Herr Joussen, Vodafone steigt ins Fernsehgeschäft ein. Wie viel Fernsehen nutzt denn der Privatmann Friedrich Joussen?
Einige Sendungen schaue ich regelmäßig an, die Nachrichten und den „Tatort“. Ansonsten sehe ich relativ wenig Fernsehen.
Aber Sie wollen die Verbraucher künftig mit ziemlich viel Fernsehen beglücken.
Mit Vodafone TV wird jeder zum Programmdirektor, Sie entscheiden wann sie was sehen, aufnehmen oder zeitversetzt betrachten. Das Gerät erkennt auch Serien und zeichnet die kommenden Folgen ganz automatisch auf. Zusätzlich gibt es eine eigene Videothek mit sehr aktuellen Filmen und Blockbustern. Dazu verhandeln wir direkt mit den grossen Hollywood-Studios.
Ähnliches bieten die Telekom und Kabelnetzbetreiber auch schon an. Der Konkurrenzkampf ist hart. Kommt Vodafone da nicht reichlich spät?
Es liegen Welten zwischen den Angeboten. Wir wollten Internet-Fernsehen für alle, nicht für einen kleinen Nutzerkreis. Die Herausforderung war, ganz verschiedene Empfangssignale in einer Media Box zusammen zu führen. Alle Angebote, die es bislang gibt, haben Einschränkungen. Unser Media Center hat einen Internet-, einen Kabel- und einen Satellitenanschluss. Und sie können sich mit dieser Box auch beispielsweise Fotos, die auf einem USB-Stick gespeichert sind, auf dem Fernseher anschauen.
Dennoch, auf der Funkausstellung werden wir viele ähnliche Lösungen sehen. Können Sie Kabelnetzbetreibern, die zudem extrem hohe Bandbreiten anbieten, Kunden abzujagen? Da müssen sie schon mit sehr günstigen Preisen kommen.
Friedrich Joussen (Jahrgang 1963) ist seit Oktober 2005 Chef der hiesigen Tochter des britischen Mobilfunkers Vodafone.
Joussen hat Elektrotechnik studiert, mehrere Patente angemeldet und zur Marktreife geführt. Er war maßgeblich an der Einführung des Kurznachrichtendienstes SMS in Deutschland beteiligt.
1988 begann er seine Karriere bei Mannesmann Mobilfunk - das Unternehmen wurde 2000 von Vodafone übernommen. Heute hat die Firma hierzulande 35 Millionen Mobilfunk- und 3,8 Millionen DSL-Kunden. fw
Ich sehe keine auch nur annähernd so attraktive Lösung im Markt. Welcher Preis angemessen ist, wird sich zeigen. Aufgrund der von uns gewählten technischen Wege, können wir aber sehr wettbewerbsfähig sein. Fest steht, viele Menschen sind heute ausgeschlossen, denn wir haben in Deutschland keine 20 Millionen Kabelhaushalte. Auch für das Internetfernsehen der Telekom brauchen sie so hohe Bandbreiten, dass viele Menschen gerade in ländlichen Gebieten die Angebote der Wettbewerber nicht nutzen können. Wir können den Vodafone-TV-Service in der Fläche bieten, in den Städten, wie auf dem Land. Das wird ein Produkt für Jedermann.
Kabelnetzbetreiber wachsen im Geschäft mit Internet- und Telefonanschluss erheblich schneller als ihre Festnetzsparte. Ist das Fernsehprojekt der Versuch, dieses Geschäftsfeld zu retten, das früher Arcor hieß?
Wir waren nach der Arcor-Übernahme der erste integrierte Kommunikationsanbieter in Deutschland, mit Mobilfunk, Festnetz, Internet und Datenservices. Wir haben bei Festnetz und DSL weiter Wachstum und sind erheblich grösser als die Kabelnetzbetreiber. Die Festnetzkompetenz ist zudem ein wesentliches Rückgrad für unsere dynamisch wachsende Firmenkundensparte. Die „alte Arcor“ ist in Vodafone aufgegangen und wir haben uns als integriertes Unternehmen komplett neu erfunden. Telekommunikation ist die Lebensader für das vernetzte Leben, zu Hause wie im Geschäftsumfeld. Klar ist, auch Fernsehen gehört heute zu unserem Geschäft.
Auch ohne Bezahlfernsehen ?
Ich sehe nicht, dass wir Bundesliga-Rechte kaufen werden. Aber unsere Multi-Media-Box ist „sky-ready“. Wir stehen aber noch am Anfang. Konkrete Verhandlungen mit Sky hat es noch nicht gegeben. Wir haben uns für einen offenen Standard entschieden, jeder Inhalteanbieter ist willkommen.
Kann ich dann den „Tatort“, den Ihre Box auf der Festplatte gespeichert hat, auf ein iPad per Wlan überspielen?
Wir haben für unsere Box den offenen DLNA-Standard gewählt, den viele wichtige Hersteller unterstützen. Fernseher und Radiogeräte unterschiedlicher Marken sind kompatibel, das ist gut für die Verbraucher. Sie entscheiden, welche Geräte sie nutzen und sie müssen nicht alles neu kaufen, was bei geschlossenen Systemen ein struktureller Nachteil sein dürfte. Wenn das iPad DLNA hätte, dann würde das gehen. Aber Apple-Geräte unterstützen DLNA bislang nicht. Aber sie können den Tatort beispielsweise auf unterschiedlichen Fernsehern im Haus gleichzeitig abspielen.
Alle sprechen von Übernahmen in der Branche. Kabel Deutschland und Kabel Baden Württemberg gelten als Übernahmekandidaten. Auch Vodafone soll Interesse haben. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Kein Kommentar.
Sie haben LTE angesprochen. Wäre es nicht sinnvoll, sich komplett auf diese neue Technik zu konzentrieren?
LTE ist der modernste Mobilfunkstandard und bietet in der Tat enorme Möglichkeiten, denn LTE kann eine Übertragungsgeschwindigkeit von bis zu 100 Megabit pro Sekunde erreichen. Das ist wesentlich schneller als DSL heute.
Das heißt in drei, vier Jahren werden wir mit Mobilfunktechnik auch Fernsehen können?
Es gibt nichts Schwierigeres und Gefährlicheres für den Mobilfunk als Fernsehen. Wenn dann viele Nutzer gleichzeitig in einer Zelle ein solches Angebot abrufen würden, könnten sie sich gegenseitig blockieren und die Servicequalität des Netzes würde eingeschränkt. Insofern kann vielleicht auch so etwas irgendwann kommen, in naher Zukunft aber nicht.
Was können dann die Verbraucher beim LTE-Mobilfunk erwarten? Die Frequenzen sind versteigert, sie müssen jetzt mit dem Ausbau beginnen.
Genau das geschieht jetzt und zwar zügig. Wir beginnen in den nächsten Wochen die ersten Mobilfunk-Stationen auf die neue LTE-Technologie hochzurüsten. Wir werden 1500 Stationen bis Ende März 2011 mit der neuen Technik ausgestattet haben. Wichtig ist, dass die Hersteller die Geräte zeitnah verfügbar haben.
Welche Geräte meinen Sie?
Es geht um Modems, um DSL-Boxen für den Empfang der Funksignale. Die müssen wir einkaufen, die gibt es bislang noch nicht auf dem Weltmarkt.
Haben da die Hardwarehersteller versagt?
Es gibt jetzt Nachfrage und einen Markt und wo ein Markt ist, treten die Hersteller naturgemäß in Wettbewerb. Es gibt bereits die ersten Prototypen. Das muss jetzt in die Massenproduktion.
Wenn die Boxen da sind, was werden Sie anbieten?
Der Breitbandplan der Bundeskanzlerin sieht 1 Megabit pro Sekunde für die ländlichen Regionen vor, wir werden verlässlich eine Bandbreite um fünf Megabit pro Sekunde anbieten.
Das lässt sich dann in Gebieten vermarkten, wo es bislang kein Breitband-Internet gibt.
So ist es. Wir werden uns zunächst darauf konzentrieren, die sogenannten weißen Flecken, die quer durch Deutschland gehen, zu versorgen. Wir haben der Kanzlerin versprochen, dass die weißen Flecken innerhalb eines Jahres kein Thema mehr sind. Dazu haben wir uns auch bei der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen verpflichtet. Dazu stehen wir bei Vodafone, das sollte unsere ganze Industrie leisten. Ich sehe hier eine nationale Aufgabe, Internet für alle sehr schnell Realität werden zu lassen. In Finnland ist der Anspruch auf Breitbandzugang übrigens heute ein Grundrecht.
Gleichzeitig müssen Sie sich auch im Mobilfunkgeschäft etwas einfallen lassen. Die Einnahmen pro Nutzer stagnieren.
Der Turnaround ist geschafft, wir wachsen wieder. Der durchschnittliche Umsatz pro Nutzer ist jahrelang gefallen. Im vergangenen Geschäftsjahr ist aber auch er erstmals gestiegen.
Doch die Telekom ist Vodafone mit dem iPhone davongezogen. Es gibt aber Spekulationen, dass ihr Konkurrent das Gerät nur noch bis Ende des Jahres in Deutschland exklusiv vermarkten darf.
Ich registriere alle Meinungen und Aussagen zu diesem Thema ohne jegliche Wertung. Manchmal passieren Dinge schneller als man denkt.
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