das kann aus meiner Sicht nur noch durch die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns verhindert werden. Für diese Lösung haben sich ja fast alle anderen EU-Mitgliedsstaaten auch entschieden. Es ist doch ein Treppenwitz, dass sich Deutschland dazu nicht durchringen kann, denn in keinem anderen Land drohen durch die Osterweiterung so viele Probleme. Wir haben nicht nur ein hoch entwickeltes Sozialversicherungssystem, sondern auch ein großes Grenzgebiet. Und die sprachliche und kulturelle Barriere für die Arbeitskräfte aus den Beitrittsländern ist niedriger als zum Beispiel in Frankreich oder Spanien.

Moment mal! Sie fordern einen branchenübergreifenden Mindestlohn? Dagegen haben sich die Arbeitgeber in den vergangenen Jahren doch immer gewehrt.

Mir wären branchenspezifische Mindestlöhne auch lieber gewesen, weil sie gerechter sind und der jeweiligen Situation der Branche besser Rechnung tragen würden. Aber die Verhandlungen darüber haben sich als zu schwerfällig erwiesen. Jetzt läuft uns die Zeit davon. Deshalb führt kein Weg mehr an einem Mindestlohn vorbei, es sei denn, man will Hunderttausende Jobs für Niedrigqualifizierte riskieren. Man muss die ideologische Diskussion darüber auch nicht überstrapazieren, denn es gibt ja schon heute ein staatlich garantiertes Existenzminimum, an dem sich unter Berücksichtigung einer festzulegenden Monatsarbeitszeit die Mindestlohndiskussion am unteren Ende orientieren könnte. Hierbei muß aber allen Beteiligten klar sein, dass sich jede Art von Arbeit in einer Marktwirtschaft lohnen muß und ein Mindestlohn daher nur oberhalb eines solchen Niveaus liegen kann.

Interview: Anna Sleegers

 

Datum:  25 | 10 | 2010
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