Herr Horn, vor einem Jahr geriet Griechenland in Schwierigkeiten und musste durch die EU mit Milliarden unterstützt werden. Inzwischen hat sich die Krise trotz der Rettungspakete verschärft. Denn die Märkte rechnen damit, dass Athen seine Schulden nicht bedienen kann. War die Rettung ein Fehler?
Nein. Denn was damals galt, gilt noch heute: Geht Griechenland pleite, so droht eine Ansteckung der anderen Peripheriestaaten wie Irland, Portugal oder Spanien.
Gustav Horn (56) ist einer der profiliertesten Ökonomen Deutschlands. Horn studierte Volkswirtschaft in Bonn und arbeitete danach am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Von 2000 an leitete Horn die Konjunkturabteilung des DIW und wurde so deutschlandweit bekannt.
Als Vertreter einer keynesianischen – makroökonomischen – Theorierichtung geriet er jedoch in Konflikt mit DIW-Chef Klaus Zimmermann. Horn verließ im Jahr 2004 das DIW, und die Gewerkschaften nutzten die Gelegenheit, um den Ökonomen zum Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung zu machen. kau
Irland und Portugal mussten dennoch unter den Euro-Rettungsschirm flüchten.
Eben weil nach wie vor das Gespenst der Pleite über ihnen schwebte. Spanien und Italien konnten jedoch abgeschirmt werden. Ihre Ansteckung hätte eine Katastrophe bedeutet.
Die Krise begann mit Griechenland, und sie geht mit Griechenland weiter. Das Land hat Schulden in Höhe von mehr als 140 Prozent der Wirtschaftsleistung. Wäre ein Schuldenschnitt nicht hilfreich?
Keineswegs. Ein Schuldenschnitt nützt Griechenland letztlich nichts, er verschlimmert die Situation nur. Denn damit drohen den Banken und Versicherungen in Europa hohe Verluste. Zudem würden die Zinsen für Griechenland in die Höhe schießen, das Land wäre über Jahre vom Kapitalmarkt abgeschnitten. Und schließlich würden sich die Finanzmärkte sofort dem nächsten Kandidaten zuwenden, der auf der Kippe steht. Und da haben wir ja derzeit genügend Kandidaten.
Aber es gibt positive Beispiele für Umschuldungen. Zum Beispiel Argentinien.
Hier gibt es zwei Unterschiede zu Griechenland: Erstens war im Falle Argentiniens ein Schuldenschnitt unvermeidlich. Denn das Land hatte sich in Auslandswährung – US-Dollar – verschuldet. Und die kann es nur durch Export einnehmen. Als dies nicht mehr funktionierte und die Anleger dem Land keine Dollar-Kredite mehr gewährten, konnte Argentinien seine Kredite nicht mehr bedienen und musste umschulden. Zweitens konnte Argentinien in den Folgejahren seine Währung massiv abwerten. Dadurch wurde die Leistungsbilanz positiv, das heißt: Argentinien verschuldete sich nicht weiter im Ausland.
Und Griechenland?
Griechenland kann als Euro-Land seine Währung nicht abwerten. Um seine Leistungsbilanz positiv zu machen, muss es sein Lohn- und Preisniveau massiv senken. Das bedeutet Rezession. Zweitens: Da Griechenland Kredite in seiner eigenen Währung – dem Euro – aufgenommen hat, ist ein Schuldenschnitt keineswegs zwangsläufig.
Wieso nicht?
Griechenland hat zwar hohe Schulden, die sind zweifellos eine Belastung. Was seine Lage wirklich brenzlig macht, das sind die hohen Zinsen. Wenn Athen sich heute für mehr als zwei Jahre Geld leihen will, muss es mehr als 20 Prozent Zinsen zahlen. Das kann sich kein Land leisten, auch nicht Deutschland.
Aber die Zinsen steigen doch nur, weil ein Schuldenschnitt befürchtet wird. Der Anstieg ist eine Reaktion auf die prekäre Lage des Landes...
…und macht den Schuldenschnitt damit unausweichlich. Es ist ein Teufelskreis, angetrieben durch das irrationale Verhalten des Marktes, der auf eine Pleite spekuliert und sie so herbeiführt.
Wieso irrational? Wenn der Markt auf Absturz spekuliert, so ist es für den einzelnen Anleger rational zu verkaufen. Stellt er sich gegen den Markttrend, so drohen ihm Verluste.
Aus Sicht des einzelnen Anlegers stimmt das. Dennoch ist das gesamtwirtschaftliche Ergebnis der Marktspekulation irrational, da es eine Pleite Griechenlands hervorruft, obwohl diese Pleite von den ökonomischen Fundamentaldaten Griechenlands her keineswegs notwendig ist.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Schon derzeit machen dort die Zinszahlungen etwa ein Viertel der Steuereinnahmen aus, in Deutschland sind es nur rund zehn Prozent. Verlässt Griechenland 2013 den Rettungsschirm und finanziert sich am Markt, muss es künftig viel höhere Zinsen zahlen. Die Zinszahlungen dürften dann auf 40 bis 50 Prozent der Steuereinnahmen steigen. Ist das realisierbar?
Natürlich nicht. Aber damit liegt die Lösung des Problems auf der Hand: Die Zinsen müssen runter. Unser Vorschlag: Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins bei 1,25 Prozent. Und Europa sorgt dafür, dass Griechenland zu denselben Konditionen Kredit bekommt wie die kreditwürdigsten Euro-Staaten, also für etwa drei Prozent. Das wäre für Griechenland bezahlbar und das Land bekäme eine Schonperiode, um die Schulden zu drücken und Reformen durchzuführen.
Wie soll die Europäische Union das bewerkstelligen?
Indem die Länder Eurobonds zu einem Festzins ausgeben und das so geliehene Geld ohne Zinsaufschlag an Griechenland weitergeben.
Wie lange sollte Europa Griechenland so kreditieren?
So lange wie es nötig ist. Auf jeden Fall über das Jahr 2013 hinaus, also länger als bislang geplant.
Und damit ließe sich Griechenland retten?
Ja. Nach unseren Berechnungen ginge der Anteil der Schulden an Griechenlands Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2015 auf rund 110 Prozent zurück. Bleiben die Zinsen dagegen hoch, so läge die Schuldenquote in fünf Jahren bei 150 Prozent. Man sieht: Nicht die hohen Schulden ersticken das Land, sondern die hohen Zinsen. Umgekehrt lässt sich sagen: Wenn die Zinsen hoch bleiben, so nützt auch ein Schuldenschnitt nichts. Denn selbst wenn man Ländern wie Griechenland oder Irland ein Drittel ihrer Schulden erlässt, so würde die Schuldenquote danach wieder steigen, sofern der Anleihenzins weiter deutlich über der Wachstumsrate liegt.
Mit einem Schuldenverzicht würden auch die Gläubiger – also Banken und Versicherungen – an der Rettung beteiligt. Wäre das nicht gerecht?
Schon. Aber die Argumente gegen einen Schuldenschnitt bleiben dieselben. Zudem sollte man beachten: Eine Niedrigzinspolitik bringt auch für die Gläubiger Einbußen. Denn sie müssen auf einen Teil der Zinserträge verzichten. Gleichzeitig aber ermöglichen sie so den Schuldnerstaaten die langfristige Bedienung ihrer Verbindlichkeiten. Und der Gesamtverlust der Gläubiger fällt niedriger aus als bei einem abrupten Schuldenschnitt.
Macht man es den hoch verschuldeten Staaten nicht zu einfach, wenn man ihnen jetzt billige Kredite hinterherwirft? Werden sie sich nicht in Zukunft darauf verlassen, dass sie im Notfall von den reichen Ländern gerettet werden?
Was heißt denn hier „zu einfach“? Die Situation, in der Griechenland sich befindet, will man niemandem wünschen. Die Regierung spart eisern, öffentliche Leistungen werden gestrichen, das Lohnniveau sinkt, die Steuern steigen, gleichzeitig herrscht Rezession. So etwas wird kein Land anstreben.
Dennoch würde in Ihrem Vorschlag Griechenlands Schuldenpolitik mit extra-niedrigen Zinsen belohnt.
Niedrig wären die Zinsen nur im Vergleich zu dem, was die Märkte derzeit verlangen. Aber sind diese Markt-Zinsen Ergebnis einer eingehenden Prüfung der Anleger, wie es Griechenland derzeit geht? Keineswegs. Die Renditen an den Märkten sind Ausdruck von Gefühlen – Griechenland und andere Staaten hängen also ab von teilweise irrationalen Spekulationen, von Panik- und Euphoriewellen. Europa sollte sich auf den Standpunkt stellen: Wir setzen den Märkten politisch etwas entgegen. Dann werden sich die Märkte auch beruhigen.
Interview: Stephan Kaufmann
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