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25. April 2014

Adidas: Grobes Foul von Adidas

 Von 
Adidas-Schuhe in einem Adidas-Store in Peking.  Foto: REUTERS

Der Sportartikelhersteller Adidas zieht nach einem Streik der Mitarbeiter Aufträge von einer chinesischen Firma ab. Für diese Aktion hagelt es Kritik von allen Seiten.

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Die Nachricht klingt erst einmal gut: Der Streik beim südchinesischen Adidas-Zulieferer Yue Yuen geht nach fast zwei Wochen zu Ende. Die meisten der 40.000 Mitarbeiter des Sportschuh-Herstellers in der südchinesischen Acht-Millionen-Stadt Dongguan kehrten am Freitag an ihre Arbeitsplätze zurück. In der Zentrale des Sportartikel-Herstellers in Herzogenaurach löste die Nachricht Erleichterung aus. „Wir freuen uns, mitteilen zu können, dass der Teil der Produktion, der unser Unternehmen betrifft, wieder läuft“, sagte eine Adidas-Sprecherin.

Am Tag zuvor hatte Adidas Lieferaufträge von der Fabrik mit der Begründung abgezogen, man wolle die Auswirkungen des Streiks auf das Geschäft begrenzen. Die Beschäftigten des weltweit größten Schuhherstellers Yue Yuen mit einer Jahresproduktion von 300 Millionen Paar Schuhen waren in den Ausstand getreten, weil das Unternehmen über Jahrzehnte hinweg für die Mitarbeiter vertraglich vereinbarte Wohnungszuschüsse und Zahlungen an Sozialfonds nicht geleistet hatte.

Nach Darstellung von Adidas habe man sich in den vergangenen Tagen in Gesprächen mit der Unternehmensleitung und der zuständigen Bezirksregierung um eine Lösung bemüht – und eine solche nun auch gefunden. In noch offenen Fragen werde „an einer Lösung gearbeitet“, so die Adidas-Sprecherin. Die Geschäftsbeziehungen zu Yue Yuen stünden nicht zur Disposition. Es werde aber bei dem angekündigten Abzug künftiger Lieferverträge bleiben. Es handele sich dabei um ein „völlig normales Umschichten der Produktion unter unseren mehr als 1000 Zulieferern“. So weit die gute Nachricht.

Es existiert aber auch eine weniger erfreuliche Version der Geschehnisse. Von Normalität kann nach Ansicht des DGB-Vorsitzenden Michael Sommer nämlich keine Rede sein. „Dass Adidas den aktuellen Auftrag gestoppt hat, ist eine Entscheidung, die rein am Profit orientiert ist“, sagte Sommer der FR. Kurz vor der WM in Brasilien sei es dem Konzern anscheinend nur um gute Verkaufszahlen gegangen. Wenn es um die Erfüllung sozialer Mindeststandards und guter Arbeitsbedingungen gehe, seien die Firmen vor Ort, aber ebenso hiesige Konzerne in der Pflicht. „Gerade von einem Unternehmen wie Adidas, das gerne mit dem Saubermannimage wirbt, hätte ich ein anderes Verhalten erwartet“, sagte Sommer.

Aktivisten demonstrieren vor der Adidas-Niederlassung in Hong Kong und prangern die Zustände beim Zulieferer Yue Yuen an.  Foto: dpa

Auch Berndt Hinzmann, China-Experte des Inkota-Netzwerks, das sich weltweit für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt, übt Kritik am Vorgehen der Herzogenauracher: „Letztlich zieht sich Adidas, sowie es kritisch wird, aus der Verantwortung.“ Man drücke die Zulieferer-Preise so weit es gehe und sei somit für die niedrigen Löhne und schlechten Arbeitsbedingungen mitverantwortlich. Auf Streiks reagiere das Unternehmen dann flugs mit Rückzug.

Genau dies sei aus Sicht der Beschäftigten grundfalsch, urteilt Frauke Banse von der Kampagne für saubere Kleidung: „Unsere Grundforderung an die Unternehmen lautet, niemals einfach die Geschäftsverbindungen zu Zulieferern zu kappen, wenn dort für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt wird.“ Denn ein Rückzug sei ein Signal an die Mitarbeiter, dass mutiges Eintreten für ihre Grundrechte mit der Kündigung von Aufträgen quittiert werde. Zudem verlöre der Auftraggeber jede Möglichkeit, die Arbeitsbedingungen beim Zulieferer positiv zu beeinflussen.

Prozess in Kambodscha

Nach einem Streik in Kambodschas Textilindustrie müssen sich 23 Arbeiter und Aktivisten vor einem Gericht in der Hauptstadt Phnom Penh verantworten. Den Angeklagten wird das Schüren von Gewalt und die Zerstörung von Eigentum vorgeworfen. Vor dem Gerichtsgebäude versammelten sich hunderte Demonstranten und riefen: „Befreit die 23!“ Menschenrechtsgruppen zufolge drohen den Angeklagten, von denen die meisten seit ihrer Festnahme im Januar inhaftiert sind, bis zu fünf Jahre Haft, vornehmlich wegen „vorsätzlicher Gewalt“.

Im Januar waren im Zuge des landesweiten Streiks mehrere Menschen getötet worden, als die Polizei auf die Demonstranten geschossen hatte. Außerdem hatten Augenzeugen berichtet, dass Soldaten einer Eliteeinheit gewaltsam gegen protestierende Arbeiter und Arbeiterinnen vorgegangen und mehrere Streikende verhaftet hatten. Die Beschäftigten hatten eine Verdoppelung ihres monatlichen Mindestlohns auf 160 US-Dollar (umgerechnet etwa 116 Euro) gefordert. Das Arbeitsministerium setzte den Betrag schließlich auf 100 Dollar fest.

Fast 650 000 Menschen arbeiten in Kambodscha in der Textilbranche, die vor allem internationale Modemarken beliefert. Die meisten der Beschäftigten sind junge Frauen. Die Bekleidungsindustrie gilt als wichtigster Exportzweig des südostasiatischen Landes. Kambodscha zählt zu den ärmsten Staaten Asiens. Ähnlich wie in Bangladesch protestieren Arbeiterinnen und Arbeiter immer wieder gegen niedrige Löhne und unzumutbare Bedingungen in den Fabriken. (epd, afp)

Adidas betont demgegenüber, dass ein Rückzug gar nicht geplant sei. Man werde weiter mit Yue Yuen zusammenarbeiten, so die Sprecherin. Adidas lege großen Wert auf das Einhalten von Arbeitsstandards in den Zulieferfirmen und überwache diese auch „ständig“. Dass die Kontrolle im Falle von Yue Yuen ganz so strikt nicht gewesen sein kann, bleibt unkommentiert.

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Offen ist die Frage, ob die Konzerne an einer funktionierenden Arbeitnehmervertretung in ihren Zuliefer-Firmen überhaupt interessiert sind. Mit Blick auf Streiks in Südchina, die 2012 Zulieferer für die japanische Automobilindustrie lahm legten, kam der Frankfurter Soziologe Boy Lüthje zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Ausstände hätten „wirksam das existierende System der Arbeitskontrolle in den boomenden modernen Industrien des Landes in Frage“ gestellt und damit große Besorgnis in den Unternehmenszentralen ausgelöst. „Typischerweise diktieren stillschweigende Koalitionen zwischen multinationalen oder heimischen Kapitalisten und Lokalregierungen die Bedingungen in den Fabriken.“ Dies sei auch für Zulieferer von Wal-Mart, Apple oder Nike dokumentiert.

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