Uwe Dolata legt sich mit den Mächtigen in der Wirtschaft an. Im FR-Interview spricht der Wirtschaftskriminalist über verdächtige Visitenkarten, korrupte Ärzte und unternehmerische Selbstdisziplin.
Uwe Dolata ist Wirtschaftskriminalist in Würzburg.
Foto: Alex Kraus
Uwe Dolata ist Wirtschaftskriminalist in Würzburg.
Foto: Alex Kraus
Herr Dolata, Sie sind seit 17 Jahren Wirtschaftskriminalist. Wie oft haben Sie in dieser Zeit wegen Korruption ermittelt?
Das kann ich nicht genau sagen. Die Korruptionsverfolgung ist mein täglich Brot – aber ich habe die Verfahren nie gezählt.
Ist die Arbeit denn wenigstens weniger geworden?
Das sicher nicht. Es wird noch viel geschmiert. In der Autozuliefererindustrie ist Korruption laut der Forschungsstelle Automobilwirtschaft weit verbreitet. Aber zumindest hat sich das öffentliche Bewusstsein verändert. Wir hatten in Deutschland ja lange Zeit das Gefühl, Korruption sei hier kein Thema. Schmiergelder konnten von den Steuern abgesetzt werden. Noch immer gilt Bestechlichkeit aber in weiten Teilen der Bevölkerung als Kavaliersdelikt. Und es fehlt weiter ein Gesetz gegen Abgeordnetenbestechung.
Warum ist Korruptionsbekämpfung so wichtig?
Korruption ist todbringend, das hat Transparency International mal gesagt. Ich arbeite zwar ungern mit diesen Drohgebärden – aber de facto stimmt es ja. Wir sehen es bei den Unruhen in der arabischen Welt oder wenn ungeeignete Arzneimittel verschrieben werden. Korruption ist ein Krebsgeschwür – und oft ahnt man gar nicht, welche dramatischen Folgen es hat.
Die dreistesten Mogel-Lebensmittel
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Die dreistesten Mogel-Lebensmittel
Wasabi Erdnüsse von The Lorenz Bahlsen Snack-World. Was fehlt: Wasabi (japanischer Meerrettich). Als Ersatz werden minderwertige Zutaten für den Geschmack verwendet - etwa Spirulina-Konzentrat (Algenkonzentrat), Aroma, Geschmacksverstärker und Farbstoff.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Bei den Mini Keks Bolden "Schoko" (Hersteller: Biscuits Delacre) vermissen wir die Schokoladenfüllung im Keks. Stattdessen müssen wir billigen Ersatz essen - Kakaocremefüllung mit Schokoladenimitat, unter anderem aus fettarmem Kakaopulver (3,7%), Zucker und gehärtetem Pflanzenfett hergestellt (Verpackung von 2009).
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Beim Combi Weiß in Salzlake, 50 Prozent Fett, (Hersteller: Efe Firat Feinkost) fehlt echter Schafskäse aus Schafsmilch. Stattdessen findet sich in der Dose billiger Ersatz durch Analogkäse, der wie Schafskäse aussieht. Er enthält billiges Pflanzenfett statt Milchfett und Magermilch aus Kuhmilch statt Schafsmilch. Restaurants und Imbissbuden verwenden dieses Käseimitat gerne - und verkaufen es als Schafskäse.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Bei der Surimi-Garnele (loser Verkauf) handelt es sich um gepresstes Fischeiweiß in Garnelenform. Es gibt täuschend echte Garnelenimitate, in denen Fischeiweiß steckt, das nicht anders verwertbar ist. Zudem Geschmacksverstärker, Aromen, Farbstoffe und Hühnereiweiß. Guten Appetit!
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Hier zum Vergleich eine echte Garnele. Das Imitat wird immer wieder in Imbissen als "Surimi Garnele, gefangen" bezeichnet, was den Eindruck erwecken soll, es handele sich um echte Garnelen.
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Der Meeresfrüchte Cocktail mit Krebsfleischimitat (Einkauf bei Kaufhof). Für 40 Euro das Kilo erwarten wir 100 Prozent Meeresfrüchte wie Muscheln, Garnelen oder Tintenfische. Stattdessen wird das Produkt mit billigem Surimi (Krebsfleischimitat aus Fischmuskeleiweiß) gestreckt.
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Beim Du darfst Putensalat mit Joghurtdressing (Hersteller: Unilever Deutschland) bekommen wir nicht etwa 100 Prozent Putenfleisch. Stattdessen serviert uns der Hersteller zusammengefügte Fleischreste. Zum gewachsenem Putenfleisch kommen Form-Putenfleisch und das noch billigere Form-Hähnchenfleisch.
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Im Fol Epi Nuss von Fromageries Rambol gibt es statt 100 Prozent Käse billigen Schmelzkäse. Die sogenannte Schmelzkäsezubereitung besteht nur zu 65 Prozent aus Käse, ist mit Zusatzstoffen wie Schmelzsalzen (E452, E339: Phosphate) und Aromen versetzt - was bei Käse nicht erlaubt ist. Die Scheiben aus Schmelzkäse sind leicht mit echtem Schnittkäse verwechselbar.
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Im Mucci Vanilleeis (Aldi Nord) muss der Verbraucher echte Vanille und 100 Prozent Milchfett vermissen. Stattdessen billiger Ersatz durch überwiegend synthetisches Vanillin und Kokosfett, wie die Stiftung Warentest ermittelt hat.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
Platz 9: Pesto Basilico (Hersteller: Buitoni). Statt 100 Prozent Pesto (Pesto alla genovese) mit den original Zutaten wie Pinienkernen, Olivenöl, Parmesan und/oder Pecorino findet sich im Glas ein billiger Ersatz: Sonnenblumenöl statt Olivenöl (Olivenölanteil laut Zutatenliste unter zwei Prozent). Minderwertiges Cashewkernpulver statt Pinienkernen (Pinienkerne laut Zutatenliste weniger als zwei Prozent vorhanden). Kostengünstiger Hartkäse ersetzt zu Dreiviertel den Wert gebenden Pecorino (zwei Prozent). Aromen machen aus diesem traditionellen Produkt endgültig ein Imitat.
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Die Hähnchenschnitten Wiener Art von Vossko-Tiefkühlkost enthalten keine Hähnchenschnitzel aus einem Stück gewachsenem Fleisch. Stattdessen wird billiger Ersatz durch Verschnitt von kleinen Stücken aus Hähnchen- und Putenfleisch verkauft.
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Wer bei den Bio-Vollkorn-Toastbrötchen (Hersteller: Proback, Aldi Nord) denkt, hier handelt es sich um Vollkorntoast-Brötchen aus Vollkornmehl, irrt. Statt 90 Prozent Vollkornmehl im Mehlanteil wie in den Leitsätzen für Brot und Kleingebäck verlangt sind im Produkt nur 60 Prozent enthalten. Gestreckt wird mit Weizenmehl, gefärbt mit Gerstenmalzsirup.
Foto: Verbraucherzentrale Hamburg
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Was liegt auf Ihrem Teller - Original oder Fälschung? Das ist, wie hier bei Garnelen, nicht immer leicht zu erkennen. Lebensmittelkonzerne nutzen das aus. Sehen Sie die größten Mogel-Lebensmittel - zusammengestellt von der Verbraucherzentrale Hamburg und von Foodwatch.
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Kraus
Fotostrecken Wirtschaft
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Welches ist der korrupteste deutsche Wirtschaftszweig?
Die größte Baustelle im Bereich der Korruption ist das Gesundheitswesen. Hier gibt es die meisten Schmiergeldempfänger. Ob Ärzte, Hörgeräteakustiker, Physiotherapeuten, Kurzentren, Apotheken, Krankenhäuser oder eben die berüchtigten Pharmakonzerne, alle Bereiche sind von Korruption betroffen.
Wie viel Geld geht im Gesundheitswesen dadurch verloren?
Genau kann man es nicht sagen, weil die Dunkelziffer sehr hoch ist. Aber wir sprechen von vielen Milliarden. Die Schätzungen gehen von 13,5 bis 20 Milliarden Euro, die jährlich dem deutschen Gesundheitswesen dadurch entgehen. Aber ich warne immer davor, mit diesen Zahlen zu operieren, weil die Dunkelziffer in diesem Bereich bei 97 Prozent liegt. Dann sind diese Zahlen mehr oder minder ein Blick in die Glaskugel.
Warum weiß man nicht mehr darüber?
Weil die Ermittler sich nicht richtig an das Gesundheitswesen rantrauen. Das ist eine sehr komplizierte Materie. Es fehlt das Know-how und das notwendige Personal. Die Verfahren sind mit Gutachterstreitigkeiten versehen, mit einer oft schwammigen Gesetzeslage und mit einer Reihe von sehr guten Anwälten auf der Gegenseite, weil sich das Pharmakonzerne aber auch Ärzte leisten können.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir die Geschäftsbeziehungen zwischen der Pharmaindustrie und den Ärzten. Die Konzerne können bei den Ärzten Studien in Auftrag geben, um Medikamente zu erforschen. Sind diese Studien wissenschaftlich nötig und sind sie angemessen bezahlt? Oder sind sie ein Mittel zur Verschleierung von Schmiergeldzahlungen? Selbst wenn auffliegt, dass ein Arzt Geld von einem Pharmakonzern entgegengenommen hat für die Verordnung bestimmter Medikamente, konnten wir bislang wenig dagegen tun.